Sterbende Ameisen
Text: ally1983
Heute: Mit einem Blütenblatt könnte ich mir Luft zufächeln, wenn ich das wollte. Verschwinden ist nicht schwer, wenn alles so schnell an Bedeutung verliert, wie es dauert, das Leben aus einem Insektenkörper zu pressen.
Auf dem Steinboden sitzend fällt mein Blick hinunter auf die, die noch tiefer gesunken sind als ich. Die Ameise, die ich gestern übersehen hätte ist der Mittelpunkt der Welt.
Heute. Sie zuckt und windet sich auf einer Stelle.
Hätte ich eine Lupe, wüsste ich wo ihre Verletzungen sind.
Eine zweite Ameise läuft jetzt um sie herum, kam aus dem Nirgendwo. Sie hält ratlos inne, rennt vor und zurück. Reckt den Oberkörper nach oben, flehend zu einem unsichtbaren Gott, der nicht ich bin.
Damals: Ich denke an einen Sommernachmittag, irgendwo im Süden. Ein grausames Lachen, nicht all zu weit entfernt, als ich mich aus dem Fenster beuge und unter mir den Nachbarsjungen erblicke, der mit Freude und Faszination den Schmetterlingen, die er gefangen hat, die Flügel ausreißt. Er hockt auf dem Boden, ein unbarmherziger Gott in der Maske der Unschuld. Vor ihm die schillerndsten Farben, bereits matt werdend im Licht des Verfalls. Ich hole eine Plastikflasche mit vergessenem Inhalt und schleudere sie ohne Nachzudenken auf ihn hinunter. Ich konnte noch nie zielen, aber es gibt vielleicht doch eine Art Gerechtigkeit.
Überlege ich später, mit blauem Auge am Abendbrottisch.
Morgen: Ich möchte Jemand sein. Es ist mir fast egal wer. Vielleicht.
Im Bus sitzend werde ich durch die Stadt fahren, umgeben von den Göttern und Henkern dieses Lebens, von den Helden, die sich unsichtbar glauben, von den Guten die böse sein wollen, um endlich auch einmal etwas zu bedeuten, von den Bösen, die so böse sind wie man nur sein kann und in ihren durchsichtigen Uniformen und dem siegessicheren Blick in den Augen über alles hinwegschreiten, sobald sie sich erheben.
Ich werde nicht aussteigen, auch wenn ich weiß, dass der Bus mich nur wieder dort hinbringen wird, woher ich kam.
Die Melodie meines Mobiltelefons wird mich daran erinnern, dass ich geliebt werde, doch es wird mir unmöglich sein, diese Liebe zurück zu geben.
Einsamkeit ist die einzige Decke, die ich kenne.
Sie hüllt mich ein und auch wenn sie kratzt, hält sie mich doch warm.
Oder rettet mich zumindest vor dem Erfrieren.
Heute.
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24.07.2010 - 19:00 Uhr
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