09.07.2010 - 14:23 Uhr

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Der Kost ist frei.

Text: sockenschublade

März 2010. Der Knoten ist geplatzt, irgendwann gestern, nach meiner Prüfung. Plötzlich ist wieder alles Inspiration, mein Lächeln gelöster, die Rührungstränen fließen schneller. Ein entrücktes Quietschen, wenn man einen kleinen, weißen Pudel in der Fußgängerzone sieht, wenn ein LKW direkt vor dir auf die Landstraße zieht, und du von 100 auf knapp 60 herunterbremsen musst, wenn du erzählst „SCHEIßE, ICH HABE BESTANDEN!“, weil du selbst nicht so ganz damit gerechnet hast. Im Café fällt dir wieder auf, dass die Mutter am Nebentisch ihre völlige Verkrampftheit und Hysterie auf den kleinen Leon überträgt, der nicht mehr essen will, mit einem Buntstift nach seinem Opa wirft und überhaupt einfach nur noch nach Hause zu wollen scheint. Ich will dieser Tage nicht mehr einfach nur nach Hause – nein, ich will hinaus. Draußen kitzeln die allerersten Frühlingssonnenstrahlen an der Nase, der Schneeschieber kann bald in den Frühlingsschlaf verabschiedet werden und kommt hoffentlich im kommenden Dezember nur ganz kurz zum Einsatz, die Leute wünschen sich wieder ein schönes Wochenende, weil es nicht mehr ganz so unmöglich scheint. In der Buchhandlung lächelst du über die sehr junge, völlig entspannte und laute Mutter, die ihre Töchter Lieselotte und Luise genannt hat und die Geräuschkullise der großen Holzeisenbahn im Kinderbereich glaubwürdig nachstellt. Du denkst: So will ich auch mal werden. Du kannst und willst nicht glauben, dass du vielleicht eher wie die Mutter des kleinen Leons wirst, weil du dann schon jetzt wüsstest, dass deine Ideale irgendwann verloren gehen, dass du wieder weniger lachen wirst und nicht mehr alles Inspiration ist. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem du nicht mehr über das dreieckige Hinweisschild mit dem Ausrufezeichen, unter dem „SENIORENHEIM!“ steht, lachen kannst, nicht mehr zu viel Cola light trinkst und morgens um sechs Erdbeer-Rhababer-Tee mit dem Namen „Pure Lust“ in dich hineinschüttest. Vielleicht bist du irgendwann wie deine Eltern oder schlimmer, wie Angela Merkel oder Veronika Ferres. Vielleicht gehst du jeden Wochentag in diese kleine Bankfiliale und sortierst Überweisungsscheine und Kontoüberziehungsmahnungen, statt die Welt zu retten, wie du es noch mit 18 wolltest. Vielleicht bist du du, aber nicht das Du, das du einst sein wolltest. Vielleicht ist das einzige was zählt, dass man überhaupt noch man selbst ist und das Aufstehen nicht so schlimm ist, wie man es sich mit 18 für einen Bankmitarbeiter ausgemalt hat. Vielleicht kommst du klar und lächelst zwar seltener, aber immer noch oft genug. Vielleicht aber auch nicht.


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