Alexej.
55.Ich bin 55.
Alexej ist zu groß für 55.
Eigentlich ist er nur 54.
Vor der Waage steht eine leere Literflasche Wasser, deren Inhalt Wellen an seine Magenwände schlägt. Und als er sich ruckartig zu dem von Zahnpastaspucke gesprenkelten Spiegel umdreht, kann er ihn sehen. Den Sturm.
Draussen lässt der Regen seine vielen gewebten Hautschichten zusammenkleben, schlägt sie gegen Knochen und schwaches Gewebe und er friert, obwohl es nicht kälter als 22 Grad sein soll.
Zittern regt die Fettverbrennung an. Vielleicht sollte er sich zum Trocknen an die Gefriertruhe stellen, aus der er nie Pizza kauft.
Gefroren wäre er sicher 58 oder mehr.
Sie sehen ihn an.
Alle sehen ihn immer an. Bohren Blicke zwischen seine hervorstechenden Rippen, flüstern in dieser besorgten Sprache wie es nur Menschen tun, mit denen er nicht blutsverwandt ist.
Jemand muss ihn doch füttern, sagen die Mütter und reißen ihren Töchtern das Essen aus den Händen und bewerfen ihn damit, wenn ihn seine Beine wieder nicht tragen können.
Trotzdem mögen die Töchter Alexej.
Weil er ihnen Türen aufhält, ohne es zu bemerken.
Weil er ein Kreuz um den Hals trägt, das an seinen Schlüsselbeinen entlang schleift, wenn er etwas schneller geht.
Weil sich seine knochigen Hände in der eigenen trotzdem warm anfühlen.
Weil man ihn formen kann.
Bestimmt.
Von meiner Familie hat er das nicht, sagten der Vater und die Mutter zu denen, die Fragen stellten und versteckten ihn in seinem Zimmer. Mit dem Schrank voller Kleider, die ihn wie ein Mann aussehen lassen sollten und die ihn sich doch nur wie eine dieser Stangen fühlen ließen, über die man die ungewollten und reduzierten Stoffe schmeißt.
Er war 13 als sie ihn das erste Mal festhielten, um den dicken Gummischlauch in seinen Magen zu schieben, wie es sein Großvater immer bei den Gänsen tat. Sein blutendes Innerstes mit braunem Pürree füllten, bis sie vor seinen Augen verschwammen und er durch die Dunkelheit nur noch den einzigen Satz hören konnte, den sie monoton vor sich her sagten.
Du willst doch irgendwie leben.
Irgendwie.
Der Club ist fast leer, als er ihn betritt und das ist gut, denn die, die noch da sind, sind zu betrunken um zu starren.
Alexej tanzt.
Schüttelt seine Knochen, dass es klappert ohne das ihn jemand hören kann.
Bewegt die spröden Lippen zu einem ihm bekannten Refrain, schließt die Augen und fühlt sich leicht, so leicht.
Als er die Augen wieder öffnet, bleiben sie bei einem hübschen Jungen stehen, der seine Schuhe in seiner eigenen Kotze ertränkt.
Der Junge schaut gequält auf.
Alexej lächelt ihn an.
Vielleicht könnte braunes Pürree doch sein Lebensinhalt werden.
- Burgunder. 06.01.2012
- caterpillar to butterfly 23.12.2011
- Limb From Limb 08.12.2009
- Nahkampf. 28.09.2009
- Dunkelschritte 17.12.2008
*









0
23.07.2010 - 21:08 Uhr
ouchmoi