Leben in der Warteschleife
Die Irakerin Sewda und der Vietnamese Toan leben als Geduldete in München. Sie möchten studieren, müssen aber befürchten, abgeschoben zu werden.
Sewdas Mutter hat Tee gemacht. Auf dem Tisch stehen Teller mit Nüssen, Plätzchen und Knabbersachen. Gastfreundschaft ist wichtig – selbst wenn man selber nicht willkommen ist. Sewda setzt sich auf das lila Sofa im Wohnzimmer und fängt an zu erzählen: Seit sieben Jahren lebt die 19-jährige Irakerin mit ihrer Familie in Deutschland. Viermal musste sie seitdem umziehen. Jetzt, seit zwei Jahren, wohnen sie in einem Heim für Flüchtlinge und Asylbewerber im Westen von München, einem tristen, grauen Betonklotz, verloren, irgendwo zwischen Bürogebäuden, Fast Food Restaurants und Waschanlagen. Drei Zimmer für sechs Personen, eines für die Eltern, eines für Sewda und ihre kleinen Geschwister. „Es ist schön hier“, sagt Sewda. Doch wenn sie Pech hat, muss sie im Dezember schon wieder weg.
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Ich drück Daumen für die beiden, ich selbst würd das wohl kaum aushalten.
Anspruch auf Sprachunterricht oder Integrationskurse haben die Geduldeten trotzdem nicht.
"die asylanten liegen uns doch nur auf der tasche! die können kein deutsch und arbeiten auch nicht!"
tja. und demnächst wieder verzweifelt versuchen, ein paar inder anzuwerben.
Trotzdem glaube ich, dass wir in Deutschland nicht allen Menschen helfen können, die gerne nach Deutschland wollen. Das verkraften unsere Sozialsysteme nicht, das verträgt unsere Gesellschaftsstruktur nicht. Deshalb muss eine gesetzliche Regelung her. Die richtige Balance zwischen "was können wir hier für sie tun" und "gibt es Möglichkeiten, sie in ihrem Heimatland angemessen zu unterstützen" ist unglaublich schwer. Einzelfälle, bei denen es nicht passt, wird es immer geben.
In diesem Fall wurden zwei Menschen von den Mühlen der Bürokratie erwischt, bei denen eine humanere Lösung angemessen gewesen wäre. Allein bei dem Ausdruck "Zustand: gedulded" denke ich mal wieder: "da war die Menschenwürde vielleicht doch nicht so unantastbar, wie es in unserem Grundgesetz steht."
Der inflationäre Gebrauch von Wörtern wie "Integration" und "Migrationshintergrund" und dann so eine Scheiße.
Das ist doch vorbildliche Integration.
Motivierte, junge Menschen, die etwas TUN und ERREICHEN wollen.
Macht mich wütend, dass dieser Bürokratismus sich dazwischen drängt.
18.11.2010 - 23:44 Uhr
la_seduzione
Das impliziert nur Negatives, ich würde mich wie eine Aussetzige und Kriminelle fühlen...
Ersteres passt wohl am besten.
Zuletzt wurde wenigstens geklaert, dass zumindest der Versorgungssatz (deutlich unter Hartz4-Niveau) verfassungswidrig niedrig ist - kein Wunder, wurde er doch seit 1993 nicht erhoeht.
Und es geht nicht darum, jeden hier aufzunehmen, da nur noch direkt einreisende Personen hier ueberhaupt einen Asylantrag stellen koennen - dafuer wird die Festung Europa ja ausgebaut, Stichwort: sichere Drittstaaten. In Zahlen: 2009 wurden knapp unter 29.000 Antraege gestellt, von denen 1.6% bewilligt worden sind, weitere 26,6% wurde zumindest eine zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigung erteilt. (http://www.migration-info.de/mub_artikel...)
Das Hauptproblem ist allerdings, das immer die Sachbearbeiter der oertlichen Aemter entscheiden - dass fuehrt dazu, dass die Beamtin in Bottrop-Kirchhellen mal eben entscheidet, ob die Sicherheitslage fuer Roma im Kosovo, fuer Geduldete aus dem Irak, Afghanistan, Kolumbien oder Weissrussland eine Abschiebungen rechtfertigt oder ob der Bewerber aus Liberia wirklich vom Regime gefoltert worden ist und ihm bei Rueckkehr das Gleiche wieder droht.
Es geht hier einerseits darum, dass Menschen hier jahre- bis jahrzehntelang geduldet werden, aber in keine Arbeitserlaubnis oder auch nur mittelfristige Perspektive bekommen. Andererseits ist die Frage, ob man von seinem Wohlstand nicht auch ein wenig an Menschen abgeben kann, denen in ihrer Heimat Folter, Verfolgung oder Tod drohen.
Ashur sagte:
Aber wenn man das Abi in der Tasche hat, warum kann man dann nicht einfach ein Visum fürs Studium kriegen? Oh mann wie ungerecht!
Das liegt daran, dass Schulbildung in Deutschland Pflicht ist (immerhin dürfen Geduldete Abi machen, die Schulpflicht ist glücklicherweise nicht dahin interpretierbar, den Schultyp für Geduldete etwa auf Hauptschule einzuschränken - was ich dem 3-Klassen-Denken unserer Politik durchaus zutrauen würde, wenn sie dürften), für Hochschulbildung hingegen kein Grundrechtsanspruch existiert. Eine Visa-Erteilung für die Studienzeit widerspricht dem Status der Duldung, bei dem im Grunde außer Existenzrechte nichts zugelassen ist. Visa-Erteilung bedeutet z.B. Bewegungsfreiheit im gesamten Schengenraum, Wohnungsfreiheit, eingeschränkt Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, was laut Duldungsstatus nicht erlaubt ist.
Die Duldung ist eingeführt worden, um den Flüchtlingsstrom aus den Kriegsgebieten Jugoslawiens, insbesondere Bosniens, irgendwie zu kontrollieren. Unter der Annahme, dass der Krieg irgendwann zu Ende geht, war der Flüchtlingsaufenthalt unter strengen Auflagen zugelassen bzw "geduldet". Niemand hatte vor, daraus Asylverfahren zu machen oder ein Bleiberecht einzuräumen. Dass der Duldungsstatus (und nicht nur der, BrainsonOverkill hat Entsprechendes genannt) allerdings kein menschenwürdiges Leben ermöglicht, war und ist dem Gesetzgeber ziemlich egal, wenn nicht gewollt. Ein Großteil der Kriegsgeduldeten wurden um 2000 in Nacht-Aktionen der Polizei "zurückgeführt".
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18.11.2010 - 19:36 Uhr
kachel
Die Geschichten sind natürlich...tja...absurd.