17.10.2010 - 18:30 Uhr

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"Wir wollen sie übernehmen"

Text: peter-wagner - Foto: privat

Brendan Steinhauser, 29, ist der Kopf hinter der amerikanischen "Tea Party"-Bewegung. Ein Interview über den Wahlkampf der Partei, über Astroturfing und über die Fehler von Barack Obama.

Am 2. November wird in den USA der Kongress neu gewählt und diese Wahl ist so etwas wie ein Stimmungstest für Präsident Barack Obama. Folgt man den Umfragen, sieht es im Moment nicht besonders gut für ihn aus. Wahrscheinlich werden die Republikaner bald die stärkste Kraft im Kongress sein. Sie profitieren von der Unzufriedenheit mit Obamas Politik und von der Unterstützung durch die Tea Party-Bewegung. Diese Strömung ist angeblich schon sehr groß und doch nur schwer zu fassen, weil sie ein Sammelbecken für alle möglichen Politikanschauungen abgibt. Viele Tea Party-Anhänger sind der Überzeugung, dass der Staat zuviel in ihr Leben eingreift und bezeichnen Barack Obama deshalb gerne als „Sozialist“. Die ehemalige Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, und der häufig als „Fanatiker“ und „Populist“ beschriebene Fox-Moderator und Obama-Verächter Glenn Beck sind so etwas wie die Stimmen und Gesichter der Tea Party geworden, was viele Beobachter angesichts der Zusammensetzung der Bewegung für bezeichnend halten. In Washington versuchen nun Organisationen wie die konservative NGO FreedomWorks die Gruppierungen innerhalb der Tea Party zusammenzuführen. Der 29-jährige Brendan Steinhauser steuert im Auftrag von FreedomWorks die Wahlkampfaktivitäten der Tea Party und gilt als einer der Anführer der Bewegung. jetzt.de hat zwei Wochen vor der Wahl mit ihm gesprochen. jetzt.de: Brendan, für was steht die Tea Party aus deiner Sicht? Brendan: Wir wollen die Regierungsausgaben reduzieren. Zum Beispiel hat die Regierung nach der Finanzkrise im Rahmen des „Recovery Act“ eine Billion Dollar ausgegeben – in der Privatwirtschaft sind dadurch aber keine neuen Jobs entstanden. jetzt.de: Nun setzt sich die Bewegung aus vielen unterschiedlichen Gruppen mit teilweise extrem konservativen Ansichten zusammen. Bist du der Marionettenspieler, der die Bewegungen der einzelnen Glieder dieser Puppe koordinieren soll? Brendan: Nein, sicher nicht. Die Bewegung ist ziemlich dezentralisiert. Ich war vorgestern zum Beispiel in Ohio in einem Congressional District außerhalb von Cleveland. Dort waren sicher ein halbes Dutzend verschiedene Gruppen, die gemeinsam Wahlkampf gemacht haben. Die haben alle ganz unterschiedliche Ziele, wollen aber am Ende das gleiche: Sie wollen die Demokraten schlagen. jetzt.de: Was hast du dort gemacht? Brendan: Ich war nur dort, um ihnen bei der Organisation zu helfen und Tipps für den Wahlkampf zu geben. FreedomWorks musst du dir wie ein Servicecenter für diese Graswurzelbewegung vorstellen. Wir stellen zum Beispiel die Schilder für den Vorgarten zur Verfügung oder Flyer, die man an die Türen der Nachbarn legen kann.
Brendan im Wahlkampf jetzt.de: Was ist euer Ziel? Wollt ihr etwa die dritte große Partei in Amerika werden? Brendan: Nein, das wäre ein Fehler, weil das System anders als zum Beispiel in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern ist. In Amerika ist das System allein auf die zwei großen Parteien ausgerichtet. jetzt.de: Was heißt das für deine Tea Party? Brendan: Erst wollen wir bei den Republikanern mitmischen. Dann wollen wir systematisch innerhalb der republikanischen Partei mehr Einfluss gewinnen und sie im Lauf der nächsten zehn Jahre übernehmen. Das ist, kann man sagen, unser erstes Ziel. Das zweite Ziel heißt dann: die Demokraten schlagen. jetzt.de: Im Obama-Wahlkampf vor zwei Jahren waren sehr viele junge Erwachsene engagiert. Wer sind die Mitglieder der Tea Party? Brendan: Dass die Leute Obama nachmarschiert sind, kommt daher, dass er so jung ist. Er ist ein Typ, den jeder mag. Deshalb drehte sich auch sein Wahlkampf nur um ihn. Unsere Bewegung dreht sich aber nicht um eine Person sondern um unsere Ideen. Wir sind eine viel mächtigere Bewegung, in der sich von der Altersverteilung her ganz Amerika spiegelt. jetzt.de: Du hast schon an der Universität über die „konservative Revolution“ geschrieben und hast auch einen Blog zu dem Thema. Was ist für dich konservativ? Brendan: Naja, der Begriff ist sehr aufgeladen und du kannst ihn verschieden interpretieren. Mir geht es um individuelle Freiheit. Wir fokussieren uns im Wahlkampf auf wirtschaftliche Fragen, uns geht es um einen freien Markt und um begrenztes Regierungshandeln. Die traditionellen Konservativen kümmern sich um Fragen der Religion oder um soziale Themen wie die Heirat von Homosexuellen oder Abtreibung. Die stehen bei uns aber nicht im Vordergrund. Da soll jeder machen, was er will. Uns geht es vor allem um die Rolle der Regierung in der Gesellschaft. Wir wollen nicht alle Schulden bezahlen müssen, die die Politiker jetzt anhäufen. jetzt.de: Sarah Palin wurde im Wahlkampf 2008 zur Lachnummer, weil sie keine Ahnung von Außenpolitik hatte. Glenn Beck bezeichnen Beobachter als „Einpeitscher“ oder als die „zornige Stimme eines reaktionären Amerikas“. Findest du es gut, dass die beiden gerade für die Tea Party stehen? Brendan: Beide haben eine große Medienpräsenz im Fernsehsender Fox und sie tragen auch Themen weiter, die uns bewegen. Aber sie sind nur ein Teil der Bewegung und nicht das Zentrum. jetzt.de: Euch wird immer wieder vorgeworfen, mit unfairen Mitteln Wahlkampf zu machen. Unter anderem wird FreedomWorks vorgeworfen, sich des sogenannten Astroturfings zu bedienen . . . Brendan: . . . soweit ich weiß, ist das ein Public Relations-Handwerkszeug. Man erzeugt dabei nach außen hin die Wahrnehmung, dass es viel echte öffentliche Unterstützung für eine Bewegung gebe ... jetzt.de: Korrekt. Indem man Menschen anweist, ganz viele Leserbriefe zu schreiben oder Blogeinträge mit bestimmten Inhalten zu verfassen, erzeugt man den Eindruck, dass hinter den Verfassern eine ganze Graswurzelbewegung stehe. Was aber nicht der Wahrheit entspricht. Brendan: Unsere Bewegung ist sehr echt. Niemand bezahlt diese Leute, niemand bezahlt die Busse, die zu den Kundgebungen fahren. Die Leute, die bei uns mitmachen, sind echte Leute. Zu behaupten, wir würden diese Bewegung durch Astroturfing erzeugen, ist falsch. jetzt.de: Neulich war die Geschichte von Gene Cranick aus dem Bundesstaat Tennessee zu lesen. Er hatte sich geweigert, seine Abgabe an die örtliche Feuerwehr zu bezahlen. Dann ist auf seinem Grundstück ein Brand ausgebrochen, der auf sein Haus übergriff. Cranick rief die Feuerwehr – und die kam nicht. Weil er seine Gebühr nicht bezahlt hatte. Glenn Beck fand das offenbar gut. Er sagte im Radio: „Wer seine Gebühren nicht bezahlt, muss die Konsequenzen tragen.“ Denkst du genauso? Brendan: Ich habe davon nichts mitbekommen und kann deshalb nichts dazu sagen. Alles, was ich sagen kann ist: Ich will niemandes Haus abbrennen sehen. jetzt.de: Die Chancen für die Republikaner bei der Wahl in zwei Wochen stehen offenbar ganz gut. Warum hat Barack Obama in deinen Augen soviel Unterstützung verloren? Brendan: Er hat zuviel versprochen. Zuviel Hope, zuviel Change. Das Oval Office mag mächtig sein, aber soviel kann es dann doch nicht auf einmal verändern. jetzt.de: Was muss er tun, um noch ein zweites Mal Präsident zu werden? Brendan: Er wird es nur, wenn er sich, wie Bill Clinton damals in den 90ern, in die Mitte bewegt. Obama befindet sich mit seiner Politik weit links draußen – während Amerika in der Mitte versammelt ist. *** Hier kann man Brendan Steinhauser im Bewegtbild erleben: Vergangene Woche war er Gast im Colbert Report, einer amerikanischen Comedyshow.


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Garrett
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Mag ich Mag ich nicht

4

17.10.2010 - 20:52 Uhr
Garrett

Schade, gar nicht so ein Vollpfosten, wie ich bei dem Stichwort "Tea Party" erwartet hätte. Interessant ist allerdings, was in den USA alles als "links" gilt.

io_
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Mag ich Mag ich nicht

2

18.10.2010 - 00:31 Uhr
io_

wenn die koservative revolution in den usa ähnlich verläuft wie in der weimarer republik dann mal alle über bord!

Dosenknall_mit_Ueberschall
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Mag ich Mag ich nicht

-1

18.10.2010 - 08:39 Uhr
Dosenknall_mit_Uebers…

machst aus dem a ein ä, hast 'n deutschen jugendlichen amokläufer. der umlaut is wahrscheinlich bei der immigration seiner altvorderen weggefallen.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

2

18.10.2010 - 12:02 Uhr
alces

Garrett sagte:
Schade, gar nicht so ein Vollpfosten, wie ich bei dem Stichwort "Tea Party" erwartet hätte.

So was ärgerliches aber auch, gell?

Dosenknall_mit_Ueberschall
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Mag ich Mag ich nicht

-1

18.10.2010 - 12:26 Uhr
Dosenknall_mit_Uebers…

garret, joah!

"Mir geht es um individuelle Freiheit. Wir fokussieren uns im Wahlkampf auf wirtschaftliche Fragen, uns geht es um einen freien Markt und um begrenztes Regierungshandeln."

bei uns wäre das ein wirtschaftsliberaler. bei jetzt.de wäre es evtl. gar ein radikalliberaler. um fanatisch-verirrt zu sein, muss man nicht zwangsläufig vollpfosten sein ;)

denke aber, der große rest der tea-party ist wirklich reaktionär, bibelfanatisch-bigott. gegen abtreibung, gegen homosexuelle (jeder schuss muss ein treffer sein, wie bei von der leyen, etc...)

"links": was nur leicht in richtung soziale marktwirtschaft al la adenauer und ludwig erhard geht (beides cdu-mitglieder) gilt bei denen ja schon als links-extrem, gar kommunistisch. und "intellektueller" gilt als schimpfwort. naja...wenigstens da haben se ja teilweise recht :)

und das 2-parteien-system: naja. derzeit kommt obamas konjunkturpaket nicht zur entfaltung, weil republikaner und demokr. sich gegenseitig blockieren. d.h. große infrastrukturprojekte, deren finanzierung dank konjunkturpaket egtl. steht, liegen auf eis, weil republikaner an entscheidender stelle blockieren. schön blöd, wa!?

gut, nicht dort drüben leben zu müssen. hoffe nur, deren kränkelnde wirtschaft zieht uns dann nicht runter. oder die ezb wird zur weiteren lockerung ihrer geldmarktpolitik verleitet, dadurch dass der dollar gegenüber dem euro ZU schwach wird..

HapaxLegomenon
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Mag ich Mag ich nicht

-3

18.10.2010 - 12:35 Uhr
HapaxLegomenon

"There is only one party in the United States, the Property Party...and it has two right wings: Republican and Democrat. Republicans are a bit stupider, more rigid, more doctrinaire in their laissez-faire capitalism than the Democrats, who are cuter, prettier, a bit more corrupt--until recently... and more willing than the Republicans to make small adjustments when the poor, the black, the anti-imperialists get out of hand. But, essentially, there is no difference between the two parties." (Gore Vidal)

okkasionalsozialist
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Mag ich Mag ich nicht

1

18.10.2010 - 17:04 Uhr
okkasionalsozialist

man muss verstehen, dass sich die tea party aus mehr libertären und mehr konservativen strömungen zusammensetzt - die muss man streng auseinanderhalten.

die libertären sind teilweise in ihren positionen näher an den linken (letztere werden in den usa zur verwirrung der europäer 'liberals' genannt, was sich vor allem auf ihre sittlichen überzeugungen bezieht, während sie in wirtschaftspolitischer hinsicht echte linke sind) und können damit auch hier teilweise zustimmung finden, während die konservativen eigentlich das sind, worauf sich der hass der europäer hauptsächlich richtet.

genauer erklärt ist das unter anderem hier (gibt zahllose ähnliche erklärungsversuche - in der bewegung selbst sind sich die meisten der unterschiede allerdings bewusst):

http://danieljmitchell.wordpress.com/201...

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Mag ich Mag ich nicht

1

18.10.2010 - 17:15 Uhr
okkasionalsozialist

Dosenknall_mit_Ueberschall sagte:

und das 2-parteien-system: naja. derzeit kommt obamas konjunkturpaket nicht zur entfaltung, weil republikaner und demokr. sich gegenseitig blockieren. d.h. große infrastrukturprojekte, deren finanzierung dank konjunkturpaket egtl. steht, liegen auf eis, weil republikaner an entscheidender stelle blockieren. schön blöd, wa!?



nein, staatliche konjunkturprogramme sind grundsätzlich mist. weil es beim einsatz von geld auch auf die art der allokation ankommt - zentralistische (sozialistische) ansätze (wenn der staat also den mitteleinsatz stark lenken will) haben nicht nur (im weniger schlimmen fall) marktverzerrungen mit negativem konjunkturellem feedback zur folge sondern beschädigen auch die währung an sich.

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.10.2010 - 17:44 Uhr
air_kaviar

vielleicht sollte man erwähnen, dass sich die geforderte freiheit nur für WASPs gilt. Die haben panische Angst, dass die USA von Latinos und Moslems überrant wird. Nicht nur gegen Obamas Wirtschaftspolitik geht es, sondern auch dagegen, dass er nicht alles Ausbombt, was gelegentlich gen Mekka betet.


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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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