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Nach dem Diplom kommt der Gerichtsvollzieher

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Über 50 Studierenden der Hamburger „Hochschule für bildende Künste“ (HfbK Hamburg) steht die Pfändung ihres Eigentums bevor. Vollstreckungsbeamte suchten in den letzten 14 Tagen wiederholt Studierende in ihren Wohnungen auf, um ausstehende Studiengebühren einzutreiben. Der Auslöser für die eingeleiteten Vollstreckungsverfahren liegt in dem seit 2007 an der HfbK Hamburg laufenden Boykott der Allgemeinen Studiengebühren. Jetzt.de sprach mit dem 26 Jahre alten Maximilian Wondrak, der seit seinem HfbK-Abschluss in Berlin lebt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Jetzt.de: Max, du hast von 2005 bis 2010 „Visuelle Kommunikation und Medien“ an der HfbK Hamburg studiert. Hast du das Studium als wertvoll empfunden? Max: Die Zeit an der Uni war als Lebensphase sehr wertvoll. Die Leute, die ich da kennengelernt habe, möchte ich nicht missen. Das Studium aber hätte nicht sein müssen. Hast du deshalb keine Studiengebühren bezahlt? Ich habe aus Prinzip nicht gezahlt. Kein einziges Semester. Meine Eltern haben mich zwar unterstützt - sie hätten sogar die Studiengebühren bezahlt – aber ich wollte das nicht. Ein Studium darf nämlich nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Es sollte nichts kosten und es muss für alle zugänglich sein. Das ist für mich ein Grundrecht. Ich hätte sonst niemals angefangen zu studieren. Warum nicht? Weil das Kunstdiplom für so viel Geld zu wenig wert ist. 5000 Euro für einen Abschluss zu bezahlen, mit dem ich letztlich nicht arbeitsmarkttauglich bin, ist einfach zu teuer. Stattdessen hätte ich eine Ausbildung mit weniger weltfremden Schwierigkeiten gemacht. Du hast drei Jahre lang keine Gebühren bezahlt. Bist du denn nicht exmatrikuliert worden? Nein, alles lief reibungslos. Ich habe jedes Semester meinen Semesterbeitrag von zirka 250 Euro bezahlt und dafür Fahrticket und die Immatrikulationsbestätigung bekommen, habe meine Diplomarbeit gemacht und mein Studium beendet. Und das, obwohl ich bei der praktischen Prüfung ein T-Shirt mit der Aufschrift „Hfbk, Danke für nichts“ als Ausdruck meiner Unzufriedenheit trug. Ich fühle mich von Seiten der Hochschulleitung allein gelassen, denn Sie hätte die Macht, die Studiengebühren zu kippen. Stattdessen droht sie den Studenten mit Exmatrikulation. Noch ist das aber eine rechtliche Grauzone. Der Boykott von Studiengebühren reicht noch nicht aus, um jemanden ohne weiteres zu exmatrikulieren. Deshalb hält sich die Hochschule nach innen hin bedeckt und lässt dann den Druck von staatlicher Ebene erfolgen. Warst du dir da schon immer so sicher? Hattest du denn nicht Angst plötzlich auf der Straße zu stehen? Natürlich hatte ich auch Bammel. Aber der AStA bezahlte zwei Anwälte, die uns rechtlichen Beistand gaben und sagten, wie wir uns verhalten sollen. Auch die wiederholten Mahnungen konnte ich mir nur dank dem AStA leisten. Wann fingen dann die Probleme genau an? Als die Hochschule den „Fall des zahlungsunwilligen Studenten“ zur Vollstreckung an die Kasse Hamburg übermittelte. Die Forderung bezog sich auf Studiengebühren für das Wintersemester 2007. Das ist drei Jahre her und außerdem hatte ich mein Studium schon längst beendet. Zunächst gab es etliche Mahnungen, dann Pfändungsankündigungen und letzlich fast täglich Besuche von Finanzbeamten. Allerdings habe ich die Türe nie geöffnet. Wären deine Sachen sonst gepfändet worden? Das Problem ist, dass ich nichts besitze, was zu pfänden wäre. Ich habe zwar einen Mac, aber das ist mein Arbeitsgerät. Der fällt ja dann wohl unter das Prädikat „unpfändbar“. Aber ich wollte es nicht darauf ankommen lassen, da ich auch noch eine Stereoanlage und DVDs besitze, die zwar nicht viel wert sind, mir aber immateriell sehr wichtig sind. Wie ging es dann weiter? Von einem Tag auf den anderen, war mein Konto – ganz ohne Vorwarnung – gesperrt. Das war auch noch ein Freitagabend. Also hatte ich ein Wochenende lang kein Geld zur Verfügung. Als ich am Montag zur Bank bin, waren 500 Euro weniger drauf – abgebucht von der Kasse Berlin. Wieso nun die Kasse Berlin? Ich bin zwischenzeitlich von Hamburg nach Berlin umgezogen. Ich dachte auch, dass damit die ständigen Forderungen und Mahnungsbescheide ein Ende hätten. Aber von der einen Kasse wurde die Forderung an die andere Kasse gesendet. Die geben halt nie auf! Und jetzt haben sie es sich ohne meine Einwilligung genommen. Wieso hast du keinen Einspruch eingelegt? Ich hatte einfach keinen Nerv mehr dafür. Und um die Zeit wäre es mir auch zu schade gewesen. Glaubst du es kommen noch weitere Forderungen auf dich zu? Ich erwarte es sogar. Womit verdienst du denn jetzt dein Geld? Ich versuche mein Geld als selbstständiger Künstler, Illustrator, Graphikdesigner und Filmemacher zu verdienen. Das reicht aber noch bei weitem nicht aus. Deshalb bin ich zusätzlich auf Hartz-IV angewiesen, um einigermaßen leben zu können. Bereust du das Studium im Rückblick? Das Diplom hat mir schon Türen geöffnet. Ob ich es ein zweites Mal machen würde, weiß ich nicht. Den Boykott habe ich immer als Experiment gesehen mit dem Ziel, so lange wie möglich durchzuhalten. Aber irgendwann kommt es dann doch zu einem Ende.

Text: ulrike-schuster - Foto: privat

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