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Das Ding der Woche: Snus

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Wer einmal mit schwedischen Gepflogenheiten konfrontiert wird, kommt um das sehr niedlich anmutende Wörtchen „Snus“ nicht herum. Was dieses Wort meint, ist allerdings weniger niedlich, sondern eher etwas eklig: „Snus“ sind kleine, mit Tabak gefüllte Cellulose-Säckchen, die viele Schweden für ihre tägliche Nikotinzufuhr gebrauchen - statt der herkömmlichen Zigarette. Besagtes Tabak-Kisslein kauft man in einer schicken Blechdose und klemmt es sich unmittelbar unter die Oberlippe. Und zwar genau so, dass man bis auf eine leichte Backenbeule nichts mehr davon sieht: Über den Zahnansatz, direkt auf das Zahnfleisch. Was dann passiert, kann man sich in etwa wie einen Teeaufguss vorstellen: Die warme Spucke weicht den Tabak auf und es entsteht eine Art brauner Tabakspuckesirup, den der Kreislauf über die Mundschleimhaut aufnehmen kann. Ganz ohne Umwege über die Lunge. Und das ist keinesfalls neumodischer SchnickSchnack sondern tatsächlich ein sehr alter schwedischer Brauch, dessen Geschichte bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Und da dieser alte Brauch seit vielen Jahren vor allem bei jungen Szeneschweden wieder für große Begeisterung sorgt, erregen „Snus“ nun auch immer öfter das internationale Interesse.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Doch Snus sind in Europa verboten. Dass bloß Schweden seit seinem EU-Beitritt 1995 weiter „snusen“ darf, hat es sich damals unter der Parole „Nicht ohne unsere Snus“ hart erkämpft. Später durfte Finnland aus selber Argumentation bei EU-Eintritt seine Snu-Tradition beibehalten. Snuvertraute Bürger anderer europäischer Länder finden es natürlich überhaupt nicht fair, dass Europa dennoch von dem Verbot betroffen bleibt. Und auch die Schweden selbst möchten ihre Snus nun endlich außerhalb von Schweden verkaufen dürfen. Als Schweden Mitte letzten Jahres für sechs Monate den EU-Ratssitz inne hatte, wollte es das Verbot endgültig kippen. Dem Deutschlandfunk sagte der schwedische Europaabgeordnete Christofer Fjellner damals: "Ich denke, niemand sollte Tabak konsumieren. Aber für jemanden wie mich, der geraucht hat, ist Snus definitiv die bessere Option, wenn er schon nicht ganz aufhören kann. Snus macht keinen Rauch, den andere einatmen, Snus stört niemand. Und es ist weit weniger krebserregend als Zigaretten." Geändert hat sich seither jedoch nichts in der Gesetzgebung. Laut eines gerade erschienen Artikels der FAZ wird die große Diskussion um das „Snu“ als europäischer Handelsartikel derzeit aber wieder aufgerollt. Ein norwegischer Soziologe namens Karl Lund stützt sich nämlich seit der Abhaltung des Euroscience Open Forum in Turin auf Erkenntnisse des Forschungsmagazin Addiction. Diese besagen, dass die kleinen Tabaksäckchen tatsächlich besser bei der Rauchentwöhnung helfen sollen, als Nikotinpflaster. Dass in Zeiten der großen Nichtraucherbewegung die schwedischen „Snus“ eine attraktive Ausweichmöglichkeit für eingefleischte Nikotinabhängige bieten, klingt im ersten Moment recht glaubhaft. Schließlich kann man die unauffälligen Nikotintranspörterchen immer und überall verwenden, unabhängig vom Rauchverbot. Sei es in der Schule oder in der Uni, in der Bürokonferenz oder im Flugzeug. Jeder Nichtskandinavier, der Snus schon einmal ausprobiert hat, weiß allerdings auch, wie gewöhnungsbedürftig sie sind. Ihr hoher Salzgehalt und die Intensität des Tabaks erzeugt ein solches Brennen im Mund, dass man das Säckchen vor Angst, das eigene Zahnfleisch ätze gerade davon, reflexartig wieder ausspuckt. Und auch die Vorstellung, dass sich die Spucke gerade tabakbraun verfärbt und beim nächsten Lächeln vermutlich in langsamen Schwaden über die Zähne zieht, macht kein entspanntes Gefühl im Bauch. Abgesehen davon, widerspricht dieses Tabaklutschen allem, was wir von klein auf gelernt haben: Untersteh’ dich, jemals eine Zigarette anzulecken! Und was macht man als Snu’ler eigentlich, wenn man küssen will? Einfach ungeachtet Tabakknutschen? Oder mit vorherigen Säckchenentfernen der „Ich muss erst noch die Zahnspange...“-Schamsituation gefährlich nahe kommen? Ob sich so etwas tatsächlich bei uns durchsetzen könnte? Vielleicht eher nicht. Fast schade, denn ein „Ich snuse ja so gern, gestern habe ich schon wieder gesnust!“ hört sich so nett an, dass man es sich fast wünschen könnte. Aber das darf man ja nicht laut sagen.

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