"Geht mehr raus!"
Text: mercedes-lauenstein
Heute läuft der Film "The Social Network" in den deutschen Kinos an. Unsere Autorin hat ihn sich vorab schon einmal angesehen, um danach den Hauptdarsteller Jesse Eisenberg im Hotel Adlon in Berlin zu treffen. Und mit ihm über ganz andere Dinge zu reden.
Ich fliege nach Berlin. Dort soll ich mir den viel besprochenen
Facebook-Film „The Social Network“ ansehen, bevor er am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Danach darf ich mit Hauptdarsteller Jesse Eisenberg 15 Minuten lang im Einzelgespräch reden. Man hört und liest das ja oft: Journalisten treffen Stars in feinen Hotels zum Kurzinterview. Großes Gedrängel, alle stellen dieselben Fragen, der Star ist PR-mäßig glattgebügelt und so richtig spannend wird das Gespräch eigentlich nicht. Ich allerdings bin ziemlich gespannt, denn ich mache das heute zum ersten Mal.
Jesse Eisenberg, der Hauptdarsteller im Facebook-Film.
Im Sony Screening Center am Potsdamer Platz bekomme ich eine Visitors Card und setze mich in die moderne Wartelounge an einen runden Tisch. Andere Journalisten setzen sich nach und nach dazu. Alle kritzeln konzentriert in dem dicken Pressehefter zu „The Social Network“ herum. Mit dem gläsernen Fahrstuhl geht es schließlich nach oben in den Kinosaal. Er sieht aus wie jeder andere auch, nur halb so groß.
Der Film ist ganz unterhaltsam, schon in der ersten Szene entwickle ich ein Faible für die mir bisher unbekannte Schauspielerin Rooney Mara. In der Rolle der Erica Albright trennt sie sich mit folgenden Worten von Mark Zuckerberg: „Du wirst dein Leben lang denken, die Mädchen mögen dich nicht, weil du ein Nerd bist. Doch das ist nicht wahr: Sie mögen dich nicht, weil du ein Arschloch bist!“
Und dann beginnt die Geschichte, in der Jesse Eisenberg ein wirklich großartiges Arschloch spielt und die einem minutiös vorhersehbar genau das erzählt, was man als sensationsgeiler Zuschauer im ersten Moment auch hören will: Mark Zuckerberg, ein skrupelloser Hacker hat alle überlistet und gewissermaßen die Weltherrschaft der heutigen Zeit an sich gerissen: Das Internet. Nun ist er der jüngste Milliardär aller Zeiten. „Punk, Genie, Verräter, Milliardär“ - was in großen Lettern auf den Filmplakaten steht, ist Programm. Eine tolle Geschichte, von einem tollen Regisseur erzählt und von tollen Schauspielern abgebildet.
Leider geht man ohne jeglichen Mehrwert aus dem Kino heraus. Denn der Film liefert keine Antwort auf das, was man eigentlich wissen will. Und das wäre erstens: Wie es denn nun wirklich war. Es ist ja bekannt, dass das Drehbuch mindestens zur Hälfte frei erfunden ist. Außerdem geht es mir in dem Film zu sehr um Mark Zuckerberg selbst, als um den Nerv der Gesellschaft, der den großen Erfolg von Facebook überhaupt erst möglich macht.
Das Einzige, was der Film mit mir macht, ist, dass er mein Bewusstsein schärft. Als ich zum Mittagessen ein wenig durch die Stadt laufe, fällt mir noch stärker als sonst auf, wie präsent Facebook mittlerweile in unserem Alltag ist. Es ist überall. Kleine Bäckereien werben auf ihrer Schaufensterscheibe dafür, sie auf Facebook zu ‚liken’, Modegeschäfte ebenfalls und auch der Spanier am Nebentisch brüllt alle drei Minuten irgendetwas mit ‚Facebook’ in sein Telefon.
Aber ich frage mich ernsthaft, was Jesse Eisenberg mir nun dazu erzählen soll. Offensichtlich konnte er ja auch nur raten, wer Mark Zuckerberg ist und versuchen, ihn nach diesen Informationen und nach Vorgaben des Drehbuchs halbwegs authentisch darzustellen. Ihn jetzt so zu behandeln, als sei er Zuckerberg selbst oder hätte pikante Informationen in der Hinterhand parat, kommt mir blöd vor.
Und deshalb entscheide ich mich dafür, heute einfach einen Jesse Eisenberg zu treffen, der als Indieschauspieler gerade in höhere Sphären aufsteigt und seinen 27. Geburtstag genau heute damit verbringen muss, die ewig gleichen Fragen von gehetzten Journalisten zu beantworten. Ich will ihm einen einfachen Fragebogen vorlegen.
Im Hotel Adlon ist es sehr fein. Ein Brunnen plätschert, es riecht nach warmen Keksen und schwarzem Tee. Alte Ehepaare sitzen schmuckbehängt in den Sesseln.
An einem Empfangstisch nenne ich meinen Namen und werde gebeten, auf der Ansammlung von Sesseln und Sofas Platz zu nehmen. Einige andere Wartende sitzen mit mir hier, eine blonde Frau hält ein Radiomikrofon auf dem Schoß, den Sender erkenne ich nicht. Überall laufen herausgeputzte Hotelangestellte herum und Menschen, die offensichtlich versuchen, die Interviews zu koordinieren. Ich versuche zu erahnen, hinter welchen Türen die einzelnen Crewmitglieder des Films wohl jetzt sitzen, doch ich habe keine Ahnung. Eine Frau kommt zu mir und sagt, dass sie im Verzug seien und dass sich mein Termin um eine Viertelstunde verschiebt.
15 Minuten später sitze ich in einem großen Saal mit Blick auf das Brandenburger Tor. Zwei Stühle, ein Tisch. Eine andere, sehr nette, kleine dicke Frau rückt den Stuhl, auf dem Jesse gleich sitzen soll, so zurecht, dass er den besten Blick hat. Mütterlich sagt sie: „Kannst du auch gut sehen? Ihr sollt euch ja wohlfühlen.“ Das finde ich charmant. Ich hatte mir diesen Abfertigungsbetrieb viel rabiater vorgestellt.
Auf der nächsten Seite erfährst du, was Jesse seiner Freundin aus Berlin mitbringt und warum es in seinem Apartment in New York leider nicht so gut riecht.