Verlegen, verlieren und nicht vinden
An einem guten Tag vergesse ich vielleicht mal einen Buchstaben. Aber and den restlichen, da läuft es bedeutend schlechter. An solchen Tagen ist meine Vergesslichkeit nämlich eine echte Zumutung für meine Familie, Freunde oder Außenstehende. Ständig verlege ich irgendwelche Dinge. Meine Brille zum Beispiel, oder meine Autoschlüssel. Dann renne ich blind und verzweifelt umher und finde natürlich nichts, und das ist erbärmlich anzusehen. Meistens hat dann jemand der Anwesenden Mitleid und hilft mir beim Suchen. Mein Mann benötigt für das Finden meiner Brille mittlerweile unter drei Minuten. Das letzte Mal fand er sie im Kühlschrank, unten im Gemüsefach zwischen den Bierdosen. Nach jahrelangem Training ist er natürlich sehr erfahren im Aufstöbern meiner verlegten Wertsachen. Wir sind da ein eingespieltes Team. Ich weiß das wiederum sehr zu schätzen, und passe sehr auf, ihn nicht irgendwann auch noch zu verlieren. Zum Dank vergesse ich dann gerne mal Geburtstage. Letzte Woche wollte ich mal wieder so ein von Herzen verspätetes Geschenk besorgen. Nur, ich kam gar nicht dazu, denn mein Auto war verschlossen. Also bin ich durch die kaputte Heckklappe einsteigen. Das brachte mich aber auch nicht wirklich weiter, wie ich dann auf dem Fahrersitz angekommen bemerkte. Heute Morgen habe ich die Schlüssel wieder gefunden. Aber jetzt habe ich vergessen, wo mein Auto parkt. Wie ich es drehe und wende, mein Kopf scheint ständig zu klein zu sein für diese große Welt. Wie machen andere Menschen das bloß? Wie kommen die so durch den Tag? Wie kann man sich zum Beispiel die ganzen Details seiner 457 Facebook-Freunde merken? Ich kann mir nicht einmal meine eigene Telefonnummer behalten. Aber die Zahl Pi kann ich mühelos zwölf Stellen nach dem Komma aufsagen. Mir ist auch bekannt, dass Indien aus 28 Bundesstaaten besteht und Jack the Ripper ein Linkshänder war. Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Blauwals so an die 800 kg wiegt? Aber, was nutzt mir das? Finde ich deswegen mein Auto wieder? Mein Kopf ist vollgemüllt mit nutzlosem Wissen. Ist ja auch kein Wunder. Mein ganzes Leben lang war ich verschiedenen Bildungsanstalten und allerhand Medien schutzlos ausgeliefert. Für das praktische Leben bleibt da jetzt nicht mehr viel Erinnerung übrig. Ohne eine tägliche To-do-Liste setzte ich keinen Fuß vor die Tür, sonst verliere ich mich eines Tages noch selbst. Vom Vergessen ist es auch nur ein kleiner Schritt zum Verlieren. Damit meine ich nicht, wenn etwa ein Ohrring in den Gully fällt. Natürlich ist der weg, aber grob weiß man ja noch, wo er sich befindet. Ich meine eher den Zustand der totalen Dematrialisierung von Gegenständen. Eben noch da, und - schwuuupp - weg. Nach genau 10 Tagen erkläre ich einen verlegten Gegenstand offiziell als verloren. Da gehe ich völlig professionell mit um. Ja, ich bin ein Verlierer. Das sage ich stolz und mit erhobenem Kopf schamlos frei heraus. In neun von zehn Fällen sind wir doch Verlierer. Mal verlieren wir den Job oder den Partner, mal den Führerschein oder das Portemonnaie, häufig die Geduld und zum Schluss sogar unser Leben. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Büschel Haare ist. Weg ist weg. Ich fühle mich dem Verlierer einfach näher als dem Gewinner. Deswegen jubel’ ich auch immer, wenn ich mal ein Euro im Einkaufswagen finde, oder den richtigen Mann. Glücklicherweise treffe ich erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen wie ich. Wenn auch in umgekehrtem Verhältnis. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mir ein riesiges Loch in den Bauch. Denn so gewinne ich immer wieder Stoff für neue Geschichten.
- Ich bin migriert. Und das ist auch gut so. 09.09.2010
- BEHIND BEING PETA PAN 18.08.2010
- die welt bei virginia jetz! 30.09.2006
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Am schlimmsten sind die Verluste, die man sich EINFACH NICHT ERKLÄREN KANN. So: mit dem Armband, das nicht von alleine abgehen kann, zu einer Freundin gegangen, und am nächsten Tag ist es weg. Bei der Freundin ist es aber nicht. - Die Kamera bei der Abreise in den Koffer gelegt, daheim ist sie nicht mehr da. Im Hotel, wo sie ja eigentlich auch nicht sein kann, ist sie auch nicht. Etc.
Ich verliere alles, und meine Umgebung ist allmählich auch genervt davon. Sollen wir eine Alzheimer-Selbsthilfegruppe gründen? Mit dem heiligen Antonius als Schutzpatron?
Top und schnell und launig.
Aber wenn jemand klauen will, könnte er Geld mitnehmen und ein Radio ... aber doch keinen ollen Reithut mitnehmen und den Rest liegenlassen. Die Kappe ist einfach WEG!
nur einmal habe ich wohl meine börse verloren,aber wahrscheinlich wurde sie mir geklaut.
wollmops sagte:
Sollen wir eine Alzheimer-Selbsthilfegruppe gründen? Mit dem heiligen Antonius als Schutzpatron?
Prima Idee. Aber wahrscheinlich vergesse ich da hinzugehen.
06.10.2010 - 00:32 Uhr
PetaPan
alter_hund sagte:
Reitkappe verschwunden. Bin SICHER, daß ich sie ins Auto gelegt hab.
Eventuell führt dein Auto ja ein Eigenleben. Wolle vielleicht von 1-Zylinder auf 2-Zylinder aufrüsten und hat in Ermangelung an Zylindern sich deine Reitkappe geschnappt.
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04.10.2010 - 23:51 Uhr
MorbusBahlsen
Hihi! Sehr toll! Wo dieses Wort doch gerade für Schnelligkeit so lautmalerisch steht! :)