Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos
Wer mit seinen Clips im Netz bestehen will, braucht tolle Bilder oder gute Ideen. Viel öfter aber wird heute auf brachiale Reize gesetzt, um die Aufmerksamkeit der surfenden Zuschauer zu bannen.
In der Musikindustrie gibt es seit vielen Jahren Veränderungen. Dem Musikfernsehen geht es zum Beispiel immer schlechter. MTV und Viva fungieren nicht mehr als Plattformen, auf denen sich neue Künstler zeigen können, dafür sind Youtube und Konsorten zu riesigen Musikvideokanälen avanciert. Doch die Fluktuation dort und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.Viele der neuen Musikvideos sind gar keine dreiminütigen Clips mehr, sondern epische Kurzfilme von sieben oder mehr Minuten Dauer. Ein gutes Beispiel für dieses ausgedehnte Format sind die neueren Arbeiten der Popmusikerin Lady Gaga, die es bekanntlich versteht, sich selbst zu inszenieren. Ihre Musikvideos überfahren den Betrachter regelrecht mit Überlänge, Anzüglichkeit, angedeuteten Obszönitäten, Modepolarisierung und Sexualisierung. Das ist erstmal nichts Neues. Das Credo „Sex sells“ verkauft im Pop seit jeher und in dieser Tradition stehen heute Acts wie die Pussy Cat Dolls, Rihanna, Tweed, Major Lazer und viele weitere Pop- und natürlich R’n’B-Künstler. Die Musikvideos von Lady Gaga und Co. reizen ihre Möglichkeiten aus und machen doch vor Tabus gerade so halt. Im amerikanischen Fernsehen und auch auf Youtube darf nicht alles gezeigt werden und deswegen zeigt Lady Gaga auch nicht alles. Nun ist das Web aber nicht nur Youtube. Mit Vimeo gibt es längst eine populäre Plattform, auf der sich Musikvideos häufen, in denen gezeigt wird, was Gaga nur andeutet: Sex. Im Kampf um unsere Aufmerksamkeit, wird immer häufiger ganz blank gezogen.
So ist es beispielsweise beim „Kids in Love“-Video von Mayday, in dem sich Jugendliche ausziehen und Sex haben. Einfach so, ganz normal. Kein Gender wird hier diskriminiert oder sexualisiert dargestellt, wie in Major Lazer- oder 50 Cent-Videos. Der Film unterlegt nur die Musik mit Szenen aus dem romantisch-wilden Urlaub einer Studententruppe. Das gab es genau so und zu ähnlich brauchbarer Musik schon immer, nur wäre eben früher nicht so selbstverständlich die Kamera bis in die Unterhose mitgegangen. Ähnlich romantisiert wird der intime Körperkontakt in dem Video Fireworks von The Hoof & The Heel dargestellt, das bei Youtube mittlerweile genau wegen der Explizitheit nicht zugänglich ist. Ganz zu schweigen von Massive Attacks Video zu Paradise Circus, in dem es um eine Expornodarstellerin geht, die über ihre Passion, Pornofilme zu drehen, spricht. Währenddessen laufen kurze Szenen aus ihren Filmen - bis hin zum porno-üblichen Finale.
Auch bei den grundsympathischen und über alle Maßen krediblen Indie-Bands Sigur Rós (Gobbledigook) und Flaming Lips (Watching the Planets) herrscht eine Nacktheit in den Videos, wie man sie im ganzen Fernsehprogramm bis weit nach Mitternacht kaum mal sieht. Während sich der Mainstream-Pop und die R’n’B-Künstler also nach wie lediglich von angedeuteten Tabubrüchen begleiten lassen, wird sich bei Indierock- und Elektro-Künstlern tatsächlich nackig gemacht.
Aber die Nackigkeit ist nur ein Weg zu mehr Aufmerksamkeit. Der andere Weg ist die Kunst des Schockierens:
Kids in Love from David Busse on Vimeo.
Die Noiserocker von HEALTH transportieren ihre Musik mit düsteren Verfolgungsszenen, die durch Abschneiden des männlichen Genitals mit einem Dolch beendet werden. Bei dem Splatter We Are Water sieht der Verfolger so erschreckend gefährlich aus und das Mädchen schüchtern wie Schneewittchen, dass man als harmloser Musikvideo-Adept Angst davor hat, nachts alleine nach Hause zu gehen.
In dieses Schock-Schema passt auch das amerikanische Trio Xiu Xiu, welches im Februar mit dem Video zu „Dear God, I Hate Myself“ das Tabuthema Bulimie drastisch darstellte. Dabei steckt sich die Frontsängerin Angela Seo selbst den Finger in den Hals und übergibt sich im Restaurant, während ihr Sitznachbar und Arbeitskollege daneben seine Schokolade isst. Provokant, eklig und erschreckend. Eklig ist auch der Clip Blonde Fire von der belgischen Rockband The Hickey Underworld, der sich im vergangenen Jahr durch die Internetkanäle bewegte und zeigte, wie ein vermoderter Mann aus menschlichen und tierischen Knochen und Eingeweiden neue Wesen herstellt und zum Leben erweckt. Man kann ruhig annehmen, dass ohne die dadurch ausgelöste Internetpopularität die Band 2009 völlig untergegangen wäre.
Dear God, I Hate Myself from Steven Whore on Vimeo.
Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang ebenfalls an das Video Stress des französischen Elektro-Duos Justice, welches der Regisseur Romain Gavras produzierte und das wegen der dargestellten Aggressivität für Aufsehen sorgte. Dieses Jahr legte der Regisseur nach. „Born Free“ von der New Yorker Sängerin M.I.A. ging im April via Youtube durch sämtliche Medien und wurde wenige Wochen später gesperrt. Der Grund: zuviel Gewalt und Nacktheit. „Das war aber keine Marketing-Strategie. Man weiß vorher nie, was am Ende mit so einem Musikvideo passiert, was die Leute daraus machen, wie sie es sehen,“ sagt Gavras im Spiegel-Interview. Aber wieso dann diese explizite Darstellung von Gewalt? Analog zu "Born Free" wurde auch das Anti-Drogen-Video Egoshooter des deutschen Musikers Der Polar von Youtube aus dem Netz verbannt. Es wurde auch als "Schocker"-Video bezeichnet und enthält eine explizite Sexszene.
Der Verdacht liegt nahe: Es muss krasse Gewalt gezeigt werden, Ekel oder nackte Haut, um noch zu berühren.
Im Elektro/Dance Genre war es zuvor eher unüblich, mit extremer Bildsprache zu arbeiten. Doch auch Justice’ Kollegen von Simian Mobile Disco haben aus ihrem neuen Track Cruel Intentions einen verwirrenden Kurzfilm produzieren lassen, der an David-Lynch-Filme erinnert. Schaut man weiter in die Videoproduktionen der Elektro-Künstler, stößt man schnell auf das Sexhorror-Video zu „Corporate Occult“ des finnischen DJs Huoratron, bei dem das sexuelle Verlangen wieder explizit im Vordergrund steht, sich aber zum Horror entwickelt. Kunst oder Verzweiflung?
M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.
Insgesamt sind die Schreck-Effekte zwar nicht bei all diesen Musikvideos gleich groß, aber sie alle bedienen sich gewisser Grenzüberschreitung und neuer Signalbilder, die uns als neugierige und triebgesteuerte Wesen erreichen. Eher als Althergebrachtes werden sie verlinkt, mit dem Betreff "Krass!" vielleicht weiterverschickt oder wird eben anderen davon erzählt. So bekommt dann der Künstler, was er will: Aufmerksamkeit. Bleibt nur die Frage, ob nicht bald unser reizbares Auge ausgereizt sein wird.
"CORPORATE OCCULT" Huoratron Music Video from Cédric BLAISBOIS on Vimeo.
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1
19.08.2010 - 22:53 Uhr
bugmenot2
Wer nicht ausgereizt ist, hat wahrscheinlich 10 Jahre zu spät seinen Internetanschluss bekommen. Da wirken dann auch so banale Bilder vielleicht noch eine Weile.