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Rausch und Risiko

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Vor einigen Wochen tauchte auf Youtube ein Video auf, das Menschen beim Surfen auf Münchner S-Bahnen zeigt. Am Ende des zwölf Minuten langen Clips liegt einer der Jungs verletzt auf den Gleisen. S-Bahnsurfen war in den Neunzigern ein bekanntes Phänomen, verschwand dann aber aus dem öffentlichen Bewusstsein. Jetzt.de hat die Macher des Videos getroffen und mit ihnen anonym über alte S-Bahnen, den Kick und den schrecklichen Unfall gesprochen.

jetzt.de: Anfang Oktober habt ihr auf youtube.com ein Video hochgeladen, das euch beim S-Bahn-Surfen zeigt. Wie ist das Video entstanden?
Sven: Den Plan hatten wir, als die neuen S-Bahnen kamen. Wir hatten noch sehr viel altes Material, das den größten Teil des Videos ausmacht. Uns haben noch ein paar Aufnahmen gefehlt für das Video. Wir sind dann nach Stuttgart und Frankfurt gefahren dort sind die alten S-Bahnen noch in Betrieb um noch ein paar Sachen zu drehen.

Warum habt ihr das Video jetzt ins Netz gestellt?
Tom: Vielleicht ist es eine Art Aufarbeitung und gleichzeitig eine Abschreckung.

Wann habt ihr damit aufgehört?
Tom: Eigentlich war das nach Mikes Unfall, also 2006.
Jan: Für mich war mit den neuen S-Bahnen Schluss. Aber Mike fuhr trotzdem weiter auch auf den neuen.

Kann man auf der neuen S-Bahn noch surfen?
Tom: Es geht schon noch. Das Problem ist nur: Du kommst aus der fahrenden S-Bahn nicht mehr raus. Du muss also von außen aufspringen und dich an der Scheibensprühanlage hochziehen. Oder eben vom Stationsdach rüberspringen.
Sven: Man kann theoretisch auch das Fenster aufschrauben, aber das ist schon sehr viel Action.



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Wann habt ihr damit angefangen?
Jan: Vielleicht so 1995, da waren wir 13, 14 Jahre alt.
Tom: Los ging es eigentlich, weil wir mit der S-Bahn zur Berufsschule nach Erding fahren mussten und keinen Bock auf Stempeln hatten. Wenn du draußen dran hängst, kann dich halt auch keiner kontrollieren. Nach und nach haben wir uns mehr getraut: Auf der Strecke vom Leuchtenbergring nach Daglfing bin ich zum ersten Mal aufs Dach gestiegen. Mir fiel plötzlich auf, dass der Stromabnehmer bei jeder Brücke wieder nach unten kommt. Also, habe ich mich auf den Bauch gelegt und bin knapp durchgekommen. Danach war der Bann gebrochen.
Tom: Wir haben dann immer mehr ausprobiert: Erst an der Seite, dann hoch aufs Dach, wieder runter an die Seite, dann streift dich ein Ast am Arsch und du kletterst wieder hoch. Wie fühlt sich das an? Worauf muss man achten?
Sven: Stell dir vor, es ist Sommer, die Sonne scheint, die S-Bahn fährt ihre 120 km/h, an manchen Stellen sogar noch schneller, du spürst den Fahrtwind. Du vergisst alles um dich herum und wenn du wieder heruntersteigst, bist du einfach nur glücklich.
Tom: Es ein Rausch, nach und nach probierst du alles aus: Die Füße in den Gepäckträgern und sich kopfüber raushängen. Als Scream" in den Kinos lief, haben wir uns solche Masken besorgt und haben dann von außen kopfüber die Leute erschreckt.

Aber auch Ende der Neunziger wusste man, dass das sehr gefährlich ist.
Tom: Wenn du es das erste Mal machst, stellst du fest: Hey, ich habe ja Halt, ich bin fest. Und natürlich schaust du dir vorher die Stelle an, wo du surfst: Ist da ein Pfosten? Kommt da Gegenverkehr? Habt ihr euch irgendwie vorbereitet?
Jan: Wir sind zum Beispiel auch nicht bei Regen gesurft wegen des Stroms. In den Leitungen sind 15000 Volt, das brutzelt dich weg. Manchmal fliegen auch Funken runter.
Tom: Viele Sachen haben wir erst durch Erfahrung gelernt: Zum Beispiel, dass diese Lüftungskappe nur lose angeschraubt ist und wegfliegt, wenn man sich daran festhalten will.

Wie oft seid ihr damals gesurft?
Jan: Jeden Tag nach der Schule: Nach Hause, Schulranzen in die Ecke und den ganzen Tag surfen. Wie andere Playstation spielen, waren wir halt Surfen.
Sven: Wir wollten immer neue Strecken ausprobieren. Das Münchner Netz ist ja riesig übrigens auch viel größer als das Berliner!

S-Bahnsurfen verbindet man heute sehr mit den Achtzigern oder frühen Neunzigern. Gab es Anfang der Nuller Jahre noch eine Szene?
Jan: Es waren nicht mehr so viele, aber wir waren damals bestimmt so 15 Leute. Vor allem der Münchner Osten war eine Surf-Hochburg.

Euch ist nie etwas passiert?
Sven: Doch. Ich habe 1998/1999 angefangen und habe anfangs nur nachts gesurft. Eines Nachts bin ich mit einem Kumpel von St. Koloman nach Aufhausen gesurft die schnellste Strecke auf der Erdinger. Plötzlich, das hat mir Mike später erzählt, gibt es einen lauten Knall und es fängt an zu stinken. Mike klettert als Erster durch das Fenster zurück in den Wagen und hört mich schreien. Er schaut raus und sieht nur noch, wie ich runterfalle. Mich hat ein Lichtbogen getroffen, ein Funkenüberschlag. Der Strom geht durch mich rein und am Arsch wieder raus. Ich habe heute noch eine Riesennarbe am Oberarm. Mike steigt an der nächsten Station aus und läuft zurück zu der Stelle, wo ich runtergefallen bin. Ich liege im Gebüsch und stöhne. Er will einen Krankenwagen holen, aber ich will nur nach Hause, meine Mutter darf nichts wissen. Aber nach fünf Metern flieg ich um und blute aus dem Mund. Mike hält ein Auto an, und ruft einen Notarzt. Die haben mich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht und gemeint, ich überlebe das nicht.

Was ist dann passiert?
Sven: Ich lag drei Tage im künstlichen Koma, zwei Wochen auf der Intensivstation und zwei Wochen noch auf der normalen Station.

Ihr habt nach diesem Unfall trotzdem weitergemacht?
Jan: Klar, am Anfang dachten wir, wir hören auf. Aber er hat ja selbst gleich wieder damit angefangen! Ich wollte bloß nicht mehr auf den Mittelwagen wegen des Stroms.

Wann habt ihr aufgehört?
Tom: Die Polizei wurde natürlich immer aufmerksamer.
Jan: 2003 kamen die neuen S-Bahnen. Von da an wurde es weniger. Richtig Schluss war nach Mikes Unfall

Was ist damals passiert?
Tom: Es war nach einer Party im Frühjahr etwa 10 Uhr morgens Ostersonntag 2006, zwei Tage nach seinem 21. Geburtstag. Mike und ein Kumpel von ihm haben die Nacht durchgemacht und viel getrunken. Mike klettert auf die S-Bahn hoch, die fährt los und plötzlich fällt er runter. Einfach so. Ich bin bei der Oma meiner Freundin, als ich den Anruf bekomme. Ich fahre sofort ins Krankenhaus Großhadern und bleibe dort die ganze Nacht der ganze Gang war besetzt.

Wie lange blieb er im Krankenhaus?
Sven: Er lag sechs Wochen im künstlichen Koma. Anschließend kam er in die Reha und als er schließlich aufwachte, war er schon krass banane.
Tom: Er konnte nur komisch lachen. Ich hatte den Eindruck, dass er uns erkannt hat, aber reden konnte er nicht.
Sven: Ich hätte gedacht, dass er behindert bleibt. Inzwischen geht es ihm wieder gut.
Jan: Man merkt es ihm schon noch an. Er ist immer noch sehr verlangsamt, das wird wahrscheinlich nie weggehen.
Sven: Er musste einfach alles nochmals von vorne lernen: gehen, reden, schreiben.

Und heute? Reizt es euch noch?
Jan: Nein. Allerdings könnte ich das nicht versprechen, wenn die alten S-Bahnen noch fahren würden.
Sven: Und ich kann dir versprechen, du würdest es tun, wenn die alten noch fahren würden!

Surfen Leute heute noch?
Jan: In Frankfurt und in Berlin, hier glaube ich nicht. Wie gesagt in den neuen Münchner S-Bahnen kriegt man die Türen und Fenster ja nicht mehr auf.
Sven: Ehrlich gesagt glaube ich, dass genauso viele Leute wie früher surfen.

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