Jungs, welche Rolle spielen wir für euch während der WM?
Text: mercedes-lauenstein
Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
Die Jungsantwort
Hm, jetzt wo du das so beschreibst sehe ich diese Mädchen tatsächlich überall vor mir, wie sie die Public-Viewing-Areas säumen, mit einem wahrhaft Lorelei'schen Sexappeal: blond, busig und bemalt und ja, irgendwie bereiter als sonst. Du hast also Recht, auch Mädchen verhalten sich zur WM. Aber warum so?
Es stimmt, meine Geschlechtsgenossen und ich, wir sind derzeit kollektiv aufgeregt und nicht mal die Hälfte von uns würde ich als richtige Fußballfans einordnen. Die vier Wochen WM versprechen uns aber eben mehr als nur Fußball, sie stellen einen legitimierten und solidarischen Rückfall in steinzeitliche Verhaltensmuster dar. Vier Wochen lang zusammen in dunkeln Höhlen kauern, Fleisch vom Feuer essen, trinken und grölen. Im Vergleich zum Bundesliga-Alltag mit seinen kurzen Samstagnachmittagen ist das ein Unterschied wie zwischen im Hof spielen und ins Zeltlager fahren. Und während ihr sonst ebendiese Samstagnachmittage gut verschmerzen bzw. überhaupt nicht bemerken könnt, klappt das bei so einem Turnier natürlich nicht mehr. Mädchen können ihr Freunde ja nicht vier Wochen einfach so abschreiben, sondern registrieren notgedrungen die WM-Ablenkung und gehen eben mit.
Im Übrigen ist es dabei ja so ein bisschen wie mit der Kirche – jeden Sonntag gehen nur die richtigen Fans, aber wenn Kirchentag oder Papstwahl ist, stellen sich auch Halb- und Viertel-Fans dazu, in Erwartung historischer Augenblicke und Massengänsehaut. Letztere funktioniert konfessionsübergreifend und deswegen ist es ganz normal, wenn die Mädchen eben auch mitschreien und am Ende des Spiels rumhüpfen müssen, weil es so spannend ist. Warum das aber zusätzlich mit einer Sexualisierung und lockender Verkleidung einhergeht, erklärt sich damit noch nicht, zumal wir Jungs uns kleidungstechnisch eher simpel geben. Und zumal uns im Vorfeld eines interessanten Spiels auch nicht nach Flirten oder vieldeutigen Blicken zumute ist, die gelten dann eher der Mannschaftsaufstellung oder der Bodenbeschaffenheit in Südafrika.
Gut, man könnte sagen, dass wir in dieser Zeit eben zu Ur-Männern werden und uns nicht an die zivilisatorischen Standards halten und ihr euch in Entsprechung dazu auf eure Ur-Weiblichkeit konzentriert. Vielleicht ist es die Erfüllung eines Cheerleader-Traums, die schließlich auch nichts anderes machen als am rand des Spielfelds hübsch zu sein? Oder wäre es möglich, dass euch das urtümliche Verhalten der Männer inkl. der Spielerkörper auf dem Fernsehschirm und dem hier wie dort vergossenen Schweiß, äh, stimuliert? Vielleicht seid ihr auch nur eifersüchtig auf dieses Ereignis, das unsere Aufmerksamkeit so bannt und deswegen werden eure Dekolletés noch appetitlicher und mit neckischer Bemalung wollt ihr uns daran erinnern, wo wir die restlichen Tage des Jahres wieder hinschauen werden.
Das mag alles sein, vielleicht, ganz vielleicht, seid ihr aber nur wieder schlauer als wir, die wir nach jedem Schlusspfiff und vor allem nach jeder Niederlage neu überrascht und unzufrieden in die Wirklichkeit zurückkehren. Eine Wirklichkeit in der das Bier leer ist und das nächste Deutschlandspiel erst wieder in fünf Tagen, in der man Pfandbecher zurückgeben muss oder absurde Wettbeträge verloren hat. Ihr wisst das und signalisiert in diesem Moment mit eurem lebenslustigen Aussehen: Jungs, jetzt heult nicht, es gibt Wichtigeres. Jetzt haben wir 90 Minuten euer Spiel mitgemacht, dafür feiern wir jetzt wieder nach unseren Regeln! Vielleicht also, liebe Mädchen, ist eure Funktion bei der WM eine überaus wichtige: Memento vivendi, oder so. Ihr sorgt für den schnellen Abtransport der fußballversuchten Blutkörperchen aus unseren Köpfen. Ihr nehmt uns in den Arm oder lasst uns wenigstens wieder daran denken. Ihr räumt das Hirn frei und nur dadurch können wir uns wieder so richtig auf den nächsten Fußballtag freuen. Also, wenn das so ist, danke fürs Mitgrölen!
fabian-fuchs