11.08.2010 - 18:30 Uhr

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Schluss gemacht: Wladislaw und Olga

Text: wlada-kolosowa

Unsere Autorin hat ihre Eltern gefragt, warum sie sich vor 18 Jahren getrennt haben. Sie kommen beide aus Russland und waren fünf Jahre lang verheiratet. In der neuen Folge der Schlussmach-Kolumne erzählen beide vom Ende ihrer Liebe.

Wladislaw, 45, erzählt: Als du passiert bist war ich 22, deine Mutter 18 Jahre alt. Sie hatte gerade mit dem Ingenieur-Studium angefangen, mir fehlten noch anderthalb Jahre bis zum Abschluss. Viele Frauen wollten damals am Bergbauinstitut studieren, es hieß: Da heiratet man leicht. Deine Mutter hatte das kein bisschen nötig. Sie war so schön, sie hätte sich auch an der pädagogischen Fakultät immatrikulieren können. Du bist ein Kind der Brücken. Unser Studentenwohnheim stand auf der Wassiljewski-Insel in der Newadelta. Zwischen zwei Uhr nachts und fünf Uhr wird dieser Stadtteil zu einer echten Insel. Die Brücken zum Festland werden geöffnet, damit größere Schiffe darunter passieren können. Dass unsere Partys deshalb nie vor Tagesanbruch endeten, machte uns nicht viel aus. Wer aber vor dem Weggehen trödelte, saß fest. So wie deine Mutter und ich an diesem Abend. Die Hochzeit zweier Kommilitonen wurde gefeiert, das Wohnheim war wie ausgestorben. Es gingen Gerüchte rum, dass die Eltern des Paares eine vierstöckige Eistorte bestellt hatten. Meine Zimmernachbarn waren schon früher losgezogen, deine Mutter und ich blieben noch ein Weilchen um ungestört zu knutschen. Als wir los wollten, waren die Brücken natürlich längst hochgezogen. Die Eistorte haben wir verpasst – dafür hatten wir zum ersten Mal seit den drei Monaten, in denen wir zusammen waren, ein Zimmer nur für uns – bis die Brücken wieder geschlossen wurden. Buletten, Wodka und eine Hochzeit Als klar war, dass deine Mutter dich bekommen wird, stand außer Frage, dass wir heiraten. Nichts großes, nur Standesamt und danach Bouletten und Wodka bei uns im Studentenwohnheim. Wir waren absolut pleite. Meine Eltern waren so sauer, dass sie mir den Geldhahn zudrehten. Bei der Hochzeit war deine Mutter schon im siebten Monat und musste das cremefarbende Kleid ihrer dicken Kommillitonin tragen. Es sah aus wie ein Nachthemd. Wir waren sehr glücklich. Ein Jahr lang schob dich das gesamte Institut abwechselnd im Kinderwägelchen im Universitätspark herum. Vor unserem – jetzt gemeinsamen - Wohnheimzimmer hing soger eine Liste, in der sich Freunde vorher eintragen mussten: so hoch war die Nachfrage. Dann habe ich meinen Diplom verteidigt, bekam sofort ein Jobangebot in meiner Heimatstadt im Norden. Deine Mutter nahm dort eine Teilzeitstelle an und setzte ihr Studium als Fernstudium fort. Ich dachte, jetzt haben wir es geschafft. Ich dachte, das Schlimmste haben wir überstanden: Windeln in der Gemeinschaftsküche bei 90 Grad kochen, Äpfel pürieren, während rundherum gebechert wurde, deine ersten Zähne während meinen mündlichen Prüfung, ein exotisches Ekzem in der Woche vor der Abgabe der Diplomarbeit. Danach wurde alles ein bisschen einfacher. Wir mieteten unsere Wohnung, du kamst in den Kindergarten. Meine Eltern halfen aus. Wir hatten auf einmal Geld für Urlaub am schwarzen Meer, mussten uns nicht mehr in Kinos einschleichen und Romane aus dem Lesesaal schmuggeln. Ich fand das Familienleben gar nicht so übel. Ich dachte, wir waren zufrieden. Und dann kamen sie einfach nicht mehr zurück Einmal im Semester fuhr deine Mutter nach St. Petersburg um Prüfungen abzulegen. Im Sommer 1992, du warst da fünf Jahre alt, nahm sie dich mit. Ihr kamt nicht mehr zurück. Deine Mutter rief mich von ihren Eltern aus an: Ich könne dich so oft sehen, wie ich wolle, nach Hause würdet ihr aber nicht mehr kommen. Sobald ich frei bekommen konnte, bin ich deiner Mutter hinterher. Ich habe alles versucht, um sie zurückzuholen – überzeugte, flehte, drohte sogar. Zwecklos. Nicht mal ihre Klamotten hat sie abgeholt. Vier Jahre später haben wir uns offiziell scheiden lassen. Du bist unzufrieden mit meiner Geschichte? Findest, ich habe zu viel von Anfang und zu wenig vom Ende erzählt? Worauf ich hinaus wollte: Du kannst nicht ein Leben mit jemandem verbringen, nur weil ihr einmal zusammen die Brücken verpasst habt. Und was deinen Vorwurf angeht, in meiner Geschichte ginge es viel mehr um Windeln und Apfelpüree, als darum wie deine Mutter und ich uns fühlten... Vielleicht war genau das unser Problem. Nach der Trennung war ich sehr böse auf deine Mutter. Ich habe jahrelang nur das allernötigste mit ihr geredet, bin höchstens Mal zum Kaffee geblieben, als ich dich abgeholt habe. Inzwischen bin ich ihr sehr dankbar, dass sie damals den Mut gefunden hat zu gehen. Wir haben beide jemanden gefunden, mit den wir glücklicher sind, als damals miteinander. Aber nicht dass du es falsch verstehst: Den Brücken damals bin ich aber sehr dankbar. Auf der nächsten Seite erzählt Olga vom Ende.
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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.