01.07.2010 - 18:30 Uhr

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Liebe Linke

Text: philipp-mattheis

Unser Autor ist sich seit Mittwochabend endlich sicher, dass er nie "Die Linke" wählen wird. Ein Abschiedbrief

Liebe Linke, wer behauptet, er könne seine politische Einstellung frei wählen, der lügt. Ob wir konservativ, rechts, links oder grün sind, wird meist durch unser Elternhaus bestimmt – und wenn es den Pol festsetzt, gegen den man rebelliert. Ich wuchs auf mit einem Opa, der als Bierbrauer sieben Kinder ernährte und 40 Jahre lang die SPD wählte. Mein Vater verehrte Willy Brandt und hatte Verständnis für Oskar Lafontaine, als dieser 1999 sein Amt als Finanzminister hinwarf, weil die Partei Brandts keine deutschen Soldaten ins Ausland schicken sollte. Ich fand es tragisch, dass es ausgerechnet die SPD sein musste, die mit den Hartz-Reformen die größten Einschnitte ins soziale Netz vornahm. Ich hatte Verständnis für deren Notwendigkeit, aber ich hatte mindestens ebenso viel Verständnis für Menschen, die in der SPD nun keine Heimat mehr sehen konnten und daraufhin die WASG gründeten. Mir kam Oskar Lafontaine zwar immer eitel und machtfixiert vor, aber ich gestand ihm auch Konsequenz und Geradlinigkeit zu. Ich verstehe, dass ein wirtschaftlich so vernetztes Land wie Deutschland eine internationale Verantwortung trägt und dass dies – so traurig es ist – auch manchmal Krieg bedeuten kann (oder „kriegsähnliche Zustände“). Noch besser verstehe ich aber Menschen, die der Meinung sind, deutsche Soldaten haben in den letzten 100 Jahren genug Leid verursacht. Es ist naiv und dumm, „gegen die Globalisierung“ zu sein, aber ich verstehe jeden, dem die wachsende Macht von wenigen internationalen Großkonzernen unheimlich ist. Ich weiß, dass Che Guevara ein Mörder und kein Popstar war, aber mir ist sein Gesicht auf T-Shirts immer noch lieber als Eiserne Kreuze und chauvinistische Deutschtümelei. Es ist schwierig geworden, zu definieren, was heute „links“ bedeutet, aber im Zweifel war mir das schwammige Attribut immer lieber, als mich "rechts" einzuordnen. Manchmal kamst du, liebe Linke, mir mit deinen Positionen ein bisschen nostalgisch und weltfremd vor; als gäbe es noch gute, ehrliche Arbeiter die gegen Kapitalisten mit schwarzen Zylinder kämpften. Es war, als träumtest du einen alten Traum, den andere längst aufgegeben hatten. Aber Träumer sind nicht unsympathisch und mit Gregor Gysi hast du einen der charismatischsten und klügsten Politiker dieses Landes in deinen Reihen. Ich kann mich an einige Male erinnern, an denen ich die Fragen des Wahl-O-Mats beantwortete und am Ende hatte ich nicht die meisten Übereinstimmungen mit der Partei, die ich immer wähle, sondern mit dir. Warum ich dich dann trotzdem nicht wählte, lag daran, dass ich meine Stimme nicht ehemaligen Stasi-Spitzeln und Parteibonzen geben wollte. Ich weiß, irgendwann muss man auch vergessen können und nach vorne blicken. Mit Kiesinger war ja in den Sechzigern auch ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler der BRD. Und schließlich gibt es in Deutschland seit Jahren eine Mehrheit links der Mitte und die kann nicht ewig von einer Minderheit rechts der Mitte regiert werden. Unter den Patt-Situationen in Hessen und Nordrhein-Westfalen leiden alle, am meisten aber die Wähler. Früher oder später müsste und würde es wohl eine rot-rot-grüne Koalition im Bund geben. Und diese neue Verantwortung würde die letzten Irren aus deinen Reihen realistischer werden lassen. Vorher aber wäre eine deutliche Distanzierung von Mauerschützen, Stasi-Spitzeltum, Antisemitismus und Kommunismus gut und notwendig gewesen. Was du am Mittwochabend bei der Wahl des Bundespräsidenten getan hast, war jedoch genau das Gegenteil. Joachim Gauck stand für Aufarbeitung und Neuanfang, Luc Jochimsen für Trotz und Immer-Dagegensein. Gauck ist Ostdeutscher und er steht für all die Menschen, die 1989 das Wunder vollbracht haben, den Unrechtsstaat DDR friedlich kollabieren zu lassen. Nachdem du im dritten Wahlgang darauf verzichtet hast, die Kandidatin Luc Jochimsen nochmals antreten zu lassen, stimmtest du trotzdem nicht für Joachim Gauck, sondern enthieltest dich der Stimmen. Besser hättest du dein ewiges Dagegensein nicht ausdrücken können: Deutschland hat jetzt einen konservativen Bundespräsidenten namens Christian Wulff, den niemand haben will. Anstatt endlich das notwendige Zeichen zu setzen – für ein neues, modernes Linkssein, das sich von den Betonköpfen der Vergangenheit emanzipiert hat – hast du gezeigt, wie sehr du in Ostalgie, DDR-Verklärung und Stasi-Beschönigung verhaftet bist. Du hast all den Leuten, die lange Hoffnung auf eine junge, linke Partei gesetzt hatten, gezeigt, dass du noch immer mit einem Bein in der DDR stehst und deine gesellschaftsliberalen Positionen politische Kosmetik sind. Mir wäre es am liebsten, wenn du von nun an dorthin verschwindest, wo du hingehörst: In den Sumpf unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Viele Grüße noch


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tiltx
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Mag ich Mag ich nicht

6

01.07.2010 - 19:28 Uhr
tiltx

soylentyellow sagte:
Offiziell hat die Linke Gauck nicht gewähltweil er für Hartz IV und Afghanistankrieg ist (so habe ich das jedenfalls irgendwo gelesen) - nur dumm wenn es dann halt trotzdem so rüberkommt als habe man Gauck nicht gewählt weil der mal die Gauck-Behörde gleitet hat.


Genau das kritisiere ich. Wieso KOMMT es denn so rüber? Doch weil es von den Poltikern der SPD und Grünen sofort so herausposaunt wird um es in den Medien hoch und runter-eiern zu lassen und das Thema besetzt und gleich beantwortet zu haben. Der Autor kritisiert die Linksabgeordneten Pauschal als ehemalige Stasispitzel und Parteibonzen ohne zu merken, dass er in weniger als einem halben Tag 1:1 die Meinung der jetzigen Parteibonzen übernommen hat (siehe die SPD&Grünen-Meldungen zur Zeit auf sz.de).

by the way... "Offiziell" klingt ja wie als wüsstest du, das jeder der Wahlmänner und -frauen der Linkspartei in Wirklichkeit die Mauer wieder haben wollen. Das ist sehr weit aus dem Fenster gelehnt, und zeigt meiner Meinung nach wie sehr die veröffentlichte Meinung in jedermanns Kopf gedrückt wird und die Linke erfolgreich in die Rolle des Partei-Parias gedrängt wird. Hagen Rether hat dazu mal gutes gesagt.


Warum haben die Linken dann nicht ihre unique selling proposition (kategorisch gegen Krieg sein - das sind noch nicht einmal die Grünen) dadurch ausgebaut dass sie glaubwürdig darlegen dass sie kein Problem mit ihrer Vergangenheit haben (Nachfolgepartei der PDS und die war Nachfolgepartei der SED) und deshalb FÜR Gauck stimmen


Das Verstehe ich nicht, denn Gauck war a) für den Afghanistaneinsatz und b) auch recht zufrieden mit der wirtschaftlichen Richtung der jetzigen Koalition und in Verlängerung auch der der rot-grünen zuvor. Wie hätte die Linke hier mit einer Wahl Gaucks ihre USPs bewiesen?

Poca_hno_tas
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14

01.07.2010 - 19:29 Uhr
Poca_hno_tas

Gauck hätte schon im ersten Wahlgang zum Bundespräsidenten gewählt werden können, wenn die Linken anstatt für Luc Jochimsen geschlossen für ihn votiert hätten. Das wäre ein Überraschungscoup (und zugleich kluger Schachzug) gewesen, der Angela Merkel vermutlich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt hätte.

Spätestens seit gestern aber ist die Linke für mich komplett unwählbar geworden. Die Argumente, die die Linke gegen Gauck vorgebracht hat, sind Scheinargumente, wer so borniert dagegen ist, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und stattdessen versucht, die Schuld auf die anderen abzuwälzen, der ist noch nicht in der Demokratie angekommen, der tritt die Demokratie mit Füßen und verhöhnt sie dabei auch noch.

Ich bin mir sicher, dass sich die Linke mit diesem selbstherrlichen Affentheater bei einem großen Teil ihrer (West-)Wähler unmöglich gemacht hat.

vorratsdatenspeicherung
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1

01.07.2010 - 19:33 Uhr
vorratsdatenspeicherung

tiltx: Natürlich wollen auch die (meisten) Linken die Mauer nicht wieder. Aber sie bräuchten sie bald, wenn sie ne Weile große Politik machen dürften.

Inko_Gnito
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4

01.07.2010 - 19:35 Uhr
Inko_Gnito

tiltx sagte:
... Das ist sehr weit aus dem Fenster gelehnt, und zeigt meiner Meinung nach wie sehr die veröffentlichte Meinung in jedermanns Kopf gedrückt wird und die Linke erfolgreich in die Rolle des Partei-Parias gedrängt wird.

Och, das haben die sehr schön alleine geschafft, und zwar sehr konsequent seit 1989.

smaennchen
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1

01.07.2010 - 19:45 Uhr
smaennchen

zEeeEeee sagte:
Gauck ist ein neoliberaler. Das die Linke ihn nicht wählt war doch klar.


Aha, Gauck wollte die Linke nicht, weil er ein Neoliberaler ist. Stattdessen machte sie dann Wulff möglich, der was ist? Ich meine, wie rechtfertigt die Linke ihre - indirekte - Wahl von Christian Wulff? Sicher nicht mit der Argumentation, dass Gauck neoliberaler ist als Wulff bzw. Wulff linker als Gauck, oder?

tiltx
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2

01.07.2010 - 19:47 Uhr
tiltx

Poca_hno_tas sagte:
Gauck hätte schon im ersten Wahlgang zum Bundespräsidenten gewählt werden können, wenn die Linken anstatt für Luc Jochimsen geschlossen für ihn votiert hätten. Das wäre ein Überraschungscoup (und zugleich kluger Schachzug) gewesen, der Angela Merkel vermutlich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt hätte.


Merkel ist auch jetzt sturmreif geschossen worden. Womöglich sitzt sie aber noch gemütlich 3 Jahre ab, wer weiß das schon. Der Überraschungscoup ist übrigens von vornherein verhindert worden, als Gauck die Linke nochmal schön als überflüssig und verfassungsfeindlich bezeichnet hat. Nicht gerade ein Zeichen von versöhnlichem, präsidialem Gehabe, besonders nicht wenn man die Stimmen der Linken haben möchte.
Ich bin mir sicher, hätten die Linken dennoch für Gauck gestimmt, hätten genausoviele Leute "Abschiedsbriefe" geschrieben, und die Linken wären dafür von CDU-CSU-Seite angegiftet worden.

der tritt die Demokratie mit Füßen und verhöhnt sie dabei auch noch.


Ich glaube das mit dem verhöhnen der Demokratie trifft eher auf die ganze Posse seit Köhlers Rücktritt zu.

docfalcon
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-24

01.07.2010 - 19:53 Uhr
docfalcon

Lieber Mattheis.
Unreflektiertes Kleines-Dummes-Jungen-Gesabbel. Mögest du dahin verschwinden, wo du hin gehörst: In die Arbeitslosenkolonnen des "Qualitätsjournalismus". Viele Kommentatoren hier haben schon sehr deutlich erklärt, warum du auf fast allen Sachebenen in diesem Text falsch liegst: Die Sozen hatten es in der Hand, einen wahren Coup zu landen. Aber sich nun hinstellen und sagen: "Die Linke ist schuld" ist völlig deppert. Und den Schuh zieht sich z.B. Bodo Ramelow mit Recht nicht an.
Guter Rat vom Arbeitsamt: Hirn an bevor die Tastatur benutzt wird....

Bantha
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0

01.07.2010 - 20:05 Uhr
Bantha

Im Großen und Ganzen stimme ich dem Artikel zu. obwohl ich mich nicht zeitlebens als Linker gefühlt habe. Ich habe durchaus den Eindruck das die Linke sich geistig nicht von der DDR getrennt hat, auch viele von den West-Linken haben da merkwürdig ostalgische Ansichten. Immerhin ist rot-rot-grün in NRW gerade an der Frage gescheitert ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Das Ende der DDR hat begonnen als die Bürgerrechtler eine massive, landesweite Wahlfälschung nachgewiesen haben, die von der Regierung gedeckt wurde. Soll das etwa ein Rechtsstaat sein?

Ich weiss nicht ob Herr Gauck zu viel für die Linken war. Laut Oskar Lafontaine liegt es ja nicht an der Gauck-Behörde oder Gauck's Ablehung für die Linken, sondern an seiner Haltung zum Afghanistankonflikt und zu den sozialen Einschnitten.

SPD und Grüne haben beidem auch zugestimmt. Wenn die Linke wegen diesen Gründen nicht Gauck wählen kann, dann kann wohl auch keine rot-rot-grüne Koalition im Bund funktionieren.

Wenn die Linke lieber ihre alten Träume träumt anstatt sich mit den Realitäten zu beschäftigen - bitte. Für mich ist sie unwählbar.

Eine vernünftige Linke wäre eine Bereicherung. Diese müsste sich aber klar von den Praktiken in der DDR lossagen und müsste weniger dogmatisch sein als sich die Westerwelle-FDP heute aufführt. Davon ist die heutige Linke aber weit entfernt.

Henriettesbimmelbahn
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0

01.07.2010 - 20:09 Uhr
Henriettesbimmelbahn

Die_Eintagsfliege sagte:
hinez sagte:
Als ich die Überschrift las, dachte ich noch: "Na das kann ja was werden." Der Text selbst war dann aber richtig gut. Spricht mir aus der Seele.


Hm. Ich fand den Text weniger gut, lediglich letzter Absatz war klasse.


Also ich, ich fand ja den ersten Absatz voll gut, den zweiten so mittel und beim dritten Absatz vergeb ich eine 1 mit Marienkäfer und Sternchen

bavariandude
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1

01.07.2010 - 20:13 Uhr
bavariandude

Gefällt mir!!!

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