atme auf
Und geatmet und auf den Wind gehofft, der nicht kam.Und noch einmal geatmet und auf das Auto gewartet, dass zu spät kam. Und vergessen zu atmen und schon war die ferne Zukunft da, von der man immer gesprochen hat wie von Verwandtschaft in Amerika, als die Schulhöfe noch größer und die Welt, im gesamten betrachtet, noch kleiner war. Ich hab auch eine Tante in Amerika, sagte die die dicke Sandra mit den Leuchtturnschuhen und rollte die Unterlippe aus.
Wir haben auch eine Zukunft, haben wir gesagt, und, ja, die kommt dann bald, haben wir lässig bestätigt, ohne mehr daran zu glauben als an die Geschichten von diesen Sandras, die mit klebrigen Händen und feuchten Augen um Freundschaft betteln. Wir haben eine Zukunft, wir sind doch wer, wir sind gewappnet, barfuß oder Lackschuh, wir können beides, wir werden nicht so angestrengt sein, wir werden entspannt sein, aber nicht esoterisch, wir werden glauben, aber nicht verdammen, wir werden dabei gut aussehen und bestimmt bis dahin ein Lieblingslied haben, dass wir dazu hören, Lieblingsfilm, Lieblingsband, Lieblingszitat auf unseren zukunftsträchtig geschürzten Lippen, wir werden Freunde haben für immer, wir werden die Welt ändern, aber nicht uns, wir werden zu unserer Zukunft ein richtiges Fest feiern, wir werden immer noch niemanden kennen, der sich über eine Partnerbörse kennen gelernt hat, wir werden immer noch nicht über Sex reden, aber voneinander glauben, wir hätten ihn, wir werden die Karten auf den Tisch legen und ein zweites Blatt im Ärmel verstecken, wir werden gut aussehen, wir werden lächeln, wir werden Sonne haben, die unsere Haare beleuchtet, wir werden Ähren und Kränze und all das auf unseren Häuptern tragen, wir werden Witze reißen und Lieder singen.
Aber dass wir verlegen uns gegenüber stehen und keine Worte finden, dass war so nicht abgemacht, von Regen zum Abschied, von kaltem Rauch und Kopfschmerzen war die Rede nicht, ich kann mich erinnern. Und während wir noch Pläne machten und Skizzen anlegten, das Feld bestellten und das Obst bekochten, war sie schon längst da. Die Zukunft. Mein Leben. Deines.
Hat einen Moment der Unaufmerksamkeit abgepasst und ist hereingekommen, diese Zukunft, scheißunfreundlich das, ohne Hallo zu sagen, fast als hätte sie das aus lange Hand geplant, wie auch diese grippalen Infekte einen immer so belauern und um einen herumstehen und dann, zack, sind sie da, hat man mal einen Moment nicht aufgepasst.
Das Auto riecht nach nassem Auto, nach Müdigkeit und Schokoriegeln. Im Rücken die Lichter, Deutschland flattert nur so vorbei am Fenster, redet nicht mit mir und ist schon wieder verschwunden. Mein Gesicht an der Scheibe festgedrückt, aber noch nicht mal der Spuckefaden will eine Richtung einschlagen.
Kilometer gefressen bis ich ganz voll bin, den Bauch voll und geschlagen.
Als ich ankomme, ist der Abend noch in der Vorbereitungsphase.
Die neuen Schuhe haben Streifen hinterlassen. Es gibt gar keine Tante in Amerika, denke ich und laufe noch eben rüber zur Tankstelle, um mir ein Sunkist zu holen, das trinke ich dann auf uns drei hübschen, auf mich, die Zukunft und auf Sandra, das wurde längst mal Zeit.








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08.09.2010 - 12:37 Uhr
Kalef