boys, who cry
Floppy streckte sich. Sie lächelte: Ihr Büro im Abendlicht. Wie die Sonne über den Apple fiel und der Wasserspender plötzlich lange Schatten warf, das hatte etwas für sich. All das gehörte ihr, sie hatte es sich erarbeitet. Sie und Grusche, um genau zu sein. Grusche war Diplompsychologin und ohne sie würde es „boys, who cry“ nicht geben. Die Indiejungs, die sie fotografierten, weinten schließlich nur bei ihr. Nicht, dass Floppy es nicht auch versucht hatte. Oft genug hatte sie erschüttert auf den Bildschirm gestarrt und „Oh Mein Gott“ gestammelt, „da steht: Morrissey ist tot.“ Dann hatte sie selbst zehn Minuten „unfassbar“ geschluchzt, doch nie hatte einer mitgeweint. Stattdessen hatten die Models brav gewartet, bis Floppy ihre letzte Träne abgewischt hatte und dann darauf hingewiesen, dass Morrisseys letzte 27 Alben eh Mist gewesen seien. Also kein Verlust und kein Grund, traurig zu sein. Auch, als Floppy ihnen danach Schläge angedroht hatte, waren sie leider nicht in Tränen ausgebrochen. Und bei „Jetzt heul doch! Bitte!“ hatten die Models in der Regel schon das Büro verlassen. Auch wenn das alles ihre Idee gewesen war: Floppy konnte so enthusiastisch im Kreis springen, und „gestern Katzenjungs, heute boys, who cry – that’s it.“ rufen, wie sie wollte. Alleine hätte sie nie und nimmer ein Dreimonatsmagazin zusammengebracht. Erst als Grusche ebenfalls daran glaubte, dass „Empathie noch groß“ wird, funktionierte es. Die Jungs kamen nun ins Studio und wurden von einer mütterlichen Strickjackenträgerin zu traumatischen Kindheits- und Trennungserlebnissen befragt. Besonders harte Fälle bekamen eine Tasse Schafgarbentee und besonders verstörte Models wurden mit „Ja, ich glaub auch, der Butzi ist jetzt im Himmel“ etwas beruhigt. Tränen flossen immer. Floppy machte Fotos davon, schrieb ein paar Zeilen drunter erledigte den restlichen unemotionalen Teil, der dazu führte, dass „boys, who cry“ es regelmäßig in ausgewählte Bahnhofskioske schaffte. Dass sie davon leben konnte, hatte sie selbst überrascht. Aber es ging. Es reichte für ein Kreativenbüro und eine Miniwohnung. Und endlich hatte sie bei ihrer Mutter kündigen können. Auch Dr. Hohencrantz-Molloy hatte aufgeatmet – selten war jemand ungeeigneter für die Stiftungsarbeit gewesen als ihre eigene Tochter. Dass diese zudem die Stadt verlassen hatte und nach Kiel gezogen war, hatte ihr Verhältnis zusätzlich verbessert. Man konnte es nun fast als entspannt bezeichnen. Vielleicht wurde Floppy doch langsam erwachsen. Es stimmte auf jeden Fall gerade ziemlich viel. Nur Schnitzel, Schnitzel machte Floppy Sorgen. Der Kater war langsam alt, hatte Arthritis und mochte den Norden nicht. Der Umzug hatte ihn überfordert, dauernd verlief er sich. Kam Schnitzel wieder, fehlten ihm Fellbüschel oder sein Ohr war angebissen. Verstört zog er sich in eine Ecke zurück und blieb tagelang regungslos sitzen. Floppy vermutete den Beginn einer depressiven Episode. Aber wozu gab es Katzentherapeuten? Gleich, wenn Schnitzel kam, würde Floppy ihn packen und alles würde gut werden. Bloß: Dass sie ihn jetzt seit fünf Tagen nicht mehr gesehen hatte, das war doch nicht mehr normal. Oder? Vielleicht bastelte Floppy vorsichtshalber einmal ein paar Suchplakate. ------------------------------------------------------------------------------- Anmerkung: Tschuldigung für die lange Wartezeit - die nächsten Episoden gibts schneller.- Uhrenvergleich 09.03.2012
- Floppy Molloy – Krabbenfleischrührei 31.07.2010
- Stirnfalten 19.06.2010
- Jever Lad 03.05.2010
- Floppy Molloy – Bye bye 12.02.2010
Aporia sagte:
Endlich!
ja.








2
13.06.2010 - 19:06 Uhr
wollmops
Um so tröstlicher, daß Schnitzel zurück ist.