"Wir sollten Facebook nicht die Zukunft des Web überlassen"
Die Kritik an den Datenschutzbestimmungen des schnell wachsenden Netzwerks Facebook wurde in den vergangenen Tagen so laut, dass der Mitgründer der Website, Mark Zuckerberg, in einem Text in der Washington Post ankündigte, die Datenschutz-Einstellungen zu überarbeiten. Den kanadischen Webdesignern Joseph Dee und Matthew Milan reicht das nicht. Sie haben den heutigen Montag zum Quit Facebook Day gemacht – über mehrere Zehntausend Menschen folgen ihrem Aufruf und wollen das Netzwerk heute verlassen – aus Protest. Wir haben Joseph angerufen und gefragt, was ihn jetzt noch an Facebook stört.
jetzt.de: Es war nicht ganz einfach, euch zu erreichen ...Joseph: ... ja, die letzten Tage waren recht anstrengend. Ziemliche viele Mails, Anrufe und so.
jetzt.de: Hat Mark Zuckerberg sich auch schon gemeldet?
Joseph: Nein, bisher gab es noch keine direkte Reaktion von Facebook. Zwar haben sie vergangene Woche angekündigt, ihre Privatsphären-Einstellungen zu überarbeiten, aber einen direkten Kontakt gab es nicht.

Joseph Dee, Foto: privat
jetzt.de: Überzeugt dich die Ankündigung oder wollt ihr weiterhin, dass sich Nutzer bei Facebook abmelden?
Joseph: Wir verlangen von niemandem, sich bei Facebook abzumelden. Wir wollen ein Zeichen setzen und dabei kann man sich uns anschließen. Es geht uns um viel mehr als um die Datenschutz-Einstellungen: Die Art und Weise, wie Facebook die Zukunft des Internet gestalten will und sich zum Anbieter unserer Online-Identität aufspielt, passt mir nicht. Facebook ist dafür nicht das richtige Unternehmen und deshalb melde ich mich ab, weil ich grundsätzlich nicht einverstanden bin mit der Geschäftspolitik von Facebook.
jetzt.de: Was stört dich am meisten?
Joseph: Dass sie ihren Nutzern sagen wollen, was am besten für sie ist. Zwar reagieren sie jetzt auf ihre Kritiker, aber nur notgedrungen. Die Unternehmenskultur ist nicht darauf angelegt, den Nutzern zuzuhören. Mittlerweile sind sie so groß, dass sie glauben, sie könnten sich alles erlauben – und so benehmen sie sich auch. Deshalb möchte ich nicht, dass ein solches Unternehmen die Infrastruktur für meine Online-Identität zur Verfügung stellt. Ich finde dafür sollten die gleichen Bedingungen gelten wie für unsere Identität im echten Leben. Dabei nutzen wir einen Ausweis oder einen Führerschein um zu zeigen, dass wir auch wirklich wir selber sind. Das ist etwas, worauf ich mich verlassen kann und so viel Vertrauen habe ich zu Facebook nicht.
jetzt.de: Was wäre denn die Alternative?
Joseph: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage: Wie kriegen wir eine Art globale Regierung fürs Internet, die vielleicht wie die Vereinten Nationen im Netz funktionieren? Darüber denken gerade viele Leute nach. Dafür braucht man vielleicht keine Regierung, aber sicher eine Organisation, der man vertrauen kann und bei der man nicht befürchten muss, dass sie deine Daten vielleicht einfach verkaufen. Und darum geht es bei unserer Aktion: Das Internet ist kein Spielplatz, auf dem keine Regeln gelten. Wir sollten die gleichen Ansprüche anlegen wie im Offline-Leben.
jetzt.de: Mark Zuckerberg hat gesagt, das Zeitalter der Privatsphäre sei vorbei.
Joseph: Das sehe ich komplett anders. In einer idealen Welt könnte man sich das vorstellen, aber wir leben in einer Welt, in der es jede Menge merkwürdige Leute gibt, die eine solche Offenheit ohne Privatsphäre nur ausnutzen und Schaden anrichten. Das ist die Kernfrage bei dieser Sache: Wenn jemand rumläuft und nachts die Haustüren der Leute öffnet, während sie schlafen, macht mir das Angst. Damit so etwas funktioniert, brauchen wir eine bessere Gesellschaft. Die haben wir aber nicht. Deshalb sollte man die Türen verschlossen halten.
jetzt.de: Was passiert von morgen an, wenn die Leute sich abgemeldet haben?
Joseph: Wir verlangen nicht, dass die Leute sich abmelden. Uns geht es um was anderes. Matthew und ich arbeiten beide als Webdesigner und Programmierer und wir wollen ein Zeichen setzen. Wir wollen den Leuten sagen: Die Zukunft des Internet ist zu wichtig als dass wir sie Facebook überlassen wollen.
jetzt.de: Gibt es denn Netzwerke, die ihr anstelle von Facebook empfehlt?
Joseph: Es gibt nicht so viele Alternativen, vielleicht muss man auf eher traditionelle Wege zurückgreifen, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben – oder man versucht Angebote wie Orkut.
jetzt.de: Das gehört zu Google und Google steht gerade auch ganz schön in der Kritik wegen der Art und Weise, wie sie mit Daten umgehen.
Joseph: Ich glaube, es gibt schon einen gewissen Unterschied zu Facebook. Google geht ganz anders mit Nutzer-Kritik um. Es gab dieses Problem mit dem Dienst Street View in den vergangenen Tagen, aber sie haben darauf sehr offen reagiert und klar gesagt: Wir haben Mist gebaut. So einen verantwortungsvollen Umgang traue ich Facebook nicht zu. Aber es stimmt natürlich: Auch Google muss sich diesen Fragen stellen.
jetzt.de: Am Anfang haben wir darüber gesprochen, ob Mark Zuckerberg sich schon gemeldet habe. Was würdest du ihm sagen, wenn er anrufen würde?
Joseph: Ich würde zunächst mal zuhören und mir erklären lassen, was ihn antreibt. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber alles, was man von und über ihn hört, klingt schon sehr merkwürdig. Und dann würde ich ihm sagen: „Schenkt uns endlich reinen Wein ein, sagt uns, was ihr vorhabt.“ Denn das ist doch das Absurde an der ganze Sache: Facebook profitiert davon, dass Leute offen sind und Informationen verbreiten. Selber ist Facebook aber ganz und gar nicht offen, deshalb würde ich Zuckerberg sagen: „Leg’ endlich die Karten auf den Tisch.“

Mit diesem Interview starten wir eine Facebook-Kolumne auf jetzt.de, die in Form eines Alphabets die Themen behandelt, die das soziale Netzwerk angestoßen und verändert hat. Folge 1 unter Q wie Quit!
- Q wie Quälende Fragen. Zum Start von Facebook Questions. 06.04.2011
- Z wie Zeig mir alles! Oder: Versteckt Facebook Freunde vor mir? 14.02.2011
- Das Facebook-ABC: R wie Rettet meine Tochter 08.02.2011
- J wie Jahresrückblick oder: WTF is HMU? 16.12.2010
- Facebook-ABC: I wie I Drink 07.12.2010
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dazu wird einfach auf unsere suchbegriffe zugegriffen und die durchleuchtet und ausgwertet. alles was wir im netz machen, wird in logs gespeichert. wenn man dann wie facebook auch noch elemente in andere seiten einbaut, dann kann man auch dort daten sammeln und mit den eigenen verknüpfen.
darüber muss man sich klar sein.
persönlich finde ich es am besten in sozialen netzwerken nur unter falschem namen und daten aufzutreten. es kann noch so verführerisch sein bei facebook wohnort, arbeitetgeber, usw. anzugeben, aber ich mach es sicher nicht. facebook und andere müssen sich klar werden, dass sie keine offiziellen stellen sind und deshalb auch kein anrecht auf reale daten haben.
ich mein, soziale netzwerke sind schließlich nichts lebensnotwendiges, einfach weglassen, im zweifelsfall.
aber eine suchmaschine ist doch für uns schon beinahe ein grundbedürfnis.
klar, braucht kein rentner. aber wir steigen ein ins berufsleben, studieren etc.
leute, die das ende der privatsphäre ausrufen, sind diejenigen, die andere zwingen, sie zu duzen, sind diejenigen, bei denen die bürotür offensteht, aber trotzdem nie ein offenes ohr für andere haben...
Das sehe ich komplett anders. In einer idealen Welt könnte man sich das vorstellen, aber wir leben in einer Welt, in der es jede Menge merkwürdige Leute gibt, die eine solche Offenheit ohne Privatsphäre nur ausnutzen und Schaden anrichten.
Das ist zunächst natürlich nicht Facebooks Problem, allerdings muss Facebook darauf rücksicht nehmen, sonst schdet es indirekt seinen Nutzern.
Facebook profitiert davon, dass Leute offen sind und Informationen verbreiten. Selber ist Facebook aber ganz und gar nicht offen
Das ist ein bemerkenswerter Satz, der die Situation gut zusammen faßt.
Der_Digital_Data (jetzt in 3D)
Joseph: Es gibt nicht so viele Alternativen, vielleicht muss man auf eher traditionelle Wege zurückgreifen, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben – oder man versucht Angebote wie Orkut.[/quote]
Ähm ja genau...
Ich war bei Orkut und HI5 schon angemeldet, als ich noch nicht mal wusste, wie Facebook buchstabiert wird und auch Studivz war damals noch kein Thema.
Abgesehen davon, dass die auch nicht gerade wünschenswerte Privatsphäreeinstellungen haben, wimmelt es dort von halbnackten Kindern, da diese Seite v.a. in Südamerika und ganz besonders Brasilien sehr beliebt ist. Und dort ist es eben auch recht beliebt, sich in für unsere Augen aufreizenden Posen ablichten zu lassen.
Dies wiederum verleitet nicht wenig merkwürdig angehauchte Menschen auf diese Seite.
Virenlinks waren dort auch an der Tagesordnung.
Nurmalso...
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30.05.2010 - 18:48 Uhr
meeresschnee