20.07.2010 - 18:30 Uhr

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Mies aufgelegt. Heute stört Techno-DJ Dr. Motte auf einer Techno-Party

Text: jonathan-fischer

In dieser Rubrik erzählen die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal verzweifelt ein Star-Aufleger an den Auswüchsen seiner eigenen Szene.


Es gibt Momente, da mag man sich schämen, ein Techno-DJ zu sein. Weil man die richtige Musik am falschen Ort spielt. Beziehungsweise feststellen muss, dass all die coole Geschichten, die man zu Techno so im Kopf hat, der ganze Glamour einer Musik, die aus dem Disco-Untergrund entstanden war, in schwulen schwarzen Clubs in Chicago und Detroit gehärtet wurde und durch die mutigen Experimente afroamerikanischer DJs wie Derrick May oder Juan Atkins den Funk in die Postmoderne katapultierte, anderswo nicht mehr wert ist als: Dong dong dong! Möglichst laut, möglichst schnell und bitte schön pfeilgerade! Und wehe der DJ glaubt dass Techno ein Eigenleben hat. Dann wird ihm der richtige Beat eben vorgehüpft....

So erging es mir 1997 in Hannover. Ich war es gewohnt im Berliner Tresor und anderen Clubs rund um die Welt vor einem Publikum aufzulegen, das Techno als Freiheit schätzte. Ein Medium ohne Dogma, in dem von beatlosem Ambient bis Drum'nBass-Stakkato alles erlaubt war. Der Ausdruck einer urbanen Widerständigkeit: Vom Tanzstil bis zur Kleidung. Nun aber stand ich auf dem DJ-Pult und blickte auf eine Szene wie aus einem Kindergeburtstag: Die meisten Jugendlichen mit weißen Handschuhen, 70er-Jahre-Sonnenbrillen und Trillerpfeifen im Mund. Flokati-Stulpen. Karierte Kappen. Und dazwischen das Leuchten neonfarbener Schnuller. Irgendwer hatte diese Dinge wohl mal zu Techno-Mode erklärt. Aber mussten wirklich alle das Gleiche tragen? Um dann lediglich gelangweilt herumzustehen? Die 300 zahlenden Gäste in der Hanomag-Halle, einer riesigen einstigen U- Bootwerft, die über zehn mal so viele Leute fasst, wirkten jedenfalls ziemlich verloren.

Der Veranstalter, ein 19-jähriger Party-Novize, hatte von seinen Eltern das Geld geliehen, um unter anderem mich und Aphex Twin für einen Groß-Rave zu buchen und musste nun feststellen, dass offensichtlich kaum jemand in seiner Stadt die DJs überhaupt kannte. In Berlin hätten die selben Namen wohl eine vieltausendköpfige Schar Eingeweihter ganz ohne weiße Handschuhe- gezogen. Hier aber legte BrokenBeats-Gott Aphex Twin vor verständnislosen Gesichtern auf. War denn nicht Techno-Abend? Als mein Kollege vom DJ-Pult backstage taumelte, und sofort auf seiner Liege einschlief, schwor ich mir: Du drückst nochmal auf den Adrenalinpegel. Jagst deine Emotionen durch die Maschine. Das war es doch, was mich an Techno immer erfüllte. Meinen Einstieg wählte ich mit Bedacht: Dreiphase feat Dr.Motte Der Klang der Familie, ein Stück, das 1992 deutschen Techno auf die weltweite Landkarte gesetzt hatte. Null Reaktion.

Hatten die das etwa noch nie gehört? Ich schob meine liebsten funky Techno-Maxis nach, feuerte mit 130 Beats per Minute in die Halle. Zu langsam! Gelangweilt hingen die Provinz-Raver am Bartresen, kippten jede Menge Leberkleister um wenigstens die Dampframme im eigenen Kopf zu hören. Irgendwann hatten sie sich tatsächlich soweit: Immer mehr weiße Handschuh-Typen enterten die Tanzfläche, und tanzten nein! - nicht zu meiner Musik. Ihr Rhythmus war schneller, ein nervöses Hüpfen, das sich asymmetrisch zu den Beats verhielt, wie ein Moire-Muster über den Mix legte. DJ-Kunst hin oder her: Ich war vollkommen irrelevant für ihre Party geworden. Und wenn ich mich auf das Wippen der Neon-Schnuller konzentrierte, dann hörte ich auch, was sie hörten: Dong, dong dong!


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ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

0

22.07.2010 - 09:15 Uhr
ThomasCrown

musikalisch hat hannover in der tat eine ziemliche verbrechensstatistik aufzuweisen. passt halt gut zum schützenfest, maschseefest, oktoberfest usw.

plastikfinken
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Mag ich Mag ich nicht

2

22.07.2010 - 09:32 Uhr
plastikfinken

hier ein tolles lied aus hannover. von den scopions. für naturschutz und so zeug und dazu noch auf deutsch.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

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22.07.2010 - 09:40 Uhr
alces

Geil, da springt einer drauf an... nur fällt mir zu Hannover leider nichts mehr ein.

Charlotte94
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Mag ich Mag ich nicht

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22.07.2010 - 13:19 Uhr
Charlotte94

Boaaaa... Es gibt Sachen, da hätte ich mich gefreut, sie nie kennenzulernen - Ein Sweet-Cover von den Scorpions, wie schön ...

tanzdenroboter
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Mag ich Mag ich nicht

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02.08.2010 - 18:18 Uhr
tanzdenroboter

Tja Motte mir gehts ähnlich, nur ich betrachte das von der anderen Seite. Die Zeit dreht sich aber weiter und alles verändert sich. Auch wird nicht selten der Fehler gemacht, das jede Party wieder aufs neue die Superparty werden muss, da geht aber nicht. Manche Partys sind halt nur Partys und manche vergisst man nie. Jede Stadt ist anders. Ich gebe zu Hannover ist teilweise ziemlich eingeschlafen. Da ist aber auch die Stadt dran schuld, die ne zeitlang aktiv gegen unsere guten Clublocations gewirkt hat. Sei es wegen Lärm, Drogen oder Expo. Und ja mit jedem Jahr kommt eine neue Generation hinzu und die feiert anders. Und mit der zunehmenden Verbreitung von Techno und damit verbunden der Kommerzialisierung entstehen auch Massenmanipulationen durch die Industrie. So hat sich Techno für mich von einer freien Form zu einer immer mehr kontrollierten/ja geradezu engstirnisch stilgebundenen Form entwickelt. Ich würde mir nichts lieber wünschen, wie DJ´s, die diese enge Form mal wieder sprengen. Anstatt den ganzen Abend eine Geschwindigkeit zu legen und in Perfektion die ganzen beatstrukturgleichen Stücke zu einer einzig langen monotonen Beatstruktur zusammenzumixen, wünscht ich mir eine mehr variierende Gesamtbeatstruktur für die Partys. Sowohl im Aufbau, wie in der Geschwindigkeit.

Und dann zur Aussage Leben in die Musik bringen vs monoton von Seiten des Dj´s. Hier machen die Dj´s genau das Gegenteil zur Stilbindung. Sie breaken ihre monotonen Songstrukturen wieder auf oder versuchen es. Auch wenn technisch teilweise Meister am Werk sind, bedeutet dies aber für den Dancer eine ständige Unterbrechung (Break) des Songes. Ich habe als Dancer keine Chance in den Song einzutauchen und seinen Rhytmus zu finden, wenn die Dj´s es mal wieder übertreiben. Ich hatte mal die Ehre mit einem Dj Kumpel alleine zu sein und er hat mir ein phänomenales Scratching vorgeführt, was ich nie vergesse werde. Aber dieses Scratching auf der Tanze hätte mich glaube eher gestört? Obwohl es war so gut, vielleicht hätte ich es auch tanzinterpretieren können? Einen guten MC kann ich auch tanzen. Aber was ich hasse ist, wenn Stunden vergehen und jedes für sich durchaus gute Stück immer wieder in die gleiche Gesamtbeatstruktur fällt.

Dann zu den Hannoverkritikern. Ich bin/war manchmal auch nicht begeistert von dem, was Hannover so anbietet. Wenn ich da andere Städte sehe, was die so bieten. Hannover wurde zu stark in der Vergangenheit der "dreckige" Technocharakter aus der Stadt wegoptimiert. Weltspiele und Trance, wohl die beste Zeit, beides ist nicht mehr. War zu "dreckig" und das direkt im Herzen der Stadt. Hanomag, Cyberhouse, Roseclub gibt es auch nicht mehr. Lärmbelästigung, Drogen und die vielen dunklen Gestalten. Wenn ich dort Anwohner gewesen wäre, wäre ich auch froh gewesen, wenn das jemand wegoptimiert hätte. Also alle größeren Orte aus oben genannten Gründen wegoptimiert. Die kleinen Clubs wurden aber auch nicht verschont. Lautstärkeauflagen und Schließungen, wenn zuviel Drogen dort umgeschlagen wurden. Überlebt haben also die leisen (sauberen) Clubs oder Locations die weiter dezentral anzufinden waren. So ist Hannover mehr und mehr zu Minimal und House und auch Schicki Micki (hauptsache wir sehen gut aus) mutiert. Ravehallen und andere Großkrachmacher sind nicht mehr existent in Hannover. Es gibt noch das Bad, wo es etwas größer hergeht manchmal und es waren auch mal in Langenhagen ne zeitlang auf der Pferderennbahn Raves zu finden. Ansonsten musste man auswärts suchen für was Großes. Hier in Hannover ohne Ziel loszugehen bedeutete meist das wird mal wieder House/Minimal. So das ist die Situation in Hannover, "dreckiger" Techno wird hier wegoptimiert oder in Randgebiete verdrängt.

Dann noch kurz zu den "Hannover ist Scheisse" flamern. Ich war auch einmal in Frankfurt im Omen. Alles stand dort und keiner tanzte, weil noch Vorprogram nen Tape lief. Nun ich liebe freie Tanzflächen und die Mucke war gut, also habe ich dort alleine getanzt. Aber wie auf ein Sign, fingen alle zu tanzen an, wie der Dj dann ans Pult ging. Hm, da dachte ich auch, sind die verklemmt, bzw. massengesteuert. Soll ich jetzt aber deshalb sagen Frankfurt ist scheisse, weil es auf einer Party nicht so lief, wie ich es kenne? Ne, da muss ich schon mindestens ein Monat die Partyscene in Frankfurt mitmachen, bevor ich mir ein Urteil erlauben würde. Ich als Hannoveraner habe viele der besten Partys hier in Hannover erlebt, muss aber auch zugeben ich war einmal in Berlin im Bunker nach der Loveparade und das war auch nen Kracher. Bunker ist aber auch ne ganz andere Location, wie ne Halle und es heisst auch nicht, das im Bunker mal Partys laufen könnten, die mir mal nicht gefallen würden. Ich hatte halt an dem Tag ne gute Party dort erlebt. Hannover kommt aber wieder (hoffe ich), auch wenn die Generation von damals nun langsam verjähren. Neue Generationen leben und feiern nunmal anders.

Dann die Sache mit dem Dj und keiner tanzt. Das stelle ich mir schwierig vor, besonders für Dj´s wie Motte. Ein DJ ist normalerweise der, der die Musik aussucht und die anderen (müssen) dann drauf tanzen. Aber ein guter DJ reagiert nunmal auf sein Publikum und wenn da Leute rumstehen, die sich auf meine Musik langweilen, muss ich was ändern. Und wenn keiner sich tanzen traut, lege ich als Dj ne andere Scheibe auf oder gehe selber auf die Tanze. Aber wenn ich natürlich nur ne Kiste extrem stilgebunden dabei habe und dieser Stil ganz und gar nicht das Publikum trifft, dann wird es schwer für den DJ. Jede Party fängt so an, das keiner tanzt. Manch Dj mag da verwöhnt sein, das alleine sein Name ausreicht um Massen auf die Tanze zu bewegen, aber der normale DJ muss erst was dafür tuen, bis die Mengen in Wallung geraten. Erlaubt sind natürlich Tricks, wie in Frankfurt das Vortape oder mitgebrachte Tänzer, denen es nichts ausmacht alleine auf der Tanze hüpfen.

97? Powerjumpen, Abgehen, Breakbeatstrukturen, Trillern, Schreien, bunte Hütte und klar Handschuhe die Leuchten, weil es geil aussieht, wenn man mit den Händen die Flächen der Musik interpretiert, während man mit den Beinen den Beat jumped. Abgehen halt ohne Rücksicht auf Verluste. Scheiss drauf, wie man dann stinkt und aussieht, wenn man durchfeiert. Party !!!

Und dann kommt jemand mit Chigago/Detroit House, mit Funk in die Postmoderne katapultiert? Flummiähnliche aber kraftlose Beatstrukturen, Flächen total verbannt? Das kann nicht passen. Denoch scheint ihr es ja auf Dauer doch geschafft zu haben, Hannover dann damit zu verseuchen. House, House und nochmal House. Das ist (war) Hannover doch jetzt ne sehr lang Zeit. Manchmal wünsche ich mir das Dong Dong Dong und die Neonschnuller von damals zurück. Aber das war ne andere Zeit.

Ansonsten Respekt für Andere, weniger Egoismus und we are all different und Hannoveraner können feiern und auch richtig abgehen, wenn man sie lässt.

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Jonathan Fischer