Das Alphabet des digitalen Protests
Es herrscht Krieg. Glaubt man den Kommentatoren, die sich zum Thema Wikileaks zu Wort melden, haben wir in dieser Woche den Beginn einer neuen Form des Gefechts erlebt: ein Feldzug um Daten, eine Auseinandersetzung um den Umgang mit Informationen. Dieser Kampf wird im Internet ausgetragen und er wird geführt um die Frage, wie dieses Internet in Zukunft aussehen soll.
Eine jetzt.de-Übersicht über die neuen Waffen im Krieg der wütenden jungen Männer.
Anon
Mit dieser Abkürzung werden Mitglieder der Anonymous-Gruppe beschrieben. Öffentliche Aufmerksamkeit bekam diese lose Vereinigung erstmals als sie gegen Scientology protestierte. Mittlerweile haben Anons aber auch in anderen Zusammenhängen von sich reden gemacht. In dieser Woche legten sie in der so genannten "Operation Payback" Webseiten mehrerer Anbieter lahm, die nicht mehr mit pronWikileaks zusammen arbeiten wollten (unter anderem Mastercard, Visa und PayPal). Zwar gibt es keine organisatorische Verbindung zum Team von Julian Assange, aber Anons unterstützen dessen Arbeit und wollen dies durch so genannte Verteilte Dienstblockaden (Denial of Service) zum Ausdruck bringen.
Botnetz
Der Zusammenschluss von verschiedenen Computern zu einem Botnetz kann unter anderem zu einer Denial of Service-Attacke genutzt werden.
4Chan
Nicht nur beim Kampf für den gesperrten YouTube-Nutzer Lukey zeigte sich: die Anonymous-Gruppe hat eine gewisse Nähe zu den Nutzern von 4chan. Wikipedia schreibt über das als Imageboard gegründete Forum (das vielen als der dunkle Teil des Internet gilt): "Die Seite machte durch provokative Netzaktionen auf sich aufmerksam und gilt als Wiege der Anonymous-Bewegung."

Denial of Service
Die zentrale Waffe im digitalen Krieg, abgekürzt auch DDoS. Dabei werden Webseiten durch eine überhohe Anzahl von Aufrufen in die Knie gezwungen. Die NZZ spricht von einem "Serienfeuer von Anfragen", das durch Botnetze gestartet werden kann, im Fall der aktuellen Aktionen aber vor allem durch Absprachen zwischen vielen Nutzern entzündet wurde. Diese nutzten die so genannten Low Orbit Ion Cannons.
Einkaufen
Eine Möglichkeit, in der Auseinandersetzung um Daten aktiv zu werden, ist der strategische Konsum - so gab in dieser Woche mehrere Boykott-Aufrufe wegen der Reaktionen auf die Wikileaks-Veröffentlichungen.
Freiheitsstrafe
Die so genannten Denial-of-Serive-Angriffe werden vom Gesetz als Computersabotage angesehen, die laut § 303b Strafgesetzbuch "mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird". In einem Interview beschrieb einer der Sprecher der Anons das Riskio, erwischt zu werden, als sehr gering.
Guy Fawkes
In Erinnerung an den Offizier, der im 17. Jahrhundert ein Attentat auf den König versuchte, wird in Großbritannien am 5. November eines jeden Jahres die so genannte Bonfire Night gefeiert. In dem auf einem Comic basierenden Film V wie Vendetta treten Akteure mit einer Fawkes-Maske auf, die den Gründern der Anonymous-Bewegung als Erkennungszeichen dient.

Die Guy Fawkes-Maske bei einer Demo im Sommer in Hong Kong. Foto: afp
Hacktivism
Unter diesem Begriffs-Mashup aus Hacker und Aktivism wird die neue Bewegung zusammengefasst.
Interviews
Sie bleiben zwar anonym, geben aber durchaus Interviews. In diesem Gespräch erläutert einer der Sprecher der Anonymous-Bewegung, dass er die Angriffe auf Wikileaks als Angriff auf die Meinungsfreiheit versteht. Er spricht davon, dass die Bewegung aus rund 9000 Menschen weltweit besteht und immer einen Schritt voraus sein werde.
Jester
Unter diesem Namen (in Hackersprache th3j35t3r ) tritt ein Online-Kämpfer auf, der der Gruppe der so genannten Patriots zugerechnet wird. Er setzt das Waffenarsenal des Online-Krieges nicht für Assange, sondern gegen Wikileaks ein und wurde vergangene Woche dadurch bekannt, dass er deren Website lahmzulegen versuchte. Die Patriots sehen in Julian Assange einen Landesverräter, der den USA schaden will und deshalb abgestraft gehört. Bisher richteten sich Jesters Attacken zumeist gegen Webseiten, die er für islamistisch bzw. Al Quaida nahestehend hielt. Jetzt interessiert er sich auf für Wikileaks.
Kiddie
Als Skriptkiddies werden die Teilnehmer von Anonymous manchmal etwas despektierlich bezeichnet. Ein britischer Journalist beschrieb sie als porno-interessierte, wütende, junge Männer. Bestätigung findet diese Haltung in der Tatsache, dass der am Freitag in den Niederlanden festgenommene Hacker erst 16 Jahre alt ist.
Low Orbit Ion Cannon
Unter diesem Namen kursiert ein Programm im Internet, das Anons für ihre Angriffe nutzen. Es macht innerhalb weniger Minuten aus einem Computer eine Waffe im Cyberwar. Das Programm wurde ursprünglich entwickelt, um Webseiten einem Stresstest zu unterziehen. Anons nutzen es, um Server damit lahmzulegen.
moot
Unter diesem Pseudonym wurde Christopher Poole, der Betreiber von 4Chan bekannt. Im Jahr 2009 zeigten die 4Chan-Mitglieder ihre Macht, in dem sie bei der Abstimmung zur Person of the year des Time-Magazines Poole an die Spitze brachten. In diesem Jahr steht auch Julian Assange auf dieser Liste.
Neue Aktionen
In einem Interview mit der BBC kündigte einer der Anons, der sich Coldblood nennt, an, in naher Zukunft neue Aktionen für Wikileaks und für ein freies Internet zu starten, die über die Angriffe auf Webseiten hinausgehen. Weitere Details nannte er nicht.
Operation Payback
Die Angriffe, die wir in dieser Woche erlebten, wurden unter dem Titel "Operation Payback" von Anons organisiert.
Patriots
Eine sehr große Gruppe in dieser Auseinandersetzung sind die patriotischen US-Bürger, deren Waffen nicht im Hacker-Arsenal zu suchen sind. Es gibt aber Kommentatoren, die glauben, dass ein Grund für das Handeln von Amazon oder Mastercard die Sorge vor der Wut genau dieser US-Kunden sein könnte, die vielleicht größere Folgen zeitigt als die Hackerangriffe wenn diese die genannten Firmen einfach nicht mehr nutzen.
Rotterdam
Am Freitag vermeldete die Staatsanwaltschaft in Rotterdam eine Festnahme: ein 16-Jähriger sei festgesetzt worden, weil er im Verdacht steht, sich an der Operation Payback beteiligt zu haben. Spiegel-Online spekuliert, bei dem jungen Niederländer könne es sich um Jeroenz0r handeln, einem in der Szene sehr bekannten Nutzer.
Spiegel
Unter wikileaks.ch gibt es eine Übersicht von Seiten, die die Inhalte von Wikileaks spiegeln, d.h. sie kopieren die Daten dieser Seite und stellen sie auf ihren eigenen Servern dar. Durch diese massenweise Verbreitung soll sichergestellt werden, dass die Inhalte verfügbar sind, auch wenn ein Server ausfällt oder abgeschaltet wird.
Tumblr
Seit Mitte November erlebt auch die Blogger-Plattform Tumblr, was es heißt, die 4Chan-Nutzer gegen sich zu haben. Tumblr und 4Chan liefern sich seitdem einen Wettkampf der Angriffe.

Unterstützung
Unter Justice for Assange fordern Unterstützer von Julian Assange Gerechtigkeit für den Kopf von Wikileaks - ganz ohne technische Angriffe und Cyberwar.
Verantwortung
Die Anonymous-Bewegung hat keine Chefs. Aber es gibt so genannte OPs, die in den Chats, in denen Aktionen besprochen werden, leitende Funktionen übernehmen. Die Mitglieder kennen einander jedoch auch nur unter ihren Pseudonymen.
XerXeS
Mit einer Software diesen Namen fährt der US-patriotische Hacker Jester seine Angriffe. In diesem Video erläutert er die Funktionsweise.
Zukunft
Der Economist bezeichnet diese Angriffe als "Zukunft des Protests" und nennt sie mächtig aber auch beunruhigend. Der britische Independent vergleicht die Geschehnisse dieser Woche gar mit der Ermordung des österreich-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand im Jahre 1914, die als Auslöser für den ersten Weltkrieg gilt. Vielleicht ist diese Interpretation übertrieben, sicher ist jedoch, dass diese Form der digitalen Auseinandersetzung häufiger wird. Erst Ende November war es einer chinesischen Firma gelungen, den amerikanischen Webtraffic für kurze Zeit umzuleiten.
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Das ist eher ermutigend denn beunruhigend, finde ich.
"Dear Media,
Watching the coverage of the Wikileaks scandal unfold on the BBC, CNN, Fox, RT and various tech-blogs (which should know better) has become too embarrassing to remain silent. I speak for many here who would call themselves 'Anonymous', and hope to do justice to the growing distaste for 'lazy journalism'.
'Lazy journalism' is hanging out on 4chan and calling it research - it's interviewing a random kid who calls himself 'Coldblood' and claims to represent 'Anonymous' - it's using phrases like 'data war' to incite fear in governments and the population which will eventually be used to erode the freedom of publication you all hold dear.
Anonymous (if I am even permitted to speak for others) is NOT a hacker group. It is NOT a movement. Anonymous is NOT a threat to anyone and it is most certainly NOT organised.
While many individuals here support Wikileaks, the vast majority do not see ourselves as vigilantes; preferring instead to expose and discuss the leaks and to spread them further.
Anonymous exsists only as a myth, which at times of coherence appears as a tangible group, but it is in fact nothing more than a 'hive-mind' of seperate individuals. If the media persists in pandering to the attention-seeking fantasies of 'Coldblood' and his ilk, you are heading down a path that will not only damage the freedom of the internet as governments crack down on a myth, but your own journalistic integrity.
Furthermore, let me state this for the record; Julian Assange has at no time encouraged or engaged with Anonymous in any way, and I'm quite sure he only wants to distance himself from the DDos attacks, as do I and many others.
Sincerely,
Anonymous"
Anonymous: wird wohl nicht nur vor der Gruppe benuetzt, die die Scientology-Sache gemacht hat. Ob das letztendlich die gleichen Leute sind sei mal dahingestellt.
DDos: Die Hauptbenuetzer von DDoS sind Spammer die mit ihren Botnetzen kritische Webseiten (z.B. graylists und blacklists) aus dem Netz schiessen, was in der Vergangenheit wiederholt passiert ist. Wenn DvG mal ueber einen Cyberkrieg berichten moechte, koennte er sich mal dieses Themas annehmen. Eines der fatalsten Dinge am DDoS sind dass wirklich grosse Anbieter davon kaum getroffen werden, sondern dass er Hauptsaechlich gegen Aktivisten gerichtet werden kann (die Traffikosten waehrend eines DDoS sind so hoch dass wenn man sie zahlen muss und nicht unter Betriebskosten abrechnen kann, jeder e.V. damit ueberfordert ist.). Hingegen Amazon ernsthaft zu stoeren duerfe kaum moeglich sein, die verteilen einfach kurz Rechenleistung um, analysiren die Attacke und reconfigurieren die Firewall. Und die Abrechnungsystem der Kreditkarten (d.h. einkaufen, auch online damit) waren ja wohl auch nicht gestoert - wie oft gehe ich denn auf die Webseite meiner Kreditkartenfirma?
Hacktivism/Hackerethik. Im Normalfall haben Hacker eine Ethik die es verbietet das Wissen zum Schaden anderer zu benutzen. Ein "White-Hat" wird immer nur versuchen anderen aus freien Stuecken zu helfen, d.h. Sicherheitluecken verantwortlich aufdecken (=zuerst dem Administrator mitteilen), verteilte dezentrale anonymisierungsfunktionen erstellen, Verhalten von Webseiten analysieren und Benuetzer ueber Verletzungen der Privatsphaere warnen, eventuell verborgenes durch eindringen in Systeme aufdecken; ein "White-Hat" hilft nicht bei Rache-Aktionen. Ein "Gray-Hat" wird das gleiche fuer Geld tun und dabei strikt im legalen Rahmen bleiben. Ein "Black-Hat" (auch Cracker) schliesslich versucht anderen zu schaden. Viele geistig minderbemittelte, die gerne dabei waeren glauben dass man "Black Hat fuer einen guten Zweck"sein kann. Das ungefaehr so realistisch wie Proteste mit Molotowcocktails als poltitischen Aktivismus zu betrachten (aber wir wissen ja, dass man auf jetzt.de straflos zur Brandstiftung im Namen der linken Sache aufrufen kann). In meinen Augen vereinnahmen diese Leute den Brgriff ungerechtfertigterweise.
Script Kiddie ist ein Begriff in der Hackerszene der sich nicht auf anonymous bezieht und auch nicht auf das Alter. Script Kiddies sind Leute die fertigen (of nicht besonders guten) Programmen (siehe dazu die Berichterstattung auf Technik-Webseiten) coole Namen geben, bei denen dann aber sowohl dem Author des Programms wie vor allem dem Benutzer das Wissen um die Konsequenzen fuer ihn und andere fehlt - deswegen werden Script-Kiddies auch oft verhaftet. Meist basieren diese Programme auf lange bekannten Dingen/Luecken, und die trivialste Form sind Programme die mit Zustimmung der Benutzer einen DDoS durchfuehren, was nun gar kein Hacking erfordert und auch keine Luecke mehr, wenn genuegend Leute teilnehmen. Ein Teil der Hackerethik ist es uebrigens auch, Wissen nicht so abzupacken dass es direkt benuetzt werden kann, schon zum Schutz des eventuellen Benutzers. Nur Leute die das eigene Ego striecheln handeln hier unverantwortlich.
Zukunft: In Zukunft haben wir hoffentlich ein Internet das DoS/DDoS schwerer macht (Nein, nicht via staatlicher Zwangsfilterung....).
4chan: irgendwo zwischen vorgeblich subversiv und offen kriminell. 4chan hauptsaechlich als politische Aktivistenwebseite vorzustellen adelt die Seite ueber Gebuehr. Und im Normalfall moechte man 4chan gar nicht als Freund haben.
- durchdeklinieren/alphabet (jetzt-"redaktion")
- sturmtief emma knickte bäume um wie streichhölzer (tv-nachrichten)
- riesenwirbel um xy ("bild")
- xy geht auf zy los, xy ledert los...("bild")
da hat unsere bezahlte schreibende zunft aber einen begrenzten aktiven wortschatz, wa!?
na, aber wenigstens als flirtbörse etabliert man sich immer besser. sowas wie die "jetzt-momente" hab ich mal in nem ganz billigen flört-chat auf der startseite gesehen. selbst gute sätze wirken in diesem umfeld komisch . mag ich nicht.
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10.12.2010 - 19:29 Uhr
melancholieunduebermut