Hundstage
Wer glaubt, die Sommerferien seien die schönste Zeit des Jahres, irrt. Manchmal zumindest. Die jetzt.de-Redaktion beschreibt ihre schlimmsten Ferien.
Wie ich eines Sommers den "Schwörer-Slang" lernteEigentlich war es jedes Jahr das Gleiche: Meine Freunde verbrachten ihre Sommerferien auf Gran Canaria, in New York, Tansania oder im Disneyland Paris – und ich blieb zu Hause. Von meinen Geschwistern war immer irgendjemand noch ein Baby, „da ist so ein großer Urlaub einfach zu anstrengend! Wenn ihr allesamt aus dem Gröbsten raus seid, dann verreisen wir richtig!“ So meine Eltern. Aber bevor das passieren konnte, trennten sie sich. Gerichtsverhandlungen und Umzüge stellten jeden Urlaubstraum in den Schatten – und ließen ihn nie mehr heraus. Es war okay: Im Alter von acht bis zwölf Jahren ist Heimaturlaub gut genug. Von morgens bis abends mit den Geschwistern ins Freibad oder an den See, Baumhäuser bauen und Waldschlösser erträumen.

Aber dann kam der Sommer 2001 - ich war dreizehn. Und wollte nicht mehr mit „den Kleinen“, spielen. Meine Freunde waren wieder in Italien, Dubai&Co. Wenn sie die Welt schon auswendig kannten – während das einzige Flugzeug, das ich in meinem Leben von innen gesehen hatte, im Deutschen Museum stand – dann war ihr Vorsprung an Lebenserfahrung schon jetzt unaufholbar! In meinem Tagebuch sagte ich der Hoffnung auf eine aussichtsreiche Zukunft „Auf Nie-Wiedersehen!“.
Meine Mutter legte mir die Sommerveranstaltungstipps des Jugendzentrums vor. Kindertöpfern, Wasserrutschen-Bauen, Regieworkshop für das Puppentheater. Bei der Lektüre stellte ich mir vor, wie vier einsame Halbwüchsige in einem gelb angemalten Raum standen und „jetzt mal was Schönes bastelten!“. Ein Trauerspiel. Ohne mich! Hin und wieder lag eine Postkarte auf dem Küchentisch. Freundinnen, deren Familien zusammen nach weit weg gefahren waren, schrieben von ihren ersten Flirtversuchen, von exotischen Früchten und bunten Fischen. Ich würde nichts erzählen können, außer, wie schrecklich es war, jeden Tag mit „den Kleinen“ ins Freibad zu müssen. Dort planschte ich herum und fühlte mich stündlich nutzloser. Schließlich freundete ich mich mit den Söhnen des Pommesverkäufers an. Und mit Özgul und Michele aus der Hochhaussiedlung. Worüber sie redeten, war nichts, was meine Eltern gutgeheißen hätten. Und deshalb abenteuerlich. Ich lernte den Schwörer-Slang, schämte mich für meinen bunten Kinder-Bikini und wollte dringend rauchen. In den klammen Draußen-Umkleiden des Bads rief ich eines Abends, kurz vor Schwimmbadschließung, laut „Hhhhhh, Mama kommt!“. Dann hustete ich den stickigen Qualm lange und mühsam aus mir heraus. Ich glaubte, sterben zu müssen. Am nächsten Tag kaufte ich Schulsachen - drei Wochen zu früh. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die Schule wieder begann.
mercedes-lauenstein
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