20.09.2010 - 18:30 Uhr

1 15 Über Twitter weiterempfehlen

"Sie werden diesen Prozess nicht stoppen"

Text: dirk-vongehlen

Für die einen ist es ein Synonym für Unsinn, für die anderen die Zukunft der Nachrichten. Klar ist aber: Der frisch renovierte Dienst Twitter verändert den Journalismus.

Woher nehmen die Leute nur die Zeit? Sie verbreiten ihre konzentrierte Banalität, und das häufig sogar mehrmals am Tag. Doch niemand scheint sich daran zu stören. Das Quasseln über die eigenen Befindlichkeiten ist ein regelrechter Volkssport geworden. Die Rede ist vom Telefon, einem seit dem 19. Jahrhundert bekannten Kommunikationskanal, dessen Wert niemand ernsthaft in Zweifel ziehen würde - obwohl die bei einer gewöhnlichen S-Bahnfahrt belauschten Gesprächsfetzen ausreichen, um festzustellen: Es wird jede Menge Belanglosigkeit über unsere Mobilfunknetze verbreitet.
Doch so wenig man die Bedeutung des Telefons anhand einzelner Gespräche bewerten kann, so wenig erschließt sich der Sinn des Microblogging-Dienstes Twitter, wenn man lediglich einzelne, sogenannte 140 Zeichen lange Tweets anschaut. Tut man dies, landet man schnell bei der Klage über die 'konzertierte Banalität' der 'Internet-Quassel-Plattform' . So jedenfalls war es vor zwei Jahren auch in deutschen Qualitätsmedien zu lesen. Damals wurde Twitter als das nächste große Internet-Ding durchs digitale Dorf getrieben. Doch der 2006 von drei kalifornischen Entwicklern gegründete Dienst ist mehr als ein neuer Hype in der rasenden Webwelt. In diesen Tagen haben die Macher ihre Plattform schrittweise erneuert, verändert. Und amerikanische Medienexperten prognostizieren nach diesem Relaunch, Twitter könnte der digitale Nachrichtenkanal der Zukunft werden. Begonnen hatte es im November 2009 mit der scheinbar eher kosmetischen Anpassung, die Leitfrage von 'Was machst du gerade?' (auf die die ständig wachsende Nutzerschaft in 140 Zeichen antwortet) in 'Was gibt"s Neues?' zu ändern. Mit dem jetzt vorgestellten 'besseren Twitter' kann man über die 140 Zeichen hinaus Bilder und Filme direkt auf twitter.com anzeigen lassen. Das ging bisher nur über einen Verweis auf fremde Anbieter wie Twitpic oder Yfrog. Die Funktionalität, Bilder hochzuladen und zu posten, hat Twitter nun ebenso integriert wie weiterführende Informationen, die Nutzer bisher über externe Angebote wie Seesmic und Tweetdeck einholten. Diese Weiterentwicklung bringe erstaunliche Folgen für die Ausrichtung von Twitter mit sich, analysiert die Medienwissenschaftlerin Megan Garber vom Nieman Journalism Lab der Universität Harvard. Garber sieht Twitter auf dem Weg zu einem journalistischen Medium. Das Besondere daran: Twitter erstellt selber keine Inhalte, sondern liefert seinen Nutzern lediglich die Infrastruktur, um Leser zu erreichen. Durch die Erweiterung um die Bildebene wird der Dienst, so Garber, von einem Kommunikationsinstrument, mit dem Freunde vor allem Meldung über ihre Befindlichkeit machen, zu einem Informationskanal, der auch für eher passive Nutzer bedeutsam wird, die selber keine Informationen verbreiten wollen. Anders als bei klassischen sozialen Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ, setzt Twitter auf einen einseitigen Austausch. Man freundet sich nicht mit jemandem an (was derjenige dann bestätigen müsste), sondern abonniert lediglich dessen Nachrichten (was nicht bestätigt werden muss). In der Twittersprache heißt dies: Man folgt jemandem (follower). Und dieses Folgen ist im Prinzip nichts anderes als der automatisierte Abruf neuer Nachrichten. So wie man zum Beispiel mehrmals am Tag auf ein Nachrichtenportal schaut, um sich zu informieren. Damit man dafür nicht ständig die Adresse eintippen muss (und womöglich dann gar keine Änderungen findet), wurde vor ein paar Jahren der Dienst RSS (Real Simple Syndication) erfunden, der das Vorbeischauen unnötig macht, weil er den Leser genau dann informiert, wenn es neue Informationen gibt. Lange Zeit galt RSS als Zukunft der Nachrichtenübermittlung im Netz. Jetzt bricht die Nutzung dieser Technologie ein. Branchenportale haben Anfang des Monats bereits das Ende von RSS ausgerufen. Der Grund: Immer mehr Menschen sammeln ihre Informationen nicht mehr über RSS-Reader (wie z.B. den populären Reader von Google), sondern lassen sich über Twitter informieren. Denn während es in Deutschland zur Banalität der Twitter-Nutzer, die peinliche Banalitäten verbreiten (sogenannte Oversharer), medienphilosophische Debatten gab, hat sich der Dienst auf einer dritten Ebene (neben der Leitfrage und der jetzt erweiterten Technik) verändert: Dadurch, dass zahlreiche bekannte Menschen, die etwas zu sagen haben (Journalisten, Wissenschaftler, Musiker und auch Stars und Sternchen) Twitter nutzen, um relevante kurze Hinweise zu verbreiten, hat sich ein eigenes Twitter-Universum entwickelt, das mit den belanglosen Alltagsbefindlichkeiten der Oversharer wenig gemein hat. Viele Menschen nutzen den Dienst also mittlerweile nur lesend wie eine kostenfreie Presseschau, die sie auf ihre individuellen Interessen zuschneiden. Sie folgen dann Medien, Journalisten und Experten, die zu den Themen eines bestimmten Fachgebiets schreiben. Und dank der zahlreichen Dienste, die rund um Twitter entstanden sind, können sie auch über das Mobiltelefon auf dem Laufenden bleiben. Das Besondere dabei ist, durch die Funktion des sogenannten Retweetens (bei dem eine Meldung als bedeutsam markiert und deshalb von anderen Nutzern wiederholt wird), tauchen wirklich wichtige Nachrichten häufiger in der Liste der Neuigkeiten auf und gehen nicht im Strom der Meldungen (Timeline) unter. So lässt sich auch die häufig zitierte Behauptung unterfüttern, die einem 15-jährigen Amerikaner zugeschrieben wird, der von sich sagt, keine klassischen Nachrichtenangebote (wie Zeitungen, Fernsehsendungen oder Webseiten) zu nutzen. 'Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.' Doch damit nicht genug der veränderten Mediennutzung. Auch auf Seiten der Produzenten kündigen sich Verschiebungen an, die beinahe revolutionären Charakter haben können. Als Peter Horrocks Anfang des Jahres seine Arbeit als Director of Global News bei der britischen BBC antrat, schrieb er seinen Mitarbeitern eine interne Mail, in der er Twitter zum festen Bestandteil der journalistischen Arbeit erklärte. Die Folgen der eigenen Veröffentlichungen im sogenannten sozialen Web, also auf Plattformen wie Twitter, zu verfolgen, so Horrocks, sei keineswegs ein Spaß für Technikfreunde. 'Es ist Bestandteil Ihrer Arbeit', schrieb er seinen Journalisten. 'Wenn Sie diesen Grad der Veränderung nicht mögen oder denken, diese neue Art zu arbeiten passe nicht zu Ihnen: Dann suchen Sie sich einen neuen Job, denn Sie werden diesen Prozess nicht stoppen.' Klingt hart. Andererseits ist es wohl nicht härter, als müsste ein Chefredakteur seine Leute überzeugen, endlich auch mal ein Telefon für die Recherche zu benutzen.


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newmoonrising
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Mag ich Mag ich nicht

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21.09.2010 - 06:42 Uhr
newmoonrising

Mal so als blöde Frage am Rande: Warum bindet man in so einen Text nicht direkt den Link zu Twitter ein? Wär ja schon nützlich.
Von der morgendlichen Nörgelei mal abgesehen: Witzig, ich muss in zwei Stunden einen Vortrag drüber halten wie das Internet zum Prozess der politischen Meinungsbildung beiträgt. Mit Schwerpunkt auf Twitter, Blogs und Co. Wie passend.

Hazamel
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Mag ich Mag ich nicht

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21.09.2010 - 07:45 Uhr
Hazamel

"Man freundet sich nicht mit jemandem an (was derjenige dann bestätigen müsste), sondern abonniert lediglich dessen Nachrichten (was nicht bestätigt werden muss)."

*möööp* nur halbrichtig.

Ich habe jederzeit die Möglichkeit meinen Account als "Secure" zu markieren und muss dann jeden Follower einzeln zulassen.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis geht es mittlerweile dahin, dass die private Accounts secure sind und es noch einen zweiten "offenen" Account für den Blog/Firma/usw. gibt.

Auch auf RSS ist man nicht zwangsläufig angewiesen (da bräuchte man ja auch wieder einen Reader und ich fände das ziemlich nervig, jedes Mal den Feedreader erst wieder ausmisten zu müssen bei +100 Accounts denen ich followe), seit geraumer Zeit aktualisiert sich die Twitterseite nämlich von selber und zeigt an "x neue Tweets"

ShesSoHigh
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21.09.2010 - 10:51 Uhr
ShesSoHigh

Der RSS-Bezug im Text soll auch nicht heißen, dass man sich Twitterfeeds per RSS abonniert, sondern News auf anderen Seiten. Und das, so Autor, wird durch Twitter nach Meinung des Autors ersetzt durch Twitter, weil man dort News eben in der Timeline mitkriegt.

Lesekompetenz ftw.

dirk-vongehlen
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21.09.2010 - 12:03 Uhr
dirk-vongehlen

@Hazamel: Der Secure-Aspekt stimmt natürlich. Ich habe ihn hier nicht so ausführlich erläutert, weil es mir zunächst darum ging, zu erklären, wie das öffentliche Prinzip von Twitter ist

@SheSoHigh: Danke fürs Erläutern

pirat
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Mag ich Mag ich nicht

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22.09.2010 - 08:23 Uhr
pirat

Lieber dirk-vongehlen,

wenn Sie das 'öffentliche Prinzip' von Twitter ansprechen, dann sei auf eine kleine aber interessante Tabelle in einem kritischen Artikel über geschlossene und offene Systeme (z.B. RSS vs. Twitter) verwiesen:
http://sedo.de/links/showlinks.php3?trac...
Im Übrigen finde ich es schade, dass Sie kein Wort des Bedauerns über das angebliche Auslaufmodell RSS verlieren. In Sachen Benutzerfreundlichkeit könnte sich Twitter einige Scheiben vom Google-Reader abschneiden, der nicht mal der Beste sein soll. Zuletzt habe ich verzweifelt versucht, gespeicherte Twitter-Suchen zu löschen. Immerhin gab es von Twitter Fehlermeldungen (Ups ...). Mehr aber auch nicht.

PS: Zugegeben: aufmerksam geworden bin ich auf obigen Artikel über ein Tweet und nicht in der Qualitätspresse.

ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

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22.09.2010 - 08:55 Uhr
ThomasCrown

ich frage mich ja immer: wenn alle - wie der pirat - auf solche artikel und andere news nur durch tweets aufmerksam werden, wer startet dann mit der nachricht? irgendjemand muß ja doch die oldschoolmedien verfolgen. wird die aufgabe dann reihum verteilt? twitter-lesekreise? "okay, bhörnchen83, du bist heute für taz und spiegel zuständig. scan die baumpresse mal durch auf interessante texte."

dirk-vongehlen
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27.09.2010 - 16:13 Uhr
dirk-vongehlen

@pirat: Ich persönlich nutze den Reader gerne auch weiterhin.

@ThomasCrown: Die Oldschoolmedien könnten ihre Inhalte ja selber einstellen.

ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

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27.09.2010 - 16:21 Uhr
ThomasCrown

@dirk-vongehlen: natürlich, ja. auch wenn das nun wieder einen anderen komplex aufmachen würde (paid content usw.). rss-feed der süddeutschen? ich bin da wohl noch zu oldschool, ich mag zeitunglesen am morgen, aber vorstellen kann man sich das ohne weiteres (oder gibts das schon? wie ist der stand der dinge bezüglich ipad und apps?).

dirk-vongehlen
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27.09.2010 - 16:29 Uhr
dirk-vongehlen

Da hängen - wie Du richtig bemerkst - noch jede Menge andere Dinge dran. Allein deshalb kann ich Dir dazu nicht viel sagen. Außer dem: Freut mich, dass Du noch auf die Zeitung zählst. So soll es sein ;.)

ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

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27.09.2010 - 16:32 Uhr
ThomasCrown

ich bin ja auch alt.

aber wo du schon hier bist: nach welchem prinzip werden eigentlich texte der sz auf jetzt.de eingestellt? gibts da kriterien oder einfach nur jeden morgen eine andere person, die nach eigenem gusto auswählt?

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