13.12.2010 - 20:02 Uhr

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Aufgewacht im Vorweihnachtsstress. In drei Schritten zum schwersten Streit des Jahres.

Text: rose

Die Sonne scheint von rechts heimlich unheimlich schön über den Rhein. Hochwasser. Was für einen Unrat das Hochwasser mitgebracht hat. Die Bäume stehen bis kurz vor den Kronen im Wasser. Das Wasser ist braun und schlackig. Der Regen vom Wochenende ist vorbei.

Gestern, mitten im stärksten Regen mit dem Hund raus. Danach alle nass wie Hunde. Den Weihnachtsmarkt gesehen, der nur am Wochenende aufhat und die Weihnachtsbimmelbahn mit dem Aushilfsweihnachtsmann, der die Aushilfsweihnachtsmannglocke glockt. Er glockt sie nicht, er läutet sie. Ab und an sitzen Holländische Damen mit Rentiergeweihen aus dem Ein-Euro-Laden neben dem Aushilfsweihnachtsmann. Es regnet ohne Ende. Der Schnee ist weg. Schnee ist grundsätzlich eine hübsche Angelegenheit. Eine Woche lag er da, weißer Mantel über schmutziger Stadt, schmutzigem Land. Schluckt Geräusche, trägt den Atem fort. Stille.

Neulich zur Weihnachtsfeier in Gewölben herum gehangen, in denen auch mal Andy Warhol rumhing. Da sitzt man da, inmitten einer Holzvollvertäfelung und der Kollege erzählt die Geschichte von Andy Warhol in eben jenem Haus, eben jenem Hof und das die legendäre, seiner Meinung zwar total hässliche, Marilyn Monroe hier entstanden sei. So ist das mit dem Leben. An unmöglichen Orten zu komischsten Momenten kreuzen sich seltsame Begebenheiten.

Jetzt plötzlich auf gleich dann der übliche Vorweihnachtstress. Ich könnte ganz doll und laut schreien. Zum klassischen Weihnachtsoverkill benötigt man nur eine Kernfamilie. Mutter, Vater, Kind. Das macht aber auch nichts, wenn man noch nicht Mutter oder Vater oder kein Kind mehr ist. Weihnachtstress kommt sicher. Der ist bestellt. Aber so was von.

Ich besuchte vor einigen Jahren meinen Analytiker, den alten Mann. Ich sortiere in Gedanken die Teppichmuster des Sprechzimmers neu. Es war ein Tag mit ähnlichem Licht wie heute. Darum war ich heute so erschrocken, als die Sonne so über den Fluss glitzerte. Der Himmel war blau. Blauer als blau. Das Licht rot golden. Wir saßen da, der alte Mann, ich, der Teppich, das Regal und draußen tobten die Schulkinder im Hof. Zehn Uhr. Pause für die Kinder. Wendeltreppenlauf durch die Gänge meiner Kindheit tief in meinem Kopf für mich. Das Teppichmuster. Bis heute weiß ich nicht, wie er sich wirklich anfühlt, der Teppich, den ich damals unter meinen Füßen hatte. Nur in Träumen lag ich auf diesem Teppich, welchen ich in echt niemals berührte.

Wir redeten damals über Weihnachten. Und über Erwartungen. Und warum an Weihnachten jeder zu hohe Erwartungen hat, keiner bekommt sie befriedigt und darum flippen alle aus. Es ist eine einzige Spirale aus Erwartungshaltungen, sie rennen die Treppe hinauf, eine Wendeltreppe und eine überholt die andere, aber keine kommt zum guten Ende. Keine wird befriedigt.

Ja, und so ist es immer. Überall. Man braucht nur Kernfamilie, Vater, Mutter, Kind. Notfalls auch einfach nur Freund und Freundin, ach, ein Paar. Es kreiselt sich ab dem ersten Advent so hoch. Langsam, aber stetig.

Oft denke ich in der letzten Zeit, an den alten Mann, den Teppich, die Silhouetten der Kinder auf dem Schulhof, die Fragen, die Antworten. Großmutter. Schlesische Weißwurst und das Ende. Das Ende eines jeden Jahres.

Die Weihnachtshysterie die da ansteht. Die Momente, wenn die Eltern sagen, wir sind jetzt nicht mehr eure Eltern und den Moment kurz vor dem Krippenspiel in der Katholischen Pfarrkirche, wenn der Vater sagt, ich geh da nicht mit hin, die Kirche kann mich mal. Oder den Moment kurz nach dem Essen, wo die Mutter eines jeden Haushaltes das zweite Mal innerhalb von 16 Stunden ausfallend wird, weil ihr niemand im Vorlauf des Festes geholfen hat. Dann der Moment während des Essen, wer isst am meisten. Wann fangen die Schmerzen an? Ist eine Fressnarkose in den heutigen Zeiten noch En Vouge? Nach dem Essen kommen die Geschenke und der zweite Bus voller Enttäuschungen hält ohne Vorwarnung vor dem Hause. Socken zu klein, die falsche CD, die falsche Farbe beim Pullover, es hilft nur noch Schnaps. Es ist nicht wie bei Chevy Chase in Schöne Bescherung, der Baum brennt noch nicht. Aber der Vater dreht die Stereoanlage laut, die Mutter hört sich selber nicht mehr. Gut das die Kinder jetzt Erwachsen sind, denn dann dürfen auch sie Schnaps trinken um den großen Abgang am Jahresende wohlwollend zu betäuben.

Ja, so ist es, mit diesem Weihnachten.

Das Highlight droht aber gegen kurz vor Ende der Jahrevorstellung. Dann, wenn er und sie, das Paar, oder auch die Kernfamilie, Mutter und Vater, ganz alleine da sitzen. Die Kinder sind endlich wieder weg, zurück in ihren eigenen Leben. Da sitzen dann die Eltern oder das Paar und das erste Wort des Tages des Männlichen Situationsteilnehmers ist: Ich bin müde und ich will nie wieder etwas essen und die Antwort der Frau, ja, es ist immer die Frau, geben wir es doch zu: Wie meinst Du das jetzt?.

Hierauf folgt der folgenschwerste Streit der Saison.




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1 Kommentar

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nixbewiesenausserich
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Mag ich Mag ich nicht

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16.12.2010 - 14:49 Uhr
nixbewiesenausserich

dem scheint man nichts hinzufügen zu können, ausser, dem ist nichts hinzuzufügen.
ich habe mich gefragt, ob es sich vielleicht als hifreich gestalten würde,
wenn ich mich für weihnachten krankschreiben lassen könnte, letztes jahr. ich bin der anstalt nur knapp entkommen. die risperdal stauben hier immer noch in irgendeinem schrank der elterlichen wohnung rum.
allseits wittert man neben der allgemeinen terrorgefahr nun auch akute frustrationslust. ah, heute abend ist hgicht in der roten sonne ...

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rose unbekannt

rose

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Ich fühle mich irgendwie so Telenovela
Köln