26.07.2010 - 18:30 Uhr

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"Ich bin irgendwo zwischen den Kindern und dieser Band verloren gegangen"

Text: daniel-schieferdecker

Judith Holofernes erzählt davon wie schwer es ist, gleichzeitig Popstar und Mutter zu sein und von der neuen Wir sind Helden-Platte, auf der sie sexsüchtig singen sollte.



Ist „Bring mich nach Hause“ eine traurige Platte geworden?

Nein, eigentlich nicht – obwohl es darauf auch melancholische Lieder gibt, die ein sehr dunkles Herz haben. Die Platte hat vielmehr etwas Traumhaftes und Fantastisches, weil wir darauf sehr viele Geschichten erzählen.

Aber wieso ist das Geschichtenerzählen auf dieser Platte so präsent? Liegt das daran, dass du Zuhause permanent Kinderbücher vorlesen musstest?
Ja, genau. Ich erzähle den Kindern vorm Einschlafen lauter seltsame Geschichten aus den Sümpfen der menschlichen Existenz (lacht). Es liegt wohl eher daran, dass diese Platte mehr aus der Lust am Schreiben entstanden ist und weniger aus einem inneren Mitteilungsdrang heraus.

Welche Umstände haben denn die Punkte „Verlaufensein“ und „Verlorenheit“ zu den zentralen Themen dieses Albums gemacht? Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass du mittlerweile Mutter bist, hätte man eher vermutet, dass du dich nun gefunden hast anstatt verloren gegangen zu sein.
Ich glaube, ich bin irgendwo zwischen den Kindern und dieser Band verloren gegangen. Das darf man allerdings nicht falsch verstehen: Ich habe großes Glück auf beiden Seiten, bin wahnsinnig happy mit meiner Familie und auch mit der Band. Aber zusammen addiert sich das leider zu 250% – und das ist jenseits von anstrengend. Die letzte Tour hat Pola und mich tatsächlich ein wenig über den Rand gedrängelt. Das war zu viel. Wir sind jedoch beide sehr loyal und wollen, dass alles läuft. Daher haben wir uns beim letzten Mal vor allem darauf ausgerichtet, dass es für unseren Sohn Friedrich funktioniert. Wir haben in sämtlichen Interviews auch immer voller Überzeugung gesagt, wie toll das alles klappt – und für Friedrich war das auch so. Aber wir haben überhaupt nicht darauf geachtet, ob es für uns funktioniert. Und das hat es nicht. Bloß fünf Stunden schlafen, dann Interviews geben, Soundcheck machen, Konzert spielen und eine Plattenfirma zu haben, die einem unterm Arsch kollabiert – das ist in der Summe dann doch ein bisschen zu viel gewesen.

Ist das auch der Grund dafür, warum Zuhause auf der Platte so ein großes Thema für dich gewesen ist? Weil das Zuhause ja auch immer ein Rückzugsort bildet, bei dem du deine Speicher aufladen kannst?
Ja, klar. Zumal das physische Zuhause in unserem Leben lange Zeit kaum existent war. Nach der letzten Tour hatte ich eine riesengroße Sehnsucht nach Ruhe und Stille. Ich habe mich nach Auslöschung gefühlt und hätte mich am liebsten in Kryptonit eingefroren. Zuhause in Berlin zu sein, fühlt sich für mich schon fast wie Urlaub an. Wenn wir jetzt wieder raus gehen mit der neuen Platte im Arm, hoffe ich daher, mir ein Stück Zuhause mitnehmen zu können. Denn das ist das einzige, was einem den Arsch rettet, wenn man ein Leben hat, das so viel im Draußen stattfindet wie unseres.

Der Sänger Patrice hat in einem Interview mal gesagt, Zuhause sei dort, wo er sich finde. Ist das bei dir ähnlich?
Definitiv. Das Zuhause muss wie ein Anker sein, denn es ist wahnsinnig leicht, sich zu verlieren, wenn man ständig gespiegelt wird. Hinzu kommt die räumliche Entwurzelung. Seit ich Kinder habe, merke ich auch, wie sehr mir dieses Harsche am Tourleben zusetzt, weil man sich da natürlich vollkommen reingeben muss. Man taucht am einen Ende ein und kommt nach der Tour am anderen Ende wieder raus – zwar einigermaßen zerzaust, aber irgendwie wohlbehalten. Die Kinder haben aber gar nicht die Luft für die volle Distanz, und das macht es ungemein schwierig, die richtige Balance zu finden.

Du brauchst inzwischen also mehr Verschnaufpausen zwischen den einzelnen Gigs?
Wenn man seine Tage in neonbeleuchteten Backstageräumen zubringen muss, dann zerrt das mit der Zeit auf jeden Fall am Nervenkostüm. Hinzu kommt: Je erfolgreicher man wird, desto unwirklicher wird die Umgebung. Deswegen verstehe ich inzwischen auch all diese Diven, die sich ihre eigenen Wohnzimmer im LKW mitnehmen. Ich muss wirklich nicht im Hilton leben, aber so ein gemütliches Wohnzimmer wäre manchmal schon ganz schön.

Wie gehen denn deine Freunde damit um, dass du kaum noch Zeit für dich und deine Bedürfnisse hast?
Das wird sich jetzt zeigen, wenn es wieder los geht. Ich hoffe einfach, dass wir ein bisschen schlauer geworden sind und manche Dinge anders gestalten können. Denn ich möchte eigentlich kein Leben führen, in dem ich meine Freunde nicht sehen kann – aber so ganz wird sich das wohl wieder nicht vermeiden lassen. Wir müssen das jetzt nun mal machen, weil diese Musik eben raus will. Aber ich bin da weiterhin total zerrissen. Irgendwie muss ich mir für meine Freunde noch ein wenig Restenergie abzweigen. Ich weiß bloß noch nicht wo und wie.

Euer Produzent Ian Davenport spricht kaum deutsch. Musstet ihr ihm die jeweiligen Inhalte der Songs erklären, damit er das Ganze fühlen konnte?
Ja. Ian hat uns bereits früh gesagt, dass es ihm total wichtig wäre, auch den Texten gerecht zu werden. Ich habe ihm dann mit einem Freund zusammen die Texte übersetzt, ganz viele kleine Fußnoten gemacht und viel mit ihm darüber gesprochen; und das hat wunderbar geklappt. Ich habe mit Ian am Ende sogar mehr über die Texte gesprochen als mit sonst irgendjemandem – Pola mal ausgenommen. In der Band existiert da teilweise eine regelrechte Scheu. Da kommen dann solche Sätze wie „Nur, damit ich es nicht falsch verstehe, geht es dir da um…“. Das ist immer ganz vage, also wolle man einen gewissen Zauber nicht brechen. Und Ian war plötzlich jemand, mit dem ich da total in die Tiefe gegangen bin, mit dem es auch darum ging, was ich überhaupt in der Stimme ausdrücken möchte. Der hat sich da wahnsinnig gut eingefügt und reingefühlt, und bei den Aufnahmen dann auch sehr präzise Anweisungen gegeben. Der hat zum Beispiel auch gesagt, dass er es hört, wenn ich ablese und mich dann mal eine Stunde rausgeschickt, um einen Text auswendig zu lernen.

Hat er dich nicht sogar mal dazu aufgefordert, sexsüchtig zu singen?
Allerdings (lacht). Das hatte bei unserer ersten gemeinsamen Aufnahme für ziemliche Verwirrung gesorgt. Bis sich dann nach 20 Minuten Debatte, einer Duellaufforderung von Polas Seite und der schlichtenden Befragung eines Übersetzungsprogramms rausgestellt hat, dass er sich eigentlich eine sehnsüchtige Darbietung gewünscht hatte. Irgendwann meinte Ian dann auch mal, die Grundstimmung des Albums sei für ihn sexsüchtig und wachmüchtig. Und das bringt es total auf den Punkt.





Das Album "Bring mich nach Hause" von Wir sind Helden wird Ende August erscheinen. Die Single "Alles" erscheint nächste Woche.


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82 Kommentare

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Aristipp
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Mag ich Mag ich nicht

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30.07.2010 - 02:16 Uhr
Aristipp

seize sagte:
eine radikalere kritik wäre natürlich schöner und am besten, wenn sie in den untergrund mit ihren kalaschnikows verschwinden würden...


Was soll denn daran schöner oder sogar am besten sein? DAS ist Zynismus.

seize
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Mag ich Mag ich nicht

0

31.07.2010 - 23:44 Uhr
seize

was soll den daran zynisch sein? Es wird doch noch ein wenig bewaffnete Kulturkritik erlaubt sein, oder?

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daniel-schieferdecker

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.