11.07.2010 - 18:00 Uhr

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Schubladen

Text: rednoosedrentier

Der Linienbus 21 ist voll. Die 40 Sitzplätze sind restlos belegt und weitere 17 Personen stehen im Gang. 57 Leute schauen durch die verdreckten Scheiben hinaus und sehen den grauen Beton. Es ist früh am Morgen, 6.15 Uhr und müde sind nicht nur die Blicke die sich ab und an zwischen den Leibern begegnen. Wie das Leben zieht die Stadt an den saftlosen Gestalten im Bus vorbei. Nächste Haltestelle: Rathaus. Im hinteren Teil des Fahrzeugs klingelt ein Handy. Ein Mädchen hebt ab: „Hi Tom“ flüstert sie. Ihre Stimme klingt sanft und freundlich. Ein älterer Mann mit Hornbrille und Handtasche sitzt ihr gegenüber. Er schaut das Mädchen an. Sie ist hübsch und jung und so betrachtet er sie von oben bis unten. Für ihn ist sie ein Objekt. Er könnte sie möge; könnte wie mit seiner Enkeltochter mit ihr Schach spielen und ihr Geschichten von früher erzählen. Sie könnten gemeinsam lachen und er würde sie gern haben. Doch jetzt ist sie ein Objekt. Eine Gestalt ohne Inhalt und das erlaubt es ihm, sie auch auf diese Weise zu betrachten. Durch die Spiegelung im Fenster beobachtet ein anderer Fahrgast die Szene. Er sieht wie der ältere Mann das Mädchen mustert. Wie seine Blicke ihre Brüste streifen und dann für Sekunden daran hängen bleiben. Er verachtet den alten Mann für sein lüsternes Verhalten, dabei bemerkt er es nicht, wie auch er das Mädchen schon ständig begafft. Er beschließt, sich nicht länger damit abzugeben und wendet den Blick ab. Er hat so etwas nicht nötig! Dann steht er auf, drückt den Halteknopf und bewegt sich in Richtung Ausgangstür. Ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter am Platz vor der Ausgangstür sitzt, erblickt den Mann, der gerade auf sie zu kommt. Schon zuvor hatte sie ihn gesehen, wie er immer wieder das Mädchen mit dem rosafarbenen Handy und den Opa, der ihr gegenüber sitzt, betrachtete. Der Mann ist schick gekleidet. Er trägt einen schönen Anzug und er ist groß und kräftig. Als er näher zur Türe kommt treffen sich ihre Blicke und er lächelt sie kurz an. In diesem Moment muss sie an ihren Vater denken: Gestern hat sie sich an der Schublade mit den Süßigkeiten bedient. Dann hat er sie geschlagen und sie angebrüllt, ist davongelaufen und seitdem nicht mehr nach Hause gekommen. So wie der Mann im Bus hat er sie noch nie angelächelt. Sie lächelt zurück. Der Bus hält an und einige Fahrgäste steigen aus. Bevor er weiterfährt, wirft der Busfahrer einen prüfenden Blick durch seinen Rückspiegel zur Hintertür. Für einen kurzen Moment sieht er ein Mädchen, das freudestrahlend neben seiner Mutter bei der Ausgangstür sitzt. Das Kind sieht sehr glücklich aus. Ein bitteres Gefühl steigt in ihm auf, denn jetzt muss er unweigerlich an seine Kindheit denken. Er kann sich nicht erinnern jemals glücklich grinsend mit seiner Mutter im Linienbus gesessen zu sein. Dieses Mädchen lebt sicher in einem der wohlhabenden Stadtviertel und so wie sie grinst, muss es ihr dort sehr gut gehen. Bestimmt geht sie jeden Sonntag mit ihrem Vater ins Schwimmbad oder ins Kino oder ins Kindertheater. So etwas hatte er nicht. Am Straßenrand steht eine Frau. Als sie gerade die Straße überqueren will, bemerkt sie von links einen schnell heranfahrenden Bus. Es ist der 21er. Der Busfahrer hupt und sie schafft es gerade noch rechtzeitig zurück auf den Bordstein. Verärgert ruft der Busfahrer ihr etwas zu, doch sie kann es nicht hören. Ein paar Insassen starren ihr nach. „Idioten!“ denkt sie und geht über die Straße.


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1 Kommentar

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vabene
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.07.2010 - 12:01 Uhr
vabene

ja fein

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rednoosedrentier

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