05.11.2010 - 10:26 Uhr

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BRIEFROMANBEGINN

Text: notan

1) Vorwort des Herausgebers ---- Teltow Kiel, 15. März 1994 Linda G. Sehr geehrter Herr -----, ich möchte mich sehr für Ihr reges Interesse bedanken. Die Briefe meines Sohnes, der sich zur Zeit in Asien aufhält und Ihnen leider kein Kommentar zukommen lassen kann, habe ich Ihnen per Post nach Teltow geschickt. Alle Kosten, die mit der Veröffentlichung verbunden sind, wurden von mir und meinem Mann, den Sie im Café haben kennenlernen dürfen, bereits abgedeckt. (Erinnern Sie sich noch an den knallbunten Pullover, den er trug? Wie köstlich wir gelacht haben…) Schön, dass Sie schreiben, Sie hätten im Sommer vor, uns an der Kieler Bucht zu besuchen: es wird uns eine ungeheure Freude sein, Sie in unserem kleinen Hause willkommen zu heißen! Ich könnte Ihnen spätestens dann die Fotografien des Herrn de Boorg zeigen! Er hat meinem Sohn letztens wieder einiges Geld geschickt und anbei eben diese zwei kleinen Fotos. Seine Telefonnummer habe ich leider nicht. Auch mein Sohn gab an, nie telefonischen Kontakt mit ihm gehabt zu haben. Eigentlich wissen wir ja recht wenig über de Boorg: Nur dass er zur Zeit irgendwo auf der Westindischen Insel St. Lucia lebe – wahrscheinlich allein und sehr zurückgezogen – und dass er in Deutschland geboren worden sei. Auch ist uns bekannt, dass er mit einigen großangelegten kulturwissenschaftlichen Arbeiten zum Ursprung und Geschichte des Karnevals Furore gemacht habe. Das ist eigentlich auch alles. Über de Boorg hat mein Sohn mir nicht sonderlich viel erzählt. Die ganze Ihnen bekannte Korrespondenz ist wohl das Einzige, worauf ich meine Spekulationen (erinnern Sie sich an den letzten Brief?) gründen kann. Der Briefkontakt zu meinem Kind ist recht spärlich, da nach Tadschikistan, wo er sich zur Zeit aufhält, meine Briefe nicht durchdringen. Ich mache mir furchtbare Sorgen um ihn. Wenn er wieder da ist, also in etwa vier Jahren, werde ich mich befleißigen Sie ihm vorzustellen: das könnte die eine oder andere Dunkelheit unserer kleinen Geschichte erhellen! Ich schließe mit dem Wunsch, die Eigenheiten der Briefe so weit wie möglich in der Verschriftlichung zu belassen. Kaum etwas anderes spiegelt die Verwirrtheit und Sinnesfreude dieser Texte mehr wieder, als ihre formale Diskontinuität. Haben Sie vielen Dank für Ihre Arbeit! Mit herzlichstem Gruß nach Berlin, Ihre Linda und Thomas G. P.S.: Der vierte Brief ist leider verlorengegangen. Wundern Sie sich nicht darüber! Auch die zwei kleinen Buntstiftzeichnungen von de Boorg lassen sich leider nicht mehr ausfindig machen. Es tut uns leid. *** St. Lucia, den 11. Juni 1991 Lieber Clemens, wie habe ich mich über deinen Brief gefreut! Es war so furchtbar heiß in den letzten Wochen auf meiner Insel! Wie wundervoll, dass Du mich mit Deinen kleinen Stückchen so ergötzen konntest…! Das brachte mich auf andere Gedanken: du weißt, was in den letzten Wochen und Monaten hier wieder los war! Ich fasse mich. Ich sitze hier an meinem kleinen Tischchen und kann den Ozean sehen…es ist einfach die beste Voraussetzung für meine Arbeit, die mir genehmste. Das Amerikanische Institut für Statistik und Datenerhebung hat mir vor drei Tagen eine neue „Denkaufgabe“ zukommen lassen. Es geht wieder um rein mathematisch-stochastische Fragestellungen, von denen ich aber selbst kaum etwas verstehe… solange das keinem auffällt, kann ich ja hier vom Staatsgelde mein köstliches Dasein fristen. Ach, wie traurig! Die nächsten Wochen werden also arbeitsam. Mein indischer Nachbar hat mich gebeten ihm beim Anbau einer kleinen Scheune zur Hand zu gehen. Clemens, wie sehr freue ich mich endlich wiederkörperlich tätig zu sein! Ich kann manchmal geradezu ersticken in all diesen Zahlenbergen und Buchstabenketten! Oh je! Das ist mir alles zu kultürlich, zu dünn, zu weit von „oben“ hergeholt. Höre ich morgens den Hahn krähen, fange ich an „wirklich“ zu fühlen. Clemens, bist Du deiner Anstellung nicht schon längst überdrüssig? Ich hielte das kaum länger als einen Monat aus, was Du da machen musst! Und Brrrrr…diese Kälte in Norddeutschland! Aber kommen wir zum Punkte: Auf St. Lucia wurden einige Deiner schönsten Gedichte von Einheimischen vertont! Ich übersetzte „Der Kürbis“ und „Wir denken morgens oft ans…“ und zeigte das meinen Leuten, die sofort voller Begeisterung ans Werk gingen. Mit Erklärungen braucht man sich hier nicht lange aufzuhalten. Kaum waren die Texte übertragen, hatten sie bereits einen schönen Calypsorhythmus erfunden, die Begleitung gesetzt und – schon tanzten die ersten Kinder zu Deinen lustigen Versen. Gratuliere! Ich selbst habe kaum etwas zu Papier gebracht. Bin ja auch kein Schriftsteller, sondern Wissenschaftler. Aber gegenwärtig habe ich wahrlich andere Sorgen: Musste bei der Verlegung der Wasserrohre mithelfen, sodass wenig Zeit zur Muße blieb. Meine Freunde stacheln mich immer wieder an – aber es tut sich einfach zu viel hier. Mir fehlt die Zeit alles aufzuschreiben! Manchmal herrscht auch hier die blanke Hektik. Damit Du trotzdem was zu lesen hast, schicke ich Dir noch eine winzige Geschichte zu. Über den Autor weiß ich noch nicht viel…er ist ganz Geheimnis! Bitte schreib mir, wie Du sie aufgenommen hast- Und grüße mir dein Kaninchen, Ulla, Pieter und all die anderen!!! Grüße nach Deutschland!!! Hui! Hui! Hui! Dein karibischer Schnorrer, Harry d.Boorg P.S.: Tu Buße, Du ewiger Sünder! *** Die Wolken standen über der Wüste. Nichts bewegte sich. Der Pharao wusste, dass die Stimme, die in den letzten drei Jahren das ägyptische Volk mit ihren Witzen terrorisierte, erneut ihr schonungsloses Unwesen treiben würde. „Wo bist Du!“, rief der erzürnte Herrscher. Doch es war still in der Wüste. Kaum etwas regte sich. „Ich habe keine Lust mehr auf Dich zu warten!“ Nirgends war eine Stimme zu vernehmen. „Das ägyptische Volk hat genug von Deinem Humor. Man muss Dir Einhalt gebieten.“, rief der Alte, sodass sein Bartzopf vor Wut erzitterte. Doch es regte sich nichts in der gesamten Wüste. Einige Steinmetze, die bei der Errichtung der Pyramiden mitzuhelfen hatten, gingen, von der Sinnlosigkeit des Vorhabens überzeugt, an ihr Tagewerk zurück. Die Beitel und Meißel klingelten, ein Muhen und Blöken ging durch das versammelte Volk; man machte Anstalten auseinanderzugehen und den alten, ehrwürdigen Herrscher in der Wüste stehen zu lassen. „Halt! Seht Ihr denn die Sandohren nicht? Dort! Dort hört uns die alte Wüste! Sie belauscht uns geradezu!“, schmiss jemand ein. Der Pharao setzte seinen Kopfschmuck ab und war kahl, wie nie zuvor.


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