Es war einmal ein Winterschlaf.
Text: sockenschublade
März 2010.
Das Bett ist frisch bezogen, das Schlafzimmer gesaugt, die Kisten sind verstaut, das Badezimmer ist gewischt und sogar der Spiegel ist sauber. Weil du dein Spiegelbild dieser Tage wieder lieber betrachtest und es dir egal ist, dass da schon die ersten Lachfalten zu sein scheinen oder dass dein Haaransatz blond ist, nicht zum falschen Braun passt. Der Winterschlaf ist vorbei. Von Frühjahrsmüdigkeit keine Spur. Dieses Jahr nennst du es Frühlingsleichtigkeit und lächelst den kleinen Mädchen mit Blümchenkleidern auf der Straße noch freundlicher zu. Alles fällt ein wenig leichter, seitdem die Temperaturen wieder über 0 sind: Das Aufstehen, das Teekochen, das Umschlagen der letzten Buchseiten, das Tasten nach dem Lichtschalter, das Sortieren der Schmutzwäsche, das Sichselbstredenhören, das Kramen nach dem Einkaufszettel oder dem letzten Geldschein, das Zücken des Haustürschlüssels. Man kommt lieber nach Hause, nachdem man lieber das Haus verlassen hat. Der Kakao im Lieblingscafé schmeckt besser, die Kassiererin sieht nicht mehr ganz so furchteinflößend ein, der Postbote bringt endlich die richtigen Briefe. Du sortierst deinen Schmuck nach Farben, streichst sanft mit deinen Fingerspitzen über die Shorts im Kleiderschrank, kaufst im Supermarkt fast eine Sonnenbrille – die sechste. Die Ferien sind nah, der Burnout nicht mehr. Wenn du jetzt weinst, dann ist es Erleichterung, vielleicht Vorfreude, oder aber Dankbarkeit. Du lächelst unter deinen Tränen und spürst dich selbst stärker als je zuvor. Du möchtest jetzt schon Erinnerungsfotos des Sommerurlaubs einkleben, damit prahlen können, in zwei Wochen langweiligem Schweizurlaub alle drei Stieg Larsons gelesen zu haben („Ich dachte, das würde ich niemals schaffen!“) und die Lieblingseissorte der Saison küren. Du möchtest um fünf Uhr aufstehen und das Zwitschern der Vögel bei geöffnetem Fenster hören, während du Kaffee trinkst und in deinem Sommerkleid, das komische Falten wirft, auf der Fensterbank hockst und darauf wartest, dass ein weiterer Tag der schier endlosen Sommerferien anbricht und dich zu einem neuen Menschen macht. Wieder und wieder. Du willst mit dem Auto über Autobahnen rasen, während deine Mutter sich auf dem Beifahrersitz festkrallt und sich fragt, wer dir beigebracht hat sich zu trauen, das Gaspedal bis 180 durchzutreten. Du willst die Welt umarmen, obwohl es draußen gerade einmal fünf Grad hat, der Sommer noch fern ist und niemand außer dir den zarten Waschmittelgeruch der Bettwäsche wahrnimmt. Niemand weiß, warum du so entrückt strahlst, wenn die Haustür hinter dir ins Schloss fällt, aber das ist egal, denn: Du weißt es.
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