Schluss gemacht: Christine und Patrick und die geteilte Wohnung
Text: wlada-kolosowa
Christine und Patrick waren drei Jahre lang ein Paar. Dann haben sie sich getrennt, mussten aber noch drei Monate die Wohnung teilen. In der neuen Folge der Schlussmach-Kolumne erzählen beide von einem Ende, das sich lange hinzog.
Christine, 24, erzählt:
Drei Jahre Beziehung, davon zwei Zusammenwohnen, stapelten sich im Flur, der vom nächsten Morgen an nicht mehr uns gehören würde. Patricks Anteil am gemeinsamen Hab und Gut passte in vier Ikea-Umuzugskartons und zwei Müllsäcke. Ich hatte mindestens das dreifache. Patrick gehörten nur die Kaffeemaschine, die Playstation und der Fön. Der Umzugswagen war für den nächsten Morgen bestellt, seine Stereoanlage hatte er schon einen Tag vorher mit dem Auto mitgenommen. Was wollte er eigentlich damit? Unsere CDs hatte fast alle ich gebrannt. Mein Musikgeschmack war sein Musikgeschmack. Jetzt hatte er keinen mehr. Dass auch so etwas bei einer Trennung aufgeteilt wird, daran denkt man oft nicht.
Patrick ist einer von denen, die immer darauf achten, dass sie nicht zu kurz kommen. Die einen lieben, die anderen investieren. Patrick gehört zur letzteren Sorte. Eine Beziehung sah er als ein faires Tauschgeschäft, im Idealfall als eines mit guten Erträgen. Das hat er fast wortwörtlich einmal so gesagt, in einer unseren ewigen Diskussionen darüber, dass ich seiner Meinung nach zu naiv durchs Leben gehen würde. Aber was ist das bitte für eine Neandertaler-Moral? Dass der andere zu einem Teil von dir wird, dass seine Bedürfnisse die deinen werden und sein Glück dein Glück, zu solchen Gedanken und Gefühlen war Patrik nicht fähig.
Ich bin anders. Ich lasse mich auf Menschen ein, ohne Rücksicht auf Verluste. Ist doch traurig, so eine Welt, in der nichts weh tut. Ich glaube, am Ende hat er sich nach jemanden mit besserem Kosten-Nutzen-Verhältnis gesehnt. Ich machte zu viel Ärger, dachte öfter mit dem Bauch nach, anstatt mit dem Kopf, und wenn, dann zu verschwurbelt.
Wir hatten schon Monate vor dem Auszug die Beziehung beendet – wegen unserer Unklarheit, wohin es gehen sollte und auch einer allgemeiner Ermüdung. Unser Sexleben: Kein Kommentar. Hinzu kam, dass ich mich verliebt hatte. Aber das hatte mit Patrick und mir nichts zu tun. Ich hätte es unterdrückt, wenn Patrick mir nur signalisiert hätte, dass unsere Beziehung es wert wäre. Stattdessen suhlte er sich im verletzten Stolz, ließ keine Spitze aus, bis sich alle Sticheleinen, alle Vorwürfe, in einem Riesenstreit entluden.
Es war befreiend, weil die Fronten endlich geklärt waren. Doch danach war es, als hätte man unserer Gefühle mit einem Minus-Vorzeichen versehen.
Früher war es: Egal wohin, Hauptsache mit dir!
Jetzt war es: Egal wohin, Hauptsache weit weg voneinander.
Ich habe mir sogar überlegt, meinen Krempel bei meinen Eltern unterzustellen, einen Urlaubssemester einzulegen und nach Asien zu reisen. Der Kontoauszug sagte mir aber: Ist nicht drin. Der Mietvertrag pflichtete bei: Wir hatten drei Monate Kündigungsfrist. Also blieben Patrick und ich wochenlang mit unserem Liebeskummer und Hass eingesperrt. Zwischenvermieten unmöglich. Wir hatten eine Pärchenglück-Maisonette – oben Schlafzimmer, unten Wohnküche mit großer Couch, auf der Patrick nach der Trennung schlief. Zwischen den Stockwerken gab es eine Leiter und nicht einmal eine richtige Tür, bloß so eine Platte zum Zuschieben. Früher hatten wir das sehr romantisch gefunden.
Eine Trennung mit nur einer Holzplatte dazwischen – eigentlich war klar, dass das nicht gut gehen würde. Es ist viel Hässliches passiert. Und dann gab es auch noch Probleme mit der Wohnungsübergabe, es fehlten Schlüssel, das Waschbecken hatte einen Sprung. Liebe plus Kaution ist schon eine ungute Mischung. Unsauber beendete Beziehungen plus Mietangelegenheiten sind ein Molotowcocktail.
Wir waren in den drei Monaten so mit Garstigkeiten beschäftigt, dass wir keine Zeit hatten, traurig zu sein. Erst an diesem Tag vor dem Auszug habe ich gespürt, was es wirklich heißt: Schluss zu maschen. Auch den Hass vorher hatten wir irgendwie gemeinsam geteilt. Jetzt fühlte es sich alleine an, endgültiger, echter. Ich watete durch die Staubknäuel im leergeräumten Schlafzimmer, sagte „Auf Wiedersehen“, dann kletterte ich nach unten, setzte mich auf den Bierkasten, den wir für die Umzugshelfer am nächsten Tag gekauft hatten, knackte eine Flasche mit der Zange auf und schaute lange unseren Krempel an. In mir drin sah es auch aus, wie in der Wohnung: Viel Leere mit einem Haufen altem Gepäck im Weg. Niemand ist nur mit einem Koffer in der Welt unterwegs. Jeder Beziehung hinterlässt ein paar Kisten. Dübellöcher auch.
Auf der nächsten Seite erzählt Patrick die Geschichten, die Christine ausgelassen hat.