06.09.2010 - 22:44 Uhr

0 0 Über Twitter weiterempfehlen

Winter

Text: inthesky

I. Gelbe Blätter

Der Winter, in dem wir alle allein sein würden, begann damit, dass gelbe Blätter von den Bäumen fielen. Anja und Caro standen auf dem nassen Asphalt unter Platanen, deren Kronen sich zwischen grün und gelb noch nicht entscheiden wollten, und redeten zum hundertsten Mal über das Gleiche. Etwas, das sich eigentlich nicht in Worte fassen ließ und für das es deswegen auch keine Lösung geben konnte, die aus diesen zermürbenden, nicht enden wollenden Gesprächen bestand. Sie standen unter den Platanen bis ihnen kalt war von der nassen Luft des Herbstes und bewegten sich nicht, stundenlang, hielten inne in ihrem Spaziergang und redeten so viel, dass Anja sich nicht mehr an alles Gesagte erinnern konnte, als sie mir später davon erzählte.
Aber es musste ungefähr so gewesen sein: Anja war müde gewesen vom Wochenende, das sie woanders mit alten Schulfreunden verbracht hatte. Caro hatte das ganze Wochenende einsam und eifersüchtig gewartet und sich von Anja im Stich gelassen gefühlt.
Anja hatte am Ende gesagt: „Ich kann doch nicht alles so machen, wie du es willst. Ich habe doch auch mein eigenes Leben.“
Und Caro hatte nur geantwortet: „Du hast mich doch gar nicht verdient. Du hast doch gar keine Ahnung davon wie man eine Beziehung führt. Du bist so unglaublich egozentrisch.“
Und dann segelten neben ihnen gelbe Platanenblätter auf den nassen Asphalt und Anja saß später in ihrer Küche und weinte und lachte abwechselnd. Joel lehnte lange nur mit einer dampfenden Tasse Schwarztee an der Anrichte und als ich klingelte, öffnete er mir die Tür, noch immer die Tasse mit Tee, der nicht mehr dampfte, in der Hand haltend. Ich setzte mich zu Anja und umarmte sie länger als sonst. Sie schluchzte kurz auf, lächelte dann gequält, zuckte mit den Schultern, griff nach ihrer Tasse und lehnte sich auf unerwartet zufriedene Weise zurück.
„Jetzt ist es also aus.“ stellte sie fest, ein bisschen unbeteiligt als spräche sie über die Beziehung eines entfernten Bekannten und nicht über ihre zwei Jahre und drei Monate mit Caro.
„Mir tut das wirklich leid für euch“, sagte ich, auch weil ich es befremdlich fand sie so gleichgültig, wie erleichtert, zu sehen.
Und dann traten Anja ein paar Tränen in die Augen, aber sie legte nur kurz den Kopf auf meine Schulter und murmelte: „Ein Single-Winter also.“ Joel und ich nickten zustimmend und ich dachte an bevorstehende Badewannen- und Filmabende mit Ferdi. Vielleicht dachte Joel an Sara und ganz sicher beneideten wir Anja nicht um ihren Winter.
Den ersten gelben Platanenblättern folgten weitere, viele, und bald waren alle Bürgersteige bedeckt von Herbstlaub bis die Stadtreinigung wieder Ordnung herstellte. Joel mit Sara und Hannes mit Franziska fuhren in meinem Auto, das ich ihnen geliehen hatte, in den Wald. Sie stapften durch ein Blättermeer, Joel sammelte einen Strauß rot gefärbter Ahornblätter für Sara und würde sich nur wenige Wochen später sicher sein, dass sie damals schon darüber nachgedacht hatte. Sie lächelte ihn schief an, nahm den Strauß und wirbelte die leuchtenden Blätter über ihnen in die Luft. Er würde immer und immer wieder sagen, dass dies das erste Zeichen gewesen sei. Sie hatte sein Geschenk in die Luft gewirbelt, genauso wie sie wenige Wochen später Joel und die ersten und einzigen drei Monate mit ihm in die Luft wirbeln und es den ganzen Winter lang nicht bereuen würde.
Aber in Anjas Küche, als draußen leise die ersten gelben Blätter von den Bäumen gefallen waren, ahnten wir davon nichts, sondern fanden uns ungläubig darüber, dass Beziehungen früher oder später zu Ende gehen, so einfach, so selbstverständlich und dass man dann weinte und aus Verzweiflung sogar lachte, dass man immer noch da war, heil und zurechnungsfähig, obwohl doch irgendwie ein Teil der Welt zusammengestürzt war.
Ich ging an dem Abend, nachdem ich mit Joel und Anja in der Küche gesessen hatte, zu Ferdi. Ich umarmte ihn fester als sonst und küsste ihn öfter, ich wollte ihn die ganze Zeit berühren und sagte ihm gleich zwei Mal, dass ich ihn liebte. Ich erzählte ihm von Anja und Caro. Er hörte zu und sah mich auf eine vertraute und liebevolle Weise an, die mich wissen ließ, dass unsere Liebe etwas anderes war. Wir waren unverwundbar, wir besaßen eine Tarnkappe, die wir nicht uns, aber allem Bösen und Bedrohlichen überwarfen, das sich uns näherte, so dass es einfach unsichtbar wurde.

An einem Wochenende im ausklingenden Herbst zog ich mit Hannes los. Wir sahen uns selten seit er Franziska und ich Ferdi kennen gelernt hatte, aber das machte nichts, wir kannten uns so lange und hatten früher so viel Zeit miteinander verbracht, dass jetzt nicht einmal Jahre uns einander hätten fremd werden lassen können.
Wir tranken Wein in einer kleinen gemütlichen Weinstube, die außer uns nur von Franzosen bevölkert war, deren melodische Sprache an den Tischen neben uns erklang. Hannes trank Weißwein und ich Rotwein, weil es mich an guten Tagen auf eine angenehme Weise melancholisch und schwerfällig machte.
Wir redeten oft über unsere Beziehungen, wenn wir uns trafen. Über das Schöne und das Anstrengende, über Ferdis Macken, über Franziskas Gezicke, über die Geborgenheit, die wir bei diesen Menschen gefunden hatten. Manchmal dachte ich, wir sollten auch über etwas anderes reden, über das Studium, über unsere Zukunftspläne, über die Träume unserer Schuljahre, die auf unbestimmte Zeit einen nicht wieder auffindbaren Platz in einer Schreibtischschublade bekommen hatten. Aber das waren nicht die Themen, um die unser Leben kreiste. Hannes drehte sich um Franziska und ich kreiste um Ferdi, wie Monde, deren Bewegung von der Anziehungskraft ihres Planeten abhängt.
„Mich nimmt das mit, dass Anja und Caro nicht mehr zusammen sind“, sagte Hannes „Hättest du damit gerechnet?“
„Ehrlich gesagt habe ich schon gedacht, dass es nicht mehr lange gut gehen wird“, antwortete ich „Aber es macht einem schon Angst. Arme Anja. Und man begreift plötzlich, dass keine Beziehung ewig hält.“
„Es gibt auch Paare, die miteinander glücklich werden“, sagte Hannes mit einem angedeuteten Fragezeichen am Ende des Satzes.
„Aber nicht in unserem Alter. Mit Anfang zwanzig ist man doch viel zu jung, um ernsthafte Zukunftspläne zu machen. Oder glaubst du, du wirst Franziska mal heiraten? Mit ihr Kinder haben?“
„Keine Ahnung. Sie hat mich das neulich auch gefragt. Ob ich mir, nur theoretisch, vorstellen könnte, der Vater ihrer Kinder zu sein. Was für eine seltsame Frage. Und ich hab fast Panik gekriegt.“
„Und?“
„Und, ja, sie ist die erste mit der ich mir zumindest vorstellen kann, mir das vorzustellen. Aber bis es soweit wäre, müssten wir ja noch so viele Jahre zusammen glücklich bleiben.“
So oder so ähnlich redeten wir miteinander und obwohl wir uns immer wieder bewusst machten, dass diese Beziehungen mit einer so winzigen Wahrscheinlichkeit die letzten in unserem Leben sein würden, gab es doch in mir einen Teil, der das Gegenteil behauptete und ich bin mir sicher, dass es Hannes ähnlich ging.
Manchmal, wenn ich mit Hannes unterwegs war, trafen wir später am Abend auch Ina. Dann, wenn Hannes und mir die Gesprächsthemen ausgingen und wir alles zum dritten Mal durchgekaut hatten, ohne dass sich daraus neue Erkenntnisse oder Entschlüsse ergeben hätten, gesellte sich Ina zu uns und fragte uns nach ganz anderen Dingen, von denen wir, in unser Gespräch vertieft, ganz vergessen hatten, dass sie existierten.
Auch an diesem Abend schneite Ina in die Weinstube und an unseren Tisch mit einem Glas Rotwein in der Hand, von der Kälte roten Wangen und zerzausten Haaren vom Herbstwind, der in den Straßen wehte.
Ina fragte: „Alles klar bei euch? Ihr seht so traurig aus.“
Und wahrscheinlich sahen wir traurig aus, in die Sessel der Weinbar versunken, gedankenverloren an unseren Gläsern nippend. Dann erzählte Ina von einem Typ, den sie auf Hannes letzter WG-Party kennen gelernt hatte und mit dem sie im Bett gelandet war.
„Und jetzt?“ fragte Hannes. „Wirst du ihn noch mal treffen?“
Ina zuckte mit den Schultern, lachte freundlich und nahm einen großen Schluck Wein. „Du kennst mich doch, Hannes. Klar, werde ich ihn wieder treffen, wir werden im Bett landen, es wird schön sein und ich werde mich trotzdem nicht verlieben. Und dann wird alles im Sand verlaufen, so wie jedes Mal.“ Ina sagte das, als sei es eine belanglose Tatsache, da war kein Funken Zynismus in ihrer Stimme. Und ich dachte, dass sie womöglich sogar recht hatte. So war es immer gewesen bei Ina und ihren Männern, seit ich sie kenne. Vielleicht habe ich sie manchmal darum beneidet, um ihre Unabhängigkeit, ihr Selbstbewusstsein. Und manchmal hat sie mich beneidet, um meine Hingabe, um die Liebe.
Nach einigen Gläsern Rotwein, die wir nicht gezählt hatten, zogen wir weiter in einen kleinen Club im Keller eines heruntergekommenen verlassenen Mietshauses.
In dieser Stadt treffe ich selten zufällig Leute, wenn doch, dann dort. Ich hielt Ausschau nach Ferdi, der manchmal dort hin ging. Hannes steuerte zielstrebig auf den Kicker zu, Ina holte Bier für sich und mich.
Alles war so eindeutig an diesem Abend, ich wechselte Blicke mit schönen Augen und wusste, dass ich am Ende der Nacht alleine nach Hause gehen würde. Diesmal beneidete ich Ina nicht um ihre Freiheit, ich hätte ja doch nichts damit anzufangen gewusst.
„Hanna, geht’s dir gut?“ fragte sie mich mit zwei Bier in der Hand.
Ich nickte „Ja, gut.“ und hakte mich bei ihr unter, als wir Hannes zum Kicker folgten.

II. Laub fegen

Eine Woche später nachts um drei rief Hannes Ina an und klang seltsam am Telefon.
„Hast du Zeit? Kann ich zu dir kommen? Ich will heute Nacht nicht allein sein.“
„Komm vorbei. Kein Problem“, murmelte Ina schlaftrunken und war schon dabei Trainingsjacke und -hose über ihr Schlaf-T-Shirt zu ziehen. Als Hannes ankam sah er verheult aus, obwohl niemand von uns ihn jemals weinen gesehen hat.
„Was ist denn los?“, fragte Ina aus kleinen müden Augen und legte dann den Zeigefinger vor ihre Lippen. „Psst, meine Mitbewohner schlafen schon.“
Ina kochte Tee, während Hannes in ihrem Zimmer auf sie wartete. Dann saßen sie nebeneinander auf Inas großem Bett und als Hannes zu Ende erzählt hatte, fassungslos und wütend, legte Ina ein Weilchen den Arm um ihn.
„Das wird schon wieder.“, sagte sie „so oder so.“
„So oder so.“ wiederholte Hannes. „Ich hab auf jeden Fall die Schnauze voll.“
Am nächsten Morgen sagte Ina zu mir am Telefon: „ Kein guter Start in den Winter. Franziska hat was mit nem anderen gehabt und Hannes ist total durch den Wind und will Schluss machen.“
„Wollt ihr zum Frühstück zu mir kommen?“, fragte ich.
„Gern. Wir bringen Brötchen mit.“, antwortete Ina.
So oder so, sagten wir noch oft an diesem Tag, ohne zu ahnen, dass Inas Worte in diesem Winter noch zu einem bitterbösen Running-Gag unter uns werden würden.
„So oder so ist jetzt erstmal alles scheiße“, sagte Hannes an meinem Küchentisch und Ina rührte mit ihrem Löffel im Nutella-Glas und murmelte „So oder so hattest du wenigstens mal eine Beziehung, im Gegensatz zu mir.“ Aber sie sagte es so leise, dass nur ich es hörte und Hannes weiter teilnahmslos auf die Tischplatte starrte.
Hannes wollte nicht stundenlang mit uns über Franziska reden. Er wollte nicht fragen: Glaubt ihr sie hat sich in den anderen verliebt? Was kann er haben, dass sie bei mir nicht findet? Er wollte nicht sagen: So eine Schlampe, ich kann ihr nie wieder vertrauen. Sie hat alles kaputt gemacht. Und auch nicht: Ich will sie einfach zurück, ich will, dass sie mich ansieht und mir sagt, dass sie immer nur mich wollte und nur ich sie wirklich glücklich machen kann.
Hannes sagte: „Ich muss darüber nachdenken.“ Aber was genau er dachte, erfuhren wir nicht. Vielleicht würde es Joel erfahren, wenn Hannes genug darüber nachgedacht und seine eigene Entscheidung längst gefällt hatte.
Als Hannes schon gegangen war, stand ich mit Ina auf dem Balkon vor meinem Zimmer. Es war Sonntag kurz vor Mittag und die wenigen Leute auf der Straße schlurften träge dahin. Ina rauchte vier Zigaretten während ich welke Blätter von den Topfpflanzen zupfte, die ich längst schon vor der Kälte in Sicherheit bringen wollte. Sie redete über die Kurse in der Uni, die sie dieses Semester besuchte, über die Friseuse, die ihren Haarschnitt ruiniert hatte, über ihre kleine Schwester, um die sie sich sorgte, weil sie die Schule abbrechen wollte. Und ich hörte ihr zu mit dem Zigarettenrauch in der Nase und sah den Blättern der Topfpflanzen nach, die aus meiner Hand auf den Bürgersteig segelten.
„Manchmal bin ich einsam, Hanna“, sagte sie plötzlich „Früher habe ich das nicht gedacht, aber jetzt denke ich, vielleicht fehlt doch etwas in meinem Leben. Ich weiß nicht wie es ist, wenn Schluss ist, ich weiß ja nicht mal, wie es ist mit jemandem zusammen zu sein.“
So etwas hatte ich von Ina noch nie gehört, ich hatte immer gedacht, sie nehme das Leben wie es ist, ohne es in Frage zu stellen, ohne zu denken, vielleicht könnte es anders sein.
„Du wirst irgendwann einen finden, in den du dich verliebst“, sagte ich, ohne mir sicher zu sein, ob sie eine Frage gestellt hatte und ob das eine Antwort darauf war. Und ich fügte hinzu: „Einsam bin ich auch manchmal. Nur weil ich Ferdi habe, heißt es nicht, dass ich mich nicht manchmal einsam fühle.“
„Weil du ihn nicht wirklich hast. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mich auch einsam fühlen“, sagte Ina.
Sie zündete sich die fünfte Zigarette an und ich wünschte mir, sie hätte den letzten Satz nur leise für sich gedacht. Sie schüttelte sich neben mir vor Kälte, und schüttelte die Gedanken ab, die eben noch von ihrem Kopf zu meinem und zurück gewandert waren.
Mein Handy klingelte drinnen auf dem Schreibtisch und Sara sagte am anderen Ende: „Hallo Hanna, wie geht’s? Ausgeschlafen? Hast du heut schon was vor? Unsere WG braucht Hilfe im Garten, hast du Lust zu kommen? Wir haben Apfelkuchen gebacken und später gibt’s Glühwein.“

Ina machte sich auf den Heimweg und ich fuhr zuerst mit der S-Bahn und dann mit dem Fahrrad zum Haus von Sara, Joel und ihren drei Mitbewohnern. Es war ein kleines, von außen schäbiges und innen gemütliches Haus am Stadtrand, das Joel und Sara vor zwei Jahren gemietet hatten. Andere Mitbewohner waren mit der Zeit dazugekommen und einige waren wieder gegangen. Hinter dem Haus lag ein großer verwilderter Garten mit Apfelbäumen und Gemüsebeeten, einem Sandkasten, einem morschen Schaukelgerüst und einem Geflecht aus Moos und Unkraut auf dem Boden. Im Sommer hatten wir dort oft gegrillt und waren wie in einem Film über unsere Jugend betrunken am Lagerfeuer gesessen.
Sara empfing uns in Gärtnermontur mit Gummistiefeln und einem roten Kopftuch über ihren kurzen Haaren, das sie wie eine Magd aussehen ließ. Joel harkte im Garten die braunen Blätter zusammen und stopfte sie in einen großen blauen Plastiksack. Im Keller hackte ein Mitbewohner Holz zum Anheizen des Kohleofens, die anderen beiden kämpften dort, wo Joel schon die Blätter eingesammelt hatte, mit dem knöcheltiefen Unkraut.
„Schön, dass du kommst“, sagte Sara. „Wir brauchen jede helfende Hand.“
Ich half Joel mit den Blättern und am Ende des Nachmittags fuhren wir mit dem VW-Bus eines Mitbewohners sieben volle Säcke mit Laub, Unkraut und morschen Ästen zur Kompostieranlage.
In der Dämmerung sah der Garten ordentlich und friedlich aus, so als hätten wir ihn von allem unnötig Angesammelten befreit. Er war jetzt kahl und leer und wartete auf den Schnee, der ihn bedecken würde, bevor im Frühjahr alles von Neuem zu sprießen beginnen konnte.
Ich fühlte mich, mit einer Tasse Glühwein in Saras und Joels Wohnzimmer sitzend, so kahl und leer wie der Garten. Die frische Luft hatte gut getan, meine Wangen waren heiß und in meinem Kopf war kaum ein Gedanke. Joel saß neben Sara auf dem Sofa, sie hielten sich an der Hand. Wir aßen mit den Mitbewohnern Apfelkuchen und bevor mein Körper vom Glühwein zu träge wurde, stieg ich auf mein Rad und fuhr durch die kalte Nachtluft zur S-Bahn und dann nach Hause. Auf meinem Handy fand ich einen Anruf in Abwesenheit. Er war von Ferdi. An einem anderen Tag hätte ich ihn zurückgerufen. Er kam oft noch nachts zu mir, legte sich neben mich unter die Decke, fing an mich zu küssen und zu streicheln und obwohl er wusste, dass ich das hasste, ging er wieder, wenn ich fast eingeschlafen war. Ich blinzelte dann durch meine halbgeschlossenen Augenlider, sah ihm zu, wie er seine Kleider wieder anzog und so leise wie möglich meine Zimmertür schloss. Ich wünschte mir jedes Mal, er würde nur eine Sekunde zögern und durch den Türspalt noch einen Blick auf mich werfen, aber er ging lautlos, ohne zu sehen, dass ich gar nicht schlief.
An diesem Abend rief ich ihn nicht mehr an, ich las vor dem Einschlafen in einem Buch bis mir die Augen vor Müdigkeit zufielen und löschte die Lampe auf dem Karton, der mir als Nachttisch diente.

III. Kahle Bäume

Als ich an einem grauen Regentag auf dem Heimweg von der Uni unter den schon fast kahlen Bäumen am Rand der Straße entlang ging, blieb ich stehen, um ein gelbes Platanenblatt aufzuheben. Kurz vor meiner Haustüre fand ich auch noch ein rotes Ahornblatt. In meinem Zimmer suchte ich ein großes Buch und legte die beiden Blätter zwischen seine Seiten. Das Buch legte ich auf das oberste, leere Brett meines Regals und stapelte zwei weitere Bücher darauf.
Als Kind hatte ich viele Blätter auf diese Weise gepresst, um sie in Schulhefte zu kleben und auf farbigen Karton, den meine Mutter an die Wand über dem Küchentisch hängte. Heute weiß ich, dass man diese bunten Herbstblätter eigentlich nicht konservieren kann. So sehr man sich auch Mühe gab, egal wie viele schwere Bücher und Gegenstände man übereinander stapelte und auch wenn sie nachher ganz dünn und glatt waren, wenn man sie nach einigen Tagen wieder hervorholte, sie hatten doch etwas von ihrer intensiven Farbe verloren. Sie waren nicht mehr lebendig, das getrocknete Muster war nicht mehr die bunte Färbung, mit der sie sich ein letztes Mal auflehnten, bevor sie braun wurden und unter Füßen und Rädern zu einer rutschigen Masse Laub verfaulten. Sie waren dann nur noch getrocknete Blätter, die man aufkleben konnte.
Joel liebte Metaphern, und als er mir einige Wochen nachdem ich seiner WG im Garten geholfen hatte, erzählte, dass Sara sich von ihm getrennt hatte, musste ich an den Strauß roter Ahornblätter denken und an das einzelne zwischen den Seiten meines Buchs.
Joel kannte Sara seit langem, woher weiß ich nicht mehr. Ich kannte zuerst Sara, sie hatte mit mir angefangen zu studieren, um nach einem Semester noch mal von vorne zu beginnen und eine Tischlerlehre zu machen. Es passte zu ihr. Joel sah ich zum ersten Mal, als Sara gerade die Uni geschmissen hatte und von allen Seiten mit guten Ratschlägen bedacht wurde. Ich erinnere mich, wie wir mit ein paar Leuten in einer Kneipe saßen und Sara begeistert von ihren neuen Plänen erzählte. Joel lächelte ihr aufmunternd zu und sagte: „ Das passt zu dir.“ Und ich dachte damals, noch etwas diffus, aber ich erinnere mich daran, dass Joel gut zu Sara passen würde.
Vor drei Monaten hatte er mir strahlend und auf seine verschmitzte Art erklärt, dass er es endlich geschafft habe, Saras Herz zu erobern. Ich hatte also nach vier Jahren endlich aufgehört mich zu wundern, dass Joel und Sara noch immer kein Paar waren. Ich hatte mich für ihn gefreut und insgeheim gedacht, dass die beiden jetzt wohl auf unbestimmte Zeit gut beieinander aufgehoben sein würden.
Ich kannte Sara länger, aber Joel besser und so saß er nun vor mir in dem kleinen, verqualmten Unicafé und hatte Ränder unter den Augen. Ich war sprachlos und spürte wie eine leise Panik in meinen Brustkorb kroch. Anne und Caro, Hannes und Franziska und jetzt Joel und Sara.
„ Warum?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern und sah mich abwartend an, als hätte er mich gerade dasselbe gefragt. Dann redete er in Metaphern, aber ich verstand ihn trotzdem ganz gut. Er sagte, dass er Sara seit dem ersten Tag, an dem er sie gesehen hatte, geliebt hatte. Dass das verrückt klänge, aber so gewesen sei. Ein kleines zartes Pflänzchen in seinem Herzen, so hellgrün und zart wie ein Blatt, dass sich gerade entrollt. Und dass er sich nicht in ihr getäuscht hatte, dass das zarte Blatt stark und satt geworden sei. Dass die Pflanze gewachsen sei, je besser er Sara kennen gelernt hatte. Dass sie ihn verzauberte, auch jetzt noch, dass er noch nie einen Menschen so sehr gebraucht habe. Und den roten Ahornstrauß hatte er ihr als Symbol für das Aufblühen seiner Liebe geschenkt. Er hatte gehofft, sie würde wenigstens ein Blatt aufheben, um es zu pressen. Er hatte sich gefühlt wie dieser ganze Ahornstrauß, so glühend, so intensiv leuchtend, in ihrer Gegenwart. In seinen Augen hatte sie dann seine Liebe in die Luft gewirbelt, als sei das nur ein Spaß oder etwas, das man nicht zu ernst nehmen darf.
Ich sagte, dass sie sich wahrscheinlich nicht so viel dabei gedacht habe, als sie die Blätter in die Luft warf. Aber ich dachte doch, dass es eine wunderschöne und zugleich traurige Metapher war. Rote Ahornblätter, in die Luft gewirbelt, bevor sie zu Boden sinken und braun werden. Das Ende einer Liebe, die nur kurz aufgeblüht ist, die sich kurz aufgelehnt hat in dem, was eigentlich eine Freundschaft war, um sich dann wieder zu verabschieden.

IV. Es schneit

Der erste Schnee in diesem Jahr fiel leise und fast unbemerkt, während ich in der Bibliothek an meinem Arbeitsplatz auf den Computerbildschirm starrte und erstaunlich konzentriert an einer Power-Point-Präsentation für das nächste Referat bastelte.
Als ich dann durch die Fensterfront neben mir nach draußen blickte, waren die ersten Schneeflocken schon liegen geblieben und die Straße und der Rasenplatz vor dem Fenster wirkten in der Dämmerung wie mit einer feinen Schicht Puderzucker bestäubt. Ich mochte diese Phase des Winters. Die Vorweihnachtszeit hatte begonnen, Weihnachtsmarktbesuche und gemütliche Fernseh-Abende zu Hause hielten noch die Illusion aufrecht, dass man diesen Winter schneller und unbeschadeter überstehen würde als den vorangegangenen. Und der erste Schnee hatte für mich etwas wundervoll Märchenhaftes und Beruhigendes.
Ich packte meine Sachen zusammen, nahm Rucksack und Jacke aus dem Schließfach und machte mich auf den Heimweg. Einmal blieb ich, wie ich es als Kind immer getan hatte, unter einer Laterne stehen und blickte auf die herabsegelnden Schneeflocken. Wie sie sich von oben in die Tiefe stürzten, jede einzelne für sich unscheinbar, aber in ihrer Fülle doch majestätisch wie eine Choreografie.
Ich rief Ferdi an, um ihn zu fragen, ob er einen Schneespaziergang mit mir machen wolle. Er vertröstete mich auf den nächsten Tag und bevor ich darüber enttäuscht sein konnte, hatte ich schon den Entschluss gefasst, alleine zu gehen.
Die Schneeschicht war noch zu fein, um unter meinen Schuhen zu knirschen, aber meine Schritte hinterließen schon eine Spur, wenn ich mich umdrehte, um ihnen nachzuschauen. Ich war in nachdenklicher Stimmung, während ich durch die erleuchteten Straßen der Stadt ging und dicke Schneeflocken auf meiner Mütze und auf meinem Mantel hängen blieben. Die Stadt wirkte ruhiger unter dem fallenden und liegenbleibenden Schnee, als ob plötzlich weniger Autos auf den Straßen fuhren und die Menschen ihre Stimmen gesenkt hätten. Ich atmete die kalte, nach Schnee duftende Luft tief ein. Während ich durch die erleuchteten Straßen der Stadt ging und Schneeflocken an mir hängen blieben, dachte ich an Ferdi und fragte mich, ob ich auch nur eine Schneeflocke an seinem Mantel war. Ob ich genauso zufällig dort gelandet war, mich nun festkrallte, ihn ein Stück begleitete und dann im Warmen wieder abgeschüttelt würde, zu Boden fiele, halb Kristall, halb Wasser, schon halb im Stoff des Mantels versickert und dann schließlich als Wassertropfen in der Ritze zwischen zwei Fußbodendielen verschwände. Unbemerkt.
Ich wusste wohin meine Füße mich trugen, immer weiter durch die Stadt. Als ich schließlich bei Joel ankam war ich durchgefroren und erschöpft. Ich klingelte und hoffte, dass jemand zu Hause war, damit ich mich wenigstens etwas aufwärmen konnte. Joel öffnete mir die Türe und sah mich verwundert an: „Was machst du denn hier?“
„Spazieren gehen“, sagte ich und fragte ihn, ob er gerade beschäftigt sei.
„Komm ruhig rein.“ Wir gingen in Joels Zimmer, nachdem er für mich heißen Tee gekocht hatte. Das Foto von Sara über seinem Bett und auch Sara selbst waren verschwunden. Ich hatte mich nicht bei ihr gemeldet, obwohl ich mich nicht auf Joels Seite hatte schlagen wollen.
„Wo wohnt Sara jetzt?“, fragte ich ihn.
„Bei einer Freundin. Ich habe ihr angeboten hier zu bleiben, aber sie kann sich nicht entscheiden, ob sie noch hier wohnen möchte.“
Joel würde Sara nicht so schnell aus den Augen verlieren, sie würden sich wieder über den Weg laufen. Sie hatten so viele gemeinsame Freunde. Wenn ich Ferdi verlassen würde, würde ich ihn nie wiedersehen. Er würde verschwinden, ich würde unsere wenigen Fotos in meine Erinnerungskiste stecken, seine Nummer aus meinem Handy löschen und zumindest von außen betrachtet wäre es dann so, als hätte es ihn nie gegeben. Deswegen hatte ich noch mehr Angst davor, ihn zu verlieren. Und dann, als ich in Joels Zimmer auf dem Sofa saß, an meinem heißen Tee nippte und unkonzentriert auf die Sendung im Fernsehen starrte, hatte ich plötzlich den Eindruck, dass Ferdi ganz bewusst keine Spuren in meinem Leben hinterließ. Mit dem Selbstverständnis eines Hotelgasts kam und ging er, wann er wollte. Und ich ließ in gewähren, ich hatte es ihm all die Zeit so leicht gemacht.
Joel hatte gesagt: „Wenn Sara zu mir zurückkommen will, kann sie das tun. Aber es ist ihre Entscheidung- und ich werde nicht ewig darauf warten.“ Joel klang überzeugt und ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er gutmütig war, aber auch sehr genau wusste, wie lange er gutmütig bleiben wollte.
Als ich später in meinem Bett lag, rief ich Ferdi an. Ich wollte seine Stimme hören, ohne genau zu wissen warum. Irgendwie wollte ich mich beruhigen und spüren, dass er da irgendwo war. Aber obwohl seine Stimme wie immer klang und seine Worte mir mittlerweile so vertraut waren, spürte ich plötzlich ganz deutlich, dass Ferdi gar kein Teil meines Lebens sein wollte.
In den folgenden Wochen war dieser Gedanke, genauso wie die nicht enden wollende Kälte des Winters, mein zuverlässigster Begleiter. Manchmal entfloh ich ihm in einer mir so vertrauten Umarmung von Ferdi oder in einem Zeichen, von dem ich mir einige Stunden später nicht mehr sicher war, was es mir eigentlich zeigen sollte. Meistens aber kroch der Gedanke in mir herum, rumorte in meinem Kopf oder Bauch, ließ mich unruhig und immer in Bewegung sein, als könnte ich ihn so abschütteln. Er aber blieb, hartnäckig, und am Ende doch freundlich wie ein guter Freund, der einem immer wieder etwas sagt, was man noch nicht hören möchte.

V. Schneematsch

Ich hatte Anja eine Weile nicht gesehen. Jetzt trafen wir uns zum Mittagessen in der Uni, während draußen vor den Fensterscheiben der Mensa Tauwetter die letzten Schneereste beseitigte. Als ich Anja von ihren Erlebnissen der letzten Wochen erzählen hörte, hatte ich plötzlich das Gefühl als sei mein Leben in Zeitlupe verlaufen, während ihres im Zeitraffer vorwärts geprescht war.
„Und jetzt habe ich letztes Wochenende dieses Mädel kennengelernt“, sagte Anja mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Hanna, ich finde die schon sehr süß“. Ich wollte sie auch nach Caro fragen, erfahren, ob sie sie noch vermisste, ob sie noch an sie dachte. Aber dann traute ich mich nicht, denn ich wollte Anja nicht von dieser Wolke holen, auf der sie gerade schwebte. So, wie ich mich auch schon darüber gewundert hatte, wozu meine eigenen Gefühle im Stande waren, wunderte ich mich jetzt ein wenig über Anja. War diese neue Wolke real? Konnte sie all das Gewicht der Enttäuschung über eine gescheiterte Beziehung tragen? Oder würde sie nur für eine Zeit stand halten, gerade lange genug bis Anja wieder auf dem Boden und auf ihren eigenen Füßen gehen und stehen konnte? Musste ich sie vor dieser Wolke warnen? Oder war ich selbst zu vorsichtig geworden- und Anja hatte einfach Glück gehabt, sich so schnell wieder zu verlieben?
Caro verschwand aus Anjas Leben wie der schmelzende Schnee von den Straßen. Was blieb war das, was auf den Straßen wieder sichtbar wird, wenn auch der letzte Schneematsch verschwunden ist. Anja erzählte, dass sie alle gemeinsamen Fotos mit Caro, bis auf eines, in eine Tüte gepackt und in den Müll geworfen habe. Dass sie das so machen müsse, um wirklich zu begreifen, dass diese Zeit vorbeigegangen war. Draußen vor der Mensa schluckte eine Sraßenkehrmaschine die vielen kleinen Steinchen vom Streuen vom Gehweg und der Straße. „Am Wochenende sehe ich sie wieder“, sagte Anja. „Sie hat mich gefragt, ob wir uns treffen wollen.“ Sie sprach nicht von Caro. Die Straßenkehrmaschine vor dem Mensa-Fenster war um die nächste Ecke gebogen und hatte das Straßenstück vor der Mensa vom Müll des Winters befreit hinterlassen. „Das klingt doch alles sehr gut“, sagte ich zu Anja und freute mich, sie so vergnügt zu sehen.
Der nicht enden wollenden Kälte war Tauwetter gefolgt und die nicht enden wollenden Tage der Klausurphase in der Bibliothek. Irgendwann würden auch sie in der Erinnerung zerschmelzen. Jetzt waren sie präsent, sehr greifbar und manchmal unerträglich. Ab und zu traf ich mich mit Hannes in den Kaffeepausen. Wir warfen unser Kleingeld in den Kaffeeautomaten und saßen dann mit unseren dampfenden Plastikbechern eine Weile frierend im Hof der Bibliothek auf einer Bank. Die frische Luft tat gut und kühlte unsere überhitzten Köpfe. Wie es mit Ferdi lief, hatte mich lange niemand mehr gefragt. Nur ich fragte es mich die ganze Zeit und blieb zwischen zwei Stühlen hängen, auf die ich mich nicht gleichzeitig setzen konnte. Einmal als wir auf der Bank im Hof saßen, erzählte Hannes, dass er es nochmal mit Franziska versuchen wolle. Er hatte mir im Laufe des Winters von allen wichtigen Vorbereitungen zu diesem Schritt in knappen Sätzen berichtet. Ich hatte selten nachgehakt und er hatte wenige überflüssige Worte darüber verloren. Jetzt sagte er: „Ich glaube, dass ich ihr irgendwann verzeihen kann und ich liebe sie.“ Franziska hatte sich entschuldigt und bereute, was sie getan hatte. Sie wollte unbedingt wieder mit Hannes zusammen sein. Das war die Grundlage, auf der die beiden von Neuem anfangen wollten. Niemand konnte sagen, ob diese Entscheidung richtig war. „Ob es das Richtige ist, werde ich wahrscheinlich nie wissen“, sagte Hannes. „Wer weiß schon, wie es sein würde, wenn ich mich gegen sie entschieden hätte.“
Ich trank den letzten kalten Schluck aus meinem Kaffeebecher. So war das also mit diesen Stühlen, zwischen denen man sitzt. Wenn man sich für den einen entscheidet, wird man nie mehr wissen, wie es gewesen wäre, den anderen zu nehmen. Wir saßen noch eine Weile auf der Bank und kehrten dann an unsere Plätze in der Bibliothek zurück.
Ich sah Ferdi immer seltener, ohne wirklich zu wissen, ob es daran lag, dass ich viel zu tun hatte oder daran, dass unsere Tarnkappe nicht mehr funktionierte und jedes Mal mit ihm auch all diese Zweifel vor meiner Tür standen und tagelang nicht mehr aus meinem Zimmer verschwanden.
Den langen Tagen in der Bibliothek waren endlich die Klausurtage gefolgt. Ich hatte mein Wissen aufs Papier geworfen, ehrgeizig und auch ein wenig gleichgültig. Nach der letzten Klausur war ich mit dem Rad zu Joel gefahren. Wir saßen auf der Terrasse und prosteten uns mit zwei Gläsern Sekt zu. „Auf den Rest der Semesterferien“, sagte Joel, auch wenn er gar keine Klausuren geschrieben hatte und seit Sara ausgezogen war, nicht mehr in der Uni gewesen war.
„Auf das baldige Ende des Winters“, sagte ich zu Joel und wir sahen auf den leblosen, von den kalten Tagen gezeichneten Garten. „Was gibt es Neues bei Sara und dir?“, fragte ich viel zu betont beiläufig. Joel schwieg lange, dann antwortete er und seine Worte klangen zurechtgelegt, aber auch sehr bedächtig: „Sara hat einen neuen Freund. Eigentlich weiß ich nicht, ob es wirklich ihr Freund ist und ich glaube, sie weiß es auch nicht so genau. Als sie vor ein paar Tagen hier war, um einige ihrer Sachen zu holen, haben wir lange miteinander geredet. Sie konnte mir nicht sagen, ob sie ihn liebt und auch nicht, ob sie mich nicht mehr liebt. Sie sagte, dass sie es einfach nicht wisse. So oder so, würde es aber nichts ändern. Also selbst wenn sie noch Gefühle für mich hätte, würde sie uns keine Chance mehr geben. Sie sagte, wir hätten nun schon zu lange gewartet. Keiner hätte die richtigen Worte gefunden, beide wären wir zu stolz gewesen, um über unseren Schatten zu springen. Keiner von uns hätte wirklich gekämpft. Ich fragte dann, ob das ein Vorwurf an mich sei. Und sie sagte: an uns beide. Und dass sie jetzt das Gefühl habe, es sei zu spät, um etwas rückgängig zu machen und zu spät, um es nochmal von Neuem zu versuchen. Zumindest für sie. Und sie wisse ja nicht, wie das für mich wäre, wie ich dazu stehen würde. Aber sie wollte es dann auch nicht wissen. Als ich anfing ihr von meinen Gedanken zu erzählen, sagte sie sehr schnell, ich solle ihr das nicht sagen, es gehe sie nichts mehr an, es überfordere sie und sie wolle das auch gar nicht wissen, im Moment nicht. Dann ist sie gegangen und ich fand sie ziemlich egoistisch und arrogant. Manchmal hilft mir das jetzt dabei, ihr Bild verblassen zu lassen. Manchmal aber auch nicht und ich ärgere mich, dass ich ihr nicht deutlicher gezeigt habe, was mir das alles bedeutet. Jetzt ist es zu spät und es fällt mir schwer, das zu akzeptieren.“
Ich konnte nicht mehr als nicken und zustimmend brummen. Was hätte ich dem noch hinzufügen sollen? Joel hatte alles gesagt. Und ich wusste, dass ich nun lange genug um Ferdi gekämpft hatte und dass es an der Zeit war, etwas anders zu machen, als bisher.
Am Wochenende rief ich Ferdi an. Er hatte wie so oft eigentlich keine Zeit und ich war überrascht, als ich mich sehr bestimmt sagen hörte: „Ich möchte dich aber heute Abend sehen, es ist wichtig. Wir können uns gern bei dir treffen, ich komm um acht vorbei, ok?“
Ferdi muss auch überrascht gewesen sein, denn er sagte ja und murmelte nur ein leises „aber nicht so lang“. Normalerweise hätte mir dieser Nachsatz weh getan, diesmal aber bestätigte er mich nur in meiner Absicht, endlich offen mit ihm zu reden.
Als ich bei Ferdi klingelte wirkte er abgehetzt und unausgeglichen. Ich hatte den ganzen Tag versucht, mir die richtigen Worte zurecht zu legen bis ich mir vorgekommen war wie eine Schauspielerin, die eine Rolle in einem schlechten Drehbuch auswendig lernt. Dann hatte ich es sein gelassen uns saß abends ziemlich unvorbereitet auf Ferdis Bett. Das Bett war die einzige Sitzmöglichkeit in seinem Zimmer und es erschien mir für den Anlass ziemlich unpassend. Ferdi lief in seinem Zimmer hin und her und räumte auf, ohne dass das nötig gewesen wäre.
Ich wartete eine Weile angespannt und unschlüssig, wie ich dieses Gespräch nun beginnen sollte. Ferdi erlöste mich, als er fragte: „Was ist denn jetzt eigentlich so wichtig, Hanna?“ Es klang etwas genervt und er drehte sich im selben Atemzug schon wieder zum Schrank und zerrte seine Sportschuhe aus der untersten Schublade. Weil er das in einem Tonfall gefragt hatte, als wäre ich ein kleines nerviges Kind, fiel es mir leichter, sehr ruhig und erwachsen zu klingen.
„Ferdi, ich möchte wissen, woran ich mit dir bin“, begann ich. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mir vorher vorgestellt hatte, was Ferdi sagen würde. In Wirklichkeit sagte er kaum etwas. Er hörte auf, im Zimmer herumzugehen, starrte auf einen Punkt auf den Boden und nickte ein paar Mal, während ich redete. Als ich fertig war, setzte er sich neben mich aufs Bett und sagte nur: „ Ich habe mich schon gewundert, dass du damit erst jetzt kommst. Hanna, wenn dir das mit uns, wie es ist, nicht reicht, sollten wir es lieber lassen. Oder was meinst du?“ Es klang kleinlaut und sehr zärtlich, so als hätte er etwas ganz anderes gesagt.
„Dann will ich, dass wir es lassen“, sagte ich trotzdem, stand auf und ging zur Zimmertür. Dort drehte ich mich um: „Wenn du es dir anders überlegst und ich dir vielleicht doch wichtig genug bin, um mir mehr zu geben, dann meld‘ dich. So schnell werde ich dich nicht vergessen.“ Ich ärgerte mich sofort, als ich das gesagt hatte.
„Mach’s gut, Hanna“, sagte Ferdi.

VI. Frühjahrsputz

Ina war aufgekratzt und strahlte übers ganze Gesicht, als ich ihr die Tür öffnete. Als sie meine verheulten Augen bemerkte, fragte sie: „Hanna, alles gut?“
Ich nickte: „Erzähl ich dir gleich. Jetzt erzähl erst mal du!“ Ina hatte vor ein paar Wochen mit dem Rauchen aufgehört, also gingen wir nicht auf den Balkon, sondern setzten uns in die Küche.
„Also er heißt Wolfgang. Ja, sag nix, das ist ein blöder Name, aber der Kerl ist toll. Ich darf ihn anders nennen, das haben wir schon geklärt. Und er ist wirklich, wirklich nett, Hanna.“, sprudelte Ina heraus und ich hörte ihr einfach eine Weile zu. „Du bist also verliebt?“, fragte ich dann vorsichtshalber. Ina grinste schelmisch: „Und wie.“
Ich freute mich und wurde gleichzeitig traurig, weil ich an Ferdi denken musste, von dem ich seit dem Abend vor zwei Wochen nichts mehr gehört hatte. Ich war froh, dass ich gegangen war und enttäuscht, dass er mich so kampflos aufgegeben hatte. Je mehr ich darüber nachgedacht hatte, desto sicherer war ich geworden, dass es ihm recht gewesen war, dass ich ihn verlassen hatte. In Gedanken hatte ich diese Beziehung wie ein Uhrwerk in ihre Einzelteile und kleinsten Rädchen zerlegt. Aber je mehr Teile ich auseinandergeschraubt hatte, desto weniger verstand ich, wie das alles zusammen passen und funktionieren konnte.
Ich erzählte Ina davon und dann klingelte es an der Türe.
Ich wusste irgendwie, dass es Ferdi war, es konnte einfach nur Ferdi sein. Es war immer so gewesen. Wenn ich verzweifelt war, wenn ich dachte, ihm nichts zu bedeuten, stand er wieder vor meiner Türe, um mir zu zeigen, dass ich mich irrte. Und auch diesmal war es so. Ich würde die Tür öffnen und da stand er. Mit diesem Blick, der mir durch und durch ging. „Hanna, es tut mir so leid, dass ich dich so lange habe warten lassen, ich hoffe, es ist noch nicht zu spät für uns“, hörte ich ihn sagen. Und ich musste ihm nur in die Arme fallen, der Alptraum wäre vorbei…
„Hanna?“, sagte Ina energisch, „willst du nicht die Tür aufmachen?“
Ich ging zur Tür und nahm vom Briefträger ein Paket für die Nachbarin entgegen.
„Glaubst du, dass Ferdi es sich noch anders überlegt?“, fragte Ina, als ich wieder am Küchentisch saß.
„Ich wünsche es mir noch oft, aber ich weiß, dass er das nicht tut“, sagte ich so überzeugt wie möglich.
„Dann hat ja alles seine Richtigkeit“, sagte Ina zufrieden. Ich fand, dass ‚Richtigkeit‘ ein seltsames Wort für diese Situation war, aber als ich später, Ina hatte sich längst auf den Weg zu Wolfgang gemacht, allein auf meinem Balkon stand, begann ich zu begreifen, was es bedeutete, wenn etwas seine Richtigkeit hat. Ich fühlte mich irgendwie richtiger, als in all den Wochen des Zweifelns davor. Es war richtig, dass es jetzt weh tat, Ferdi verloren zu haben. Und vor allem war es richtig, allein zu sein. Ich beobachtete einen kleinen schwarzen Käfer, der auf dem ersten zarten Unkraut in meinen kahlen Blumenkästen herumkrabbelte und die Menschen, die auf der Straße ihre weißen Arme in der Frühlingssonne entblößt hatten.


Neue Texte zum Label 'Lieben':
Textoptionen
Mehr Texte von
inthesky
Mehr Texte zum Label
Lieben
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
0 Kommentare

speichern

Jetzt-Mitglied

inthesky offline

inthesky

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.