Ich meide die Universität
Soll ich studieren, nur, weil ich es kann? Unsere Autorin erzählt, warum sie trotz Abitur Abstand von der Hochschule nimmt
Ein lauer Sommerabend in meinem Heimatdorf. Wir sitzen auf der Terrasse des Elternhauses einer Freundin. Wir, das sind gut zwei Dutzend junge Leute, die sich alle noch vom Gymnasium kennen. Selbst bei den jüngsten von uns, und dazu gehöre ich, ist das Abitur nun schon zwei Jahre her. Bis auf mich und einen Jungen, der gerade seinen Zivildienst um ein Jahr verlängert hat, sind mittlerweile alle stolze Studenten. Und während ich da so sitze und mich die Erzählungen von „Ersti-Partys“, Klausurenstress und WG-Kühlschränken nur müde nicken lassen, weiß ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis gleich das „Und wann fängt bei dir das Studium an?“-Fass aufgemacht wird. Schließlich sitzt auch Lottes Mutter neben mir. Und besorgte Mütter sind gut im Fass aufmachen. Da geht es auch schon wieder los: „Und, wann . . .“ Ich greife nach meinem Weinglas, blicke trinkend in den dunklen Nachthimmel und suche nach den passenden Worten. Es ist nicht leicht, sein nichtstudentisches Leben zu rechtfertigen. Allein die Frage nach dem Studienbeginn offenbart ja schon, dass es sich zumindest für die Mutter eines Abiturienten bei dem Studium um die erwartete Konsequenz seines Schulabschlusses handelt. Wer einmal etwas werden will, der muss studieren. Ohne akademischen Abschluss ist man heutzutage schließlich gar nichts. Macht man dennoch lieber eine Tischlerlehre, ist das zwar schon kritisch, aber noch in Ordnung. Es folgt dann ein zwangstolerantes „Ist eben nichts für den Jungen, so ein Studium“ (was dem leicht respektlosen Satz „Was er nicht im Kopf hat, hat er eben in den Händen“ bedrohlich nah kommt). Aber immerhin: Er bildet sich fort. Täte er das nicht, geriete er sehr leicht in Verdacht, ein fauler und interessenloser Flegel zu sein. Ich passe in keines dieser beiden Muster und stehe etwas ratlos dazwischen. Weder bin ich faul, noch interessenlos. Ich kann mit dem Gedanken zu Studieren im Grunde nämlich sehr viel anfangen. Deshalb habe ich ja überhaupt erst mein Abitur gemacht. Ich wollte, dass mir die Türen zu einer großen Karriere offen stehen. Ich wollte die volle Wahlfreiheit. Was ich über das Studium weiß, entspringt den Erzählungen meiner Eltern und ihrer Freunde. Zu deren Zeit war ein Studium eine Überzeugungstat. Es war der Ausdruck einer Sehnsucht nach Weltverbesserung. Bildung war scheinbar der Weg, sein Querdenkertum zu etablieren und all seine Lebensträume Stück für Stück selbst umzusetzen. Das hörte sich nach großer Freiheit und Selbstverwirklichung an. Das entsprach mir sehr. Was ich vom heutigen Bachelor-Studium weiß, stammt aus Erzählungen studierender Freunde. Wenn die von Anwesenheitspflicht, von genau festgelegten und sehr eingeschränkten Seminarkombinationen reden und davon, dass diese Seminare auch noch oft überfüllt sind und dass nebenher oft nicht einmal mehr Zeit für einen Nebenjob bleibt – dann klingt es, als sei von dieser Freiheit nicht mehr viel übrig. Als sei das Studium nur mehr eine dürftige Erweiterung der Schule; oder viel mehr noch der sichere Weg, sich freiwillig einer humankapitalistischen Wirtschaftsmaschinerie zu unterwerfen. Das hört sich nach Entmündigung an. Von echtem Gefühl jedenfalls, von Bildung im Sinne von Selbstbildung ist gar keine Rede mehr. Mit einem System, das so funktioniert, kann ich mich nicht anfreunden.
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27.06.2010 - 18:50 Uhr
Supervillain
Ich müsste fortan meine eigenen Arbeiten im professoralen Kauderwelsch verfassen, obwohl ich deren Inhalt wahrscheinlich viel verständlicher auf einer halben Seite aufschreiben könnte.
das ist großer unsinn. jeder professor/dozent, der deine arbeit korrigieren muss ist heilfroh, wenn du es schaffst dich kurz und knackig zu fassen, anstatt seitenweise zu schwafeln.
das eine zu studieren bedeutet nicht, dass man sich für den rest nicht mehr interessieren und damit auseinandersetzen darf. zudem hat man immer noch genug zeit, um sich um sich selbst zu kümmern und wenn nicht muss man sich die zeit auch einfach mal nehmen.
"Ich möchte ganz nah an meinen Interessen und Träumen entlang klettern. Nicht mehr, wie in der Schule, in einem Meer von Nebensächlichkeiten ständig nur darum kämpfen, überhaupt noch Luft zu bekommen."
grandioser idealismus; bitte mal aufwachen, denn das anschließende motzen über die ungerechtigkeit im leben, wenn man im verteilungskampf zu den verlierern gehört, ergibt dann den nächsten text.
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-19
27.06.2010 - 18:39 Uhr
Nur_ein_Mann