Schluss gemacht: Kai und Lisa
Text: wlada-kolosowa - Illustration: katharina-bitzl
Kai und Lisa, waren ein Jahr zusammen und sind seit zwei getrennt. In der vierten Folge unserer Kolumne erzählen beide vom Ende vor dem richtigen Anfang.
Lisa, 22, erzählt:
Ich bin mir heute nicht ganz sicher: War es eine Sommergeschichte, die wir versehentlich ins nächste Kapitel mitgenommen haben. Oder war es etwas Großes, Echtes, das viel mehr gekonnt hätte, wenn wir es nur zugelassen hätten?
Als Kai und ich uns kennenlernten war alles schnell, intensiv, Verstandesüberschattend. Es war April. Ich lernte fürs Abi, hatte es im Kopf längst schon. Auf meinem Computer waren immer gleichzeitig zehn Uni-Homepages offen, die Zukunft war es auch - von Greifswald nach Konstanz, von Meeresbiologie bis Sinologie. Mein altes Leben war zur Hälfe in Kartons verstaut, der IKEA-Katalog voller Eselsohren. Eigentlich war es die verkehrteste Zeit für den Anfang großer Gefühle und vermutlich genau deshalb die empfänglichste. Vielleicht habe ich die Aufregung dieser Umbruchzeit auf Kai projiziert. Vielleicht rissen wir alle Wände zwischen uns so bereitwillig ein, weil sich alles so spielerisch, so Konsequenzen-los anfühlte. Vielleicht war es aber auch, weil von Kai das Leben herüberwehte, das ich kaum abwarten konnte.
Kein Müsli, immer Bier
Kai studierte Medizin, viertes Semester. Er wohnte mit drei Kumpels in einer Dachgeschoss-WG, in der es selten Frühstücksmüsli gab, dafür immer Bier. Das erste Mal, als ich über Nacht blieb, platze sein Mitbewohner Falk herein. Es war Mai, unter dem Dach waren es über 30 Grad. Kai und ich lagen ineinanderverknotet und splitterfasernackt auf der Bettdecke. Anstatt stammelnd die Tür zu schließen, steckte Falk den Kopf in den Türspalt, sagte, was er zu sagen hatte und rief zum Abschied „nette Brüste“. Ich konnte mich vor Peinlichkeit kaum rühren. Und gleichzeitig freute ich mich auf dieses neue Leben, in dem nackte Brüste eine Selbstverständlichkeit sind und die tolerante Mama nicht mehr dem nächtlichen Besuch über die Frühstücksmarmelade zublinzelt.
Als ich selbst auszog, nach Köln, vier Stunden mit dem Zug von der Heimatstadt entfernt, büßte Kais Leben ein wenig an Glamour ein. Ich hatte es plötzlich alles selbst: Nudeln mit Ketchup, mit Tesa befestigte Klopapierhalter, Freiheit. Zuerst fuhr ich alle zwei Wochen nach Hause, dann alle drei, irgendwann nur an langen Wochenenden. Ich war immer noch gern bei Kai. Aber irgendwie hatte ich es verpasst, ihn in mein neues Leben mitzunehmen. Wir telefonierten zwar immer noch fast jeden Tag. „Ja, und sonst so?“ schlich sich aber immer öfter in unsere Gespräche ein und „Ich vermiss dich“ vor dem Auflegen fühlte sich immer floskelhafter an.
Wer gesteht zuerst?
Im zweiten Semester schwiegen wir auch ohne Telefon nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander. Jedes mal, wenn Kai mich in den Zug setzte, hatte ich das Gefühl, dass er ein bisschen aufatmet. Wir stritten uns nicht. Wir nervten uns nicht. Aber dieses Gefühl, dass man ein Mensch ist, der nur aus Versehen auf zwei Körper verteilt wurde, kam nie mehr auf. Und irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es nicht nur Regentage waren, nach denen die Sonne scheint, und auch keine verregnete Saison, sondern das normale miese Wetter.
In den letzten Monaten war es ein bisschen wie im Gefangendilemma. Wer gesteht zuerst? Kai war derjenige, der Schluss machte. Wir lagen auf seiner verwaschenen Bettwäsche, deren Muster ich in- und auswendig kannte. Ich weinte nicht, packte mein Zeug, fuhr nach Hause. Ich musste am selben Tag noch beim Umzug mithelfen: Meine Eltern zogen vom großen alten Haus am Stadtrand in ein kleineres im Zentrum. Für mein eigenes Zimmer gab es dort kein Platz mehr, meine Möbel wurden weggegeben. Mutter sagte: Du bist da eh rausgewachsen. Ich dachte damals: Vielleicht war es mit meinen Exfreunden so ähnlich? Oder haben wir etwas Großartiges im Keime erstickt?
Auf der nächsten Seite erzählt Kai vom Ende der Liebe.