28.07.2010 - 18:30 Uhr

1 33 Über Twitter weiterempfehlen

Die letzten Stunden der Loveparade

Text: christina-waechter

Unsere Autorin Wlada Kolosowa war zusammen mit ihrer Kollegin Charlotte Potts auf der Love-Parade, um eine Reportage über den Niedergang der Veranstaltung zu machen. Sie kamen mit einer anderen Geschichte zurück.

Die letzten Stunden der Loveparade
Wlada, Charlotte, wie waren die letzten Tage seit Samstag für euch? Wlada: Ziemlich stressig: Ich habe noch am Samstag mit dem Jugendradio „Fritz“ telefoniert, die meinten dann, ich solle am nächsten Tag auf ihren Anruf warten, dann haben sich noch der Tagesspiegel und die Grazia bei mir gemeldet. Plötzlich wussten Leute, von denen ich nie etwas gehört hatte, dass ich bei der Loveparade gewesen war. Charlotte: Ich wurde, als wir gerade nach Essen zurückgekommen waren, vom ZDF gleich wieder zurückbeordert nach Duisburg. Ich hatte auf Facebook geschrieben, dass ich da war und das hat eine Kollegin gelesen. Ich konnte vor Ort helfen, die Liveschaltungen für die zu organisieren, das hat den ganzen Abend über gedauert.    Wie seid ihr plötzlich zu Loveparade-Expertinnen geworden? Wlada: Wir machen gerade beide ein Seminar, bei dem wir über die Kultur an der Ruhr berichten sollen. Wir hatten die Idee, über die Loveparade zu berichten, aber eher aus der Perspektive, dass die Loveparade zu einem Volksfest geworden ist, zu dem sich Leute in Polyester kleiden und besaufen.Wir waren beide vorher noch nie auf einer Loveparade gewesen und haben uns gefreut. Wir wurden sogar beneidet. Der Rest des Seminars musste eine Fahrradtour entlang der Emscher machen. Als wir auf der Loveparade ankamen, war das Gelände schon abgesperrt; wir kamen dank unserer Presseausweise noch rein und bis zur letzten Absperrung vor dem Tunnel. Vom Gefühl her war es ein bisschen komisch: Wir wussten viel weniger als die Leute von außen, weil bei uns die ganzen Nachrichten natürlich nicht so schnell angekommen sind. Und wir haben eigentlich erst am nächsten Tag, als wir die Fotos und Filme gesichtet haben, gemerkt, wie dicht wir am Geschehen gewesen waren. Charlotte: Wir waren nicht mal 30 Meter von dem Tunnel entfernt. Wlada: Ich wollte da auch gerne rein, aber es war eine sehr eigenartige Stimmung. Charlotte fand, dass das keine gute Idee wäre, ich bin nämlich gerade mal 1,60 Meter groß. Uns kamen auch Leute entgegen, die gesagt haben „geht da ja nicht rein!“ Aber das ganze Ausmaß haben wir erst kapiert, als wir aus dem abgesperrten Bereich rausgegangen sind.     Charlotte: Als ich merkte, dass die Stimmung kippte, wusste ich, dass wir da raus müssen. Dann habe ich auch einen Anfruf von einem Freund gekriegt, der mir erzählt hat, dass es Tote gegeben hatte. Und dann fingen die Gerüchte an. Wir haben die wildesten Geschichten auf der Straße gehört, von Kindern, die getötet worden seien und so weiter. Wlada: Es war sicher keine angenehme Situation, aber ich hatte nie existentielle Angst. Das Gruselige daran war: Wir waren mit Adrenalin vollgepumpt und haben das alles nicht so richtig kapiert. Schlimm wurde es für mich erst, als wir am nächsten Tag unser Material gesichtet haben.     Habt ihr denn eine Meinung, wer für das  Unglück verantwortlich ist? Charlotte: Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, dass die Polizei recht wenig gegen die anarchistischen Zustände in der Stadt tun konnte. Am Bahnhof sind die Leute einfach über die Gleise gerannt, weil sie eine Abkürzung nehmen wollten und niemand hat sie daran gehindert.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
christina-waechter
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
33 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

stirnlappenbasilisk
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

9

29.07.2010 - 11:04 Uhr
stirnlappenbasilisk

"Wie seid ihr plötzlich zu Loveparade-Expertinnen geworden?"

Wlada: "Wir hatten die Idee, über die Loveparade zu berichten, aber eher aus der Perspektive, dass die Loveparade zu einem Volksfest geworden ist, zu dem sich Leute in Polyester kleiden und besaufen.Wir waren beide vorher noch nie auf einer Loveparade gewesen ...."

Charlotte: Wir waren nicht mal 30 Meter von dem Tunnel entfernt.

...spätestens jetzt hätte man doch mit dem Frage stellen aufhören können.

"Loveparade-Expertinnen"? Das sind Knallzeugen.
[http://de.wikipedia.org/wiki/Knallzeuge]

ThomasCrown
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 11:16 Uhr
ThomasCrown

huch, knallzeuge ist ja ein echtes wort? sehr schön, das merk ich mir. hat der artikel ja doch noch was gebracht.

smaennchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

29.07.2010 - 11:44 Uhr
smaennchen

Wow, jetzt wird mir endlich alles klar. Danke für diesen Bericht.

Charlotte94
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

7

29.07.2010 - 13:47 Uhr
Charlotte94

@ stirnlappen... : Danke, neue Wörter in der Erstsprache zu lernen find ich super !

Zu dem Text sag ich jetzt mal nix - der Text sagt ja auch nix ...

Kujau
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 14:05 Uhr
Kujau

Das sagt uns der Einleitungstext:


Unsere Autorin Wlada Kolosowa war zusammen mit ihrer Kollegin Charlotte Potts auf der Love-Parade, um eine Reportage über den Niedergang der Veranstaltung zu machen


Das sagt Wlada:


Wir machen gerade beide ein Seminar, bei dem wir über die Kultur an der Ruhr berichten sollen. Wir hatten die Idee, über die Loveparade zu berichten, aber eher aus der Perspektive, dass die Loveparade zu einem Volksfest geworden ist, zu dem sich Leute in Polyester kleiden und besaufen.Wir waren beide vorher noch nie auf einer Loveparade gewesen und haben uns gefreut.


Ich erkenne einen gewissen inhaltlichen Unterschied, freue mich aber, dass diese Diskrepanz nicht durch die angehenden Journalistinnen entstand.

Denn wer zum ersten Mal bei einer Veranstaltung ist sollte nicht im vornhinein sagen, er will eine Geschichte über deren Niedergang schreiben, sondern sich dort dann ein Bild davon machen.

Aber das hatten die Damen ja offensichtlich auch nicht vor. Aber so etwas ließt sich einfach besser als beispielsweise "Unsere Autorin Wlada Kolosowa war zusammen mit ihrer Kollegin Charlotte Potts auf der Love-Parade, um über die Kultur an der Ruhr zu berichten. Sie kamen mit einer anderen Geschichte zurück." Auch wenn es den Inhalt nicht trifft.

Und

dass die Loveparade zu einem Volksfest geworden ist, zu dem sich Leute in Polyester kleiden und besaufen.


klingt höchstens nach der Theorie, dass die Loveparade seit 15 Jahren ihr Niveau auf beständig niedrigem Level hält.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 14:07 Uhr
Kujau

Charlotte94 sagte:

Zu dem Text sag ich jetzt mal nix - der Text sagt ja auch nix ...


Dito.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

29.07.2010 - 14:09 Uhr
Kujau

Gargoyle sagte:
Hat sich Hans Werner Sinn eigentlich schon zu dem Unglück geäußert? Und wo bleibt die Einschätzung von Günter Netzer?


Die haben ja Beton in der Abwehr angerührt, da ging ja gar nichts vorwärts, so kann man kein Spiel gewinnen. Das war Ideenlos, lustlos, aber die Null stand.

stirnlappenbasilisk
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 14:12 Uhr
stirnlappenbasilisk

@Charlotte94: Bitte gerne.
@Charlotte94 & ThomasCrown:
Rückenmarksreflex ist auch so ein Wort.
Das ist mir erst viel zu spät begegnet. Schöner kann man Handeln ohne willentliche Beeinflussung nicht beschreiben.

Und der Riesenvorteil: Jeder versteht sofort was gemeint ist.

Kujau
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 14:14 Uhr
Kujau

Video finde ich recht gut gemacht und das Zitat "auf einen Versuch kommt es an" recht erschütternd. Im Nachhinein.

Mannheimer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.07.2010 - 23:21 Uhr
Mannheimer

Dosenknall_mit_Ueberschall sagte:
um missverständnissen vorzubeugen: berlin ist natürlich generell und sowieso und überhaupt scheiße.spätestens wenn sich nun ein duisburger cdu-mann und bartträger für sowas interessiert, hätte das doch ein überdeutliches no-go sein müssen.

wie recht du hast.

Zurück Weiter Seite 1 2 3 4

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

christina-waechter offline

christina-waechter

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

GEH, KATZE, GEH!