18.11.2010 - 21:03 Uhr

7 38 Über Twitter weiterempfehlen

Leben in der Warteschleife

Text: christoph-gurk

Die Irakerin Sewda und der Vietnamese Toan leben als Geduldete in München. Sie möchten studieren, müssen aber befürchten, abgeschoben zu werden.

Sewdas Mutter hat Tee gemacht. Auf dem Tisch stehen Teller mit Nüssen, Plätzchen und Knabbersachen. Gastfreundschaft ist wichtig – selbst wenn man selber nicht willkommen ist. Sewda setzt sich auf das lila Sofa im Wohnzimmer und fängt an zu erzählen: Seit sieben Jahren lebt die 19-jährige Irakerin mit ihrer Familie in Deutschland. Viermal musste sie seitdem umziehen. Jetzt, seit zwei Jahren, wohnen sie in einem Heim für Flüchtlinge und Asylbewerber im Westen von München, einem tristen, grauen Betonklotz, verloren, irgendwo zwischen Bürogebäuden, Fast Food Restaurants und Waschanlagen. Drei Zimmer für sechs Personen, eines für die Eltern, eines für Sewda und ihre kleinen Geschwister. „Es ist schön hier“, sagt Sewda. Doch wenn sie Pech hat, muss sie im Dezember schon wieder weg.
Das Deutsche Ausländerrecht ist kompliziert. Es gibt Aufenthaltsgenehmigungen und Abschiebungen, Ausnahmen und Aufschiebungen. Wenn man sich das Ausländerrecht als Treppe vorstellt, dann stehen Sewda und ihre Familie gerade ganz unten, eine Stufe über der Abschiebung. Sie haben eine Duldung, eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Flüchtlingsverbände schätzen, dass derzeit 90 000 solcher „Geduldeter“ in Deutschland leben, 55 000 von ihnen seit mindestens sechs Jahren. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, abgeschoben werden sie aber auch nicht, meistens aus humanitären Gründen oder weil ihr Pass fehlt. Also dürfen sie erstmal bleiben, wie lange, ist aber nie sicher. Manchmal sind es Monate, oft aber auch Jahre. Anspruch auf Sprachunterricht oder Integrationskurse haben die Geduldeten trotzdem nicht. Sie sollen nicht ankommen, sich nicht integrieren. Sewda sitzt immer noch auf der Couch im Wohnzimmer, vor ihr die Plätzchen. „Ich muss was machen“, sagt Sewda. Sie hat lange schwarze Haare und dunkle Augen, ihr Akzent ist weich. „Zu Hause sitzen kann ich nicht“. Seit einem Jahr macht die 19-Jährige eine Ausbildung zur Arzthelferin. Nicht schlecht, denn vor sieben Jahren konnte sie noch kein Wort Deutsch. Damals steckte man sie in eine Übergangsklasse, sie lernte fleißig, schaffte es auf die Hauptschule und machte ihren Abschluss. In einem Jahr bist du mit deiner Ausbildung fertig. Was passiert dann? Keine Ahnung. Ich weiß schon, dass die meisten in meinem Alter wissen, was sie mal machen wollen. Ich weiß aber nicht einmal, was nächstes Jahr passiert, ob ich dann nicht vielleicht wieder zurück muss, in den Irak. Kannst du dich noch daran erinnern, wie es dort war? Nein, nicht wirklich. Der Irak, das ist heute ein fremdes Land für mich. Sewda war 12, als der Krieg im Irak ausbrach. Ihre Eltern beschlossen, ihr Haus und ihr Leben in Kirkuk, einer Stadt im Norden des Landes, zurückzulassen. Versteckt in einem Kohlecontainer kamen sie nach Deutschland. Der Norden des Irak gilt bei deutschen Asylbehörden aber als relativ sicher, wer nicht individuelle Verfolgung nachweisen kann, bekommt kein Asyl. Auch Sewda und ihre Familie bekamen nur eine Duldung, die Eltern klagten dagegen, ohne Erfolg. Noch sind sie relativ sicher, Abschiebungen in den Irak gibt es derzeit kaum, allein schon deshalb, weil es nur sporadische Flugverbindungen gibt. Länder wie Schweden schieben aber bereits wieder in den Irak ab, für Sewdas Familie heißt es deshalb: Bangen und warten. Vor allem für Jugendliche ist das schlimm. Sie gehen zur Schule, machen eine Ausbildung, bauen sich ein Leben auf. Doch all das ändert nichts daran, dass sie abgeschoben werden können, sobald sie 18 sind oder ein Zeugnis in der Hand haben. Wie schnell so etwas gehen kann, hat vor ein paar Monate der Fall von Kate Amayo gezeigt. Illegal kam die 20-jährige Ghanaerin vor fünf Jahren zu ihrer Mutter nach Hamburg. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Kate blieb mit einer Duldung, lernte Deutsch, schaffte es aufs Gymnasium. Diesen Sommer hat sie ihr Abi gemacht, Note: 1,8. Kurz danach kam der Abschiebungsbescheid. Ein Aufschrei ging durch die Presse, eine Härtefallkommission nahm sich deshalb die Akte nochmal vor. Seit kurzem ist klar: Kate darf bleiben. Eine gnädige Ausnahme. Toan sitzt in seiner kleinen Wohnung in einem Vorort von München und trinkt ein Glas Milch. Hinter ihm, auf der Heizung liegt eine Vuvuzuela in Deutschlandfarben. Vor einem Jahr ist Toan hier eingezogen. Vielleicht darf er die Wohnung noch ein Jahr behalten. Vor fünf Jahren kam Toan nach Deutschland. Wie, das will er nicht sagen. Weil in seiner Heimat Vietnam kein Krieg herrscht, wurde sein Asylantrag abgelehnt. Trotzdem durfte Toan bleiben, aus humanitären Gründen, denn ein halbes Kind zurückschicken, das wäre unmenschlich. Stattdessen lässt man Toan seit fünf Jahren in einer Warteschleife leben. Toan, wovon hängt es denn ab, wie lange du noch hierbleiben kannst? Das kommt immer drauf an, wie viel die Sachbearbeiter in einem Monat zu tun haben. Die schauen, dass nicht alle im gleichem Monat kommen müssen, um ihre Duldung zu verlängern. Was heißt das für dich? Unsicherheit. Und wegen der kann ich mich nicht entfalten. Mit 12 kam Toan in ein Waisenhaus. Auch er kam in eine Übergangsklasse, er lernte wie verrückt, schaffte es direkt auf Gymnasium, in einem Jahr macht er sein Abitur. Bis dahin, hat die Sachbearbeiterin gesagt, darf er noch bleiben. Dann droht ihm wieder die Abschiebung. Motivierte und gut ausgebildete Jugendliche – eigentlich genau das, was die deutsche Wirtschaft gerade händeringend sucht. Auch im Ausland. Das ist so paradox, dass selbst die Politik ein Einsehen hat. Seit Donnerstag tagt in Hamburg die Innenministerkonferenz, ein Punkt auf der Tagesordnung: Das Bleiberecht von jugendlichen Flüchtlingen. Im Vorfeld haben Unions-Politiker gefordert, dass Jugendliche, die gut integriert sind, seit mehr als acht Jahren in Deutschland leben und seit sechs zur Schule gehen, bleiben dürfen. Was dann mit ihren Familien passiert, dazu hat sich noch niemand geäußert. Sewda sagt: „Ich würde gerne hierbleiben, im Irak habe ich keine Zukunft, überhaupt nichts.“ Was wäre denn dein Größter Wunsch? „Ich will kein Geld oder irgendwas anderes, ich will einfach nur eine Aufenthaltserlaubnis. Und dann will ich das Abitur nachmachen und studieren.“ Auch Toan will nach dem Abi am liebsten in Deutschland studieren. In seiner Freizeit gibt er Nachhilfe an seiner Schule, in Chemie und Physik. Vielleicht würde er eines der beiden Fächer auch studieren – vorausgesetzt, man lässt ihn. Zwar dürfen Geduldete in Bayern theoretisch studieren, in der Praxis ist das aber oft unmöglich, weil sie kein Recht auf Sozialhilfe oder Bafög haben. Toan will es trotzdem probieren. „Das würde ja auch dem Staat nützen, ich könnte Deutschland dann irgendwann auch etwas zurückgeben.“ Was machst du denn, wenn du nicht hierbleiben darfst? Würdest du nach Vietnam zurückgehen? „Nein, bestimmt nicht. Dann würde ich in ein Land gehen, in dem ich willkommen bin.“


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
christoph-gurk
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
38 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

kachel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-1

18.11.2010 - 19:36 Uhr
kachel

(Wie geil das wär, wenn mein Nachname Gurk wäre...)

Die Geschichten sind natürlich...tja...absurd.

Ashur
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

8

18.11.2010 - 20:11 Uhr
Ashur

Aber wenn man das Abi in der Tasche hat, warum kann man dann nicht einfach ein Visum fürs Studium kriegen? Oh mann wie ungerecht!

Ich drück Daumen für die beiden, ich selbst würd das wohl kaum aushalten.

Begunje62
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

9

18.11.2010 - 20:23 Uhr
Begunje62

und wieder einmal wird klar, dass gesunder menschenverstand und politik nicht immer deckungsgleich sind. was heisst hier nicht immer... meistens.

mary_and_max
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

18.11.2010 - 21:29 Uhr
mary_and_max

ein mensch, ein leben, tausend akten.

ThomasCrown
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

18.11.2010 - 21:30 Uhr
ThomasCrown

Anspruch auf Sprachunterricht oder Integrationskurse haben die Geduldeten trotzdem nicht.


"die asylanten liegen uns doch nur auf der tasche! die können kein deutsch und arbeiten auch nicht!"

tja. und demnächst wieder verzweifelt versuchen, ein paar inder anzuwerben.

apollyon
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

18.11.2010 - 23:14 Uhr
apollyon

Ich bin ein Verfechter vom Asylprinzips: Wenn jemand in seinem Land verfolgt wird, sollten wir ihn in Deutschland lassen -- aus historischen Gründen und aus Humanität.
Trotzdem glaube ich, dass wir in Deutschland nicht allen Menschen helfen können, die gerne nach Deutschland wollen. Das verkraften unsere Sozialsysteme nicht, das verträgt unsere Gesellschaftsstruktur nicht. Deshalb muss eine gesetzliche Regelung her. Die richtige Balance zwischen "was können wir hier für sie tun" und "gibt es Möglichkeiten, sie in ihrem Heimatland angemessen zu unterstützen" ist unglaublich schwer. Einzelfälle, bei denen es nicht passt, wird es immer geben.
In diesem Fall wurden zwei Menschen von den Mühlen der Bürokratie erwischt, bei denen eine humanere Lösung angemessen gewesen wäre. Allein bei dem Ausdruck "Zustand: gedulded" denke ich mal wieder: "da war die Menschenwürde vielleicht doch nicht so unantastbar, wie es in unserem Grundgesetz steht."

la_seduzione
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

18.11.2010 - 23:43 Uhr
la_seduzione

Diese momentane Doppelmoral ist doch pervers.
Der inflationäre Gebrauch von Wörtern wie "Integration" und "Migrationshintergrund" und dann so eine Scheiße.
Das ist doch vorbildliche Integration.
Motivierte, junge Menschen, die etwas TUN und ERREICHEN wollen.
Macht mich wütend, dass dieser Bürokratismus sich dazwischen drängt.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.11.2010 - 23:44 Uhr
la_seduzione

Und was soll bitte "geduldet"?
Das impliziert nur Negatives, ich würde mich wie eine Aussetzige und Kriminelle fühlen...

Ersteres passt wohl am besten.

BrainsenOverkill
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

19.11.2010 - 03:47 Uhr
BrainsenOverkill

@apollyon: Leider sind das eben nicht bedauernswerte Einzelfaelle, sondern der Regelfall fuer Asylbewerber in Deutschland, zumindest seit 1993. Das faengt bei der menschenunwuerdigen Unterbringung an, geht bei den Essenspaketen bzw. Chipkarten weiter, hoert nicht auf bei den Aufenthaltsbeschraenkungen auf den Landkreis und gipfelt in dem Duldungsstatus bzw. der Abschiebeandrohung, den Abschiebeknaesten und der Abscheibepraxis per Charterflieger.
Zuletzt wurde wenigstens geklaert, dass zumindest der Versorgungssatz (deutlich unter Hartz4-Niveau) verfassungswidrig niedrig ist - kein Wunder, wurde er doch seit 1993 nicht erhoeht.
Und es geht nicht darum, jeden hier aufzunehmen, da nur noch direkt einreisende Personen hier ueberhaupt einen Asylantrag stellen koennen - dafuer wird die Festung Europa ja ausgebaut, Stichwort: sichere Drittstaaten. In Zahlen: 2009 wurden knapp unter 29.000 Antraege gestellt, von denen 1.6% bewilligt worden sind, weitere 26,6% wurde zumindest eine zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigung erteilt. (http://www.migration-info.de/mub_artikel...)
Das Hauptproblem ist allerdings, das immer die Sachbearbeiter der oertlichen Aemter entscheiden - dass fuehrt dazu, dass die Beamtin in Bottrop-Kirchhellen mal eben entscheidet, ob die Sicherheitslage fuer Roma im Kosovo, fuer Geduldete aus dem Irak, Afghanistan, Kolumbien oder Weissrussland eine Abschiebungen rechtfertigt oder ob der Bewerber aus Liberia wirklich vom Regime gefoltert worden ist und ihm bei Rueckkehr das Gleiche wieder droht.
Es geht hier einerseits darum, dass Menschen hier jahre- bis jahrzehntelang geduldet werden, aber in keine Arbeitserlaubnis oder auch nur mittelfristige Perspektive bekommen. Andererseits ist die Frage, ob man von seinem Wohlstand nicht auch ein wenig an Menschen abgeben kann, denen in ihrer Heimat Folter, Verfolgung oder Tod drohen.

ruebezahl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

19.11.2010 - 04:47 Uhr
ruebezahl

Ashur sagte:
Aber wenn man das Abi in der Tasche hat, warum kann man dann nicht einfach ein Visum fürs Studium kriegen? Oh mann wie ungerecht!

Das liegt daran, dass Schulbildung in Deutschland Pflicht ist (immerhin dürfen Geduldete Abi machen, die Schulpflicht ist glücklicherweise nicht dahin interpretierbar, den Schultyp für Geduldete etwa auf Hauptschule einzuschränken - was ich dem 3-Klassen-Denken unserer Politik durchaus zutrauen würde, wenn sie dürften), für Hochschulbildung hingegen kein Grundrechtsanspruch existiert. Eine Visa-Erteilung für die Studienzeit widerspricht dem Status der Duldung, bei dem im Grunde außer Existenzrechte nichts zugelassen ist. Visa-Erteilung bedeutet z.B. Bewegungsfreiheit im gesamten Schengenraum, Wohnungsfreiheit, eingeschränkt Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, was laut Duldungsstatus nicht erlaubt ist.
Die Duldung ist eingeführt worden, um den Flüchtlingsstrom aus den Kriegsgebieten Jugoslawiens, insbesondere Bosniens, irgendwie zu kontrollieren. Unter der Annahme, dass der Krieg irgendwann zu Ende geht, war der Flüchtlingsaufenthalt unter strengen Auflagen zugelassen bzw "geduldet". Niemand hatte vor, daraus Asylverfahren zu machen oder ein Bleiberecht einzuräumen. Dass der Duldungsstatus (und nicht nur der, BrainsonOverkill hat Entsprechendes genannt) allerdings kein menschenwürdiges Leben ermöglicht, war und ist dem Gesetzgeber ziemlich egal, wenn nicht gewollt. Ein Großteil der Kriegsgeduldeten wurden um 2000 in Nacht-Aktionen der Polizei "zurückgeführt".

Weiter Seite 1 2 3 4

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

christoph-gurk offline

christoph-gurk

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.