FENSTERBLICKE
Ihre Haare fliegen auf dem Trampolin durch die Luft, und ihr kleines kindliches Gekicher erfüllt die friedliche Stille dieses Sonntages. Ich schaue aus dem Fenster, genieße den sommerlichen Augenblick, und schließe langsam die Augen. Und plötzlich sehe ich dich und mich.Genauso haben wir damals gekichert, wenn wir, die Allerbesten-Freundinnen-für-immer, selbstvergessen hinter deinem oder meinem Haus Verstecken spielten. Lieber spielten wir bei uns, weil mich bei dir der angrenzende Friedhof immer etwas gruselte. „Angsthase“ hast du mich genannt, und mir dabei liebevoll in den Arm gezwickt.
So war es schon immer. Du hast dich immer mehr getraut, du warst stets die Stärkere. Ich habe dich dafür bewundert. Du wusstest immer genau was du willst, während ich immer noch, völlig irritiert vom Leben, alles Mögliche ausprobiere. Irgendwann zog es mich in die Stadt, aber du bliebst. „Wo soll ich denn hin?“ Diese Antwort war typisch für dich, „ich habe doch hier alles, was ich brauche.“ Unserer Freundschaft konnte das nichts anhaben. Letztes Jahr wurde es jedoch stiller um dich.
„Wir machen gerade eine schwierige Phase mit David durch“, sagtest du. „Mach´ dir nichts daraus“, versuchte ich im Mai dich noch zu trösten, „Pubertierende Jungs sind manchmal ganz schön schwierig“. Im Juni war Davids Beerdigung. Zwei Tage, nachdem du ihn leblos im Bad fandest.
Ich öffne langsam meine Augen und sehe wieder aus dem Fenster. Ich schaue, wie die langen Haare meiner Töchter durch die Luft fliegen und höre ihr unbeschwertes Gekicher.
Und was ich dabei fühle ist so unerträglich, denn ich spüre, dass du in diesem Moment auch aus deinem Fenster zu deinem Sohn rüberschaust.

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06.09.2010 - 17:11 Uhr
christina-waechter