„Wurmbefall ist ein faszinierendes Thema“
Auf der Münchner Nerd Nite halten Experten Vorträge über Dinge, die nur wenige interessieren
Was passiert, wenn ein Haufen Streber sich zur Nerd Nite trifft? Sie halten Powerpointvorträge zu Themen, für die sich kaum einer interessiert - all das aber nicht im Seminarraum oder auf einer LAN-Party, sondern zu alkoholischen Getränken in einer Szenekneipe. Webentwickler Patrick Gruban hat das Partykonzept aus den USA nach München gebracht und erklärt, warum er stolz darauf ist, ein Nerd zu seinjetzt.muenchen: Patrick, was passiert auf der Nerd Nite?
Patrick Gruban: „It's like Discovery Channel with Beer“ ist das Motto unserer Veranstaltung. Wir treffen uns abends in einer Bar und hören uns Vorträge an. Es gibt meisten zwei, drei Referenten, die eine Powerpoint-Präsentation zu einem möglichst ausgefallenen Thema vorbereitet haben. Jeder hat eine genau vorgeschriebene Zeit von 15 Minuten für seinen Vortrag, danach kann das Publikum Fragen stellen und diskutieren.
Wer ist auf die Nerd Nite-Idee gekommen?
Patrick Gruban: Die Nerd Nite gab es zum ersten Mal 2003 in Boston, als ein Biologiedoktorant seinen Freunden erklären wollte, was er eigentlich immer macht, wenn er drei Monate weg ist. Er hat sich eine Bar gesucht, den Beamer angeschmissen und dann einen Vortrag über parasitäre Vögel gehalten. Das kam bei den Leuten so gut an, dass sich die Idee inzwischen überall in den USA herumgesprochen hat. Es gibt Ableger in Washington D.C., San Francisco, Los Angeles und New York, außerhalb der USA bislang nur in München, aber vielleicht kommen bald Berlin und Wien hinzu. Es gibt in New York inzwischen auch Abende wie Nerd Speed Dating und Nerd Gay Speed Dating.

Wo hast du die Nerd Nite entdeckt?
Patrick Gruban: Ich kenne sie aus New York, wo ich 2006 in einer Bar im East Village war. Zwanzig Leute waren da, einer hat angefangen über Wurmbefall zu referieren, der nächste über die unterschiedlichen Abwassersysteme in New York. Dass Leute sich im Setting einer klassischen Bar über ungewöhnliche Themen austauschen, fand ich sehr skurril und faszinierend. Seit letzten Sommer veranstalte ich die Nerd Nite München, ungefähr einmal im Monat, und momentan in „Puerto Giesing“.
Darf jeder auf die Bühne kommen?
Patrick Gruban: Man muss sich davor auf einer Liste eintragen, ansonsten gibt es keine Regeln. Wichtig ist allein, dass das Thema abseitig und spannend ist. Es darf kein kommerzielles Thema sein, sondern sollte möglichst ein spezielles Interessensgebiet abdecken, zu dem der Vortragende tiefes Wissen angeeignet hat. Nur Wikipedia-Wissen reicht nicht.
Was sind die abseitigsten Themen, über die jemals referiert wurde?
Patrick Gruban: Juckreiz zum Beispiel – wie entsteht das, was kann man dagegen machen und wie ist der Stand der Forschung. Dieser Vortrag war sehr faszinierend. Ein anderer hat einmal etwas über Monovokalismus erzählt, der hat einen ganzen Roman nur mit einem Vokal, mit „e“, geschrieben, wofür er zehn Jahre gebraucht hat. Einer hat es geschafft, in einer Viertelstunde die Quantenphysik so zu erklären, dass ich sie verstanden habe. Es kam auch schon vor, dass die Diskussion nach einem Vortrag sich in diversen Kneipen bis in den nächsten Morgen gezogen hat, besonders bei Fragen wie der, ob es Paralleluniversen gibt oder nicht. Ein typisches Nerd-Thema.
Auf welchem Gebiet bist du ein Nerd?
Patrick Gruban: Seit ich die Nerd Nite mache, beschäftige ich mich mit dem Phänomen Nerd aus wissenschaftlicher Sicht, mit der Begriffsklärung aber auch zum Beispiel, was Nerds mit Autismus und dem Asperger-Syndrom zu tun haben. Insofern kann man sagen, dass ich zum Nerd-Nerd geworden bin.
Bezeichnest du dich denn gerne selbst als einer?
Patrick Gruban: Ich bin Internetunternehmer und Programmierer – und freue mich, wenn man mich als „Nerd“ bezeichnet.
Auf der Schule war Streber ja eigentlich ein Schimpfwort.
Patrick Gruban: Kommt immer auf die Umgebung an. Auf dem Gymnasium war ich auf dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig. Wir waren fast nur Jungs und haben in unserer Freizeit Computerprogramme geschrieben und gegenseitig ausgetauscht. In anderen Schulen wären wir damit bestimmt aufgefallen, aber bei uns war das ganz normal. Der Begriff Nerd hat sich sowieso in den letzten Jahren ziemlich gewandelt.
Was bedeutet Nerdsein heute?
Patrick Gruban: In den 80ern war es in den USA ein reines Schimpfwort für Leute, die nicht kommunizieren können, die motorisch ungelenk sind und sich streberhaft verhalten. Das hat sich geändert, zum Positiven. Heute denkt man bei dem Wort an Leute, die Experten auf bestimmten Wissensgebieten sind und damit Erfolg haben. Nicht nur klassische Wissenschaftler und Sillicon Valley-Typen, sondern auch Hobbyexperten, die sich nicht nur oberflächlich für Dinge interessieren. So jemand will ich sein. Natürlich ist die Bezeichnung Nerd auch immer selbstironisch gemeint. Man sagt damit: »Ich trage vielleicht eine komische Brille, und beherrsche Smalltalk nicht, aber dafür kenne ich mich aus.«
Die nächste „Nerd Nite“ findet am morgigen Mittwoch im „Puerto Giesing“ (siehe oben) statt.
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ein "nerd" im negativen sinne ist z.b. ein tagestickerer/tagestickerin, der/die den ganzen tag vorm coputer sitzt, sich aber nicht wirklich tiefergehend damit auskennt.
ein "nerd" im positiven sinne ist z.b. ein erstklassiger programmierer/IT-spezialist, der ein tiefgreifendes verständnis einer komplexen materie hat. die rede ist hier nicht von ein bißchen "internet" und welche buttons man drücken soll oder nicht drücken soll.
also nerd-negativ: edv/"internet"
ein nerd-positiv: IT
ähnlich ist es auf sämtlichen anderen wissenschaftlichen/technologischen gebieten.
herzfein sagte:
das wort "nerd" ist erst positiv besetzt, seitdem man damit geld verdienen kann.
das denke ich irgendwie auch
18.05.2010 - 16:34 Uhr
polaroid_android
(wenn ich für's Zitieren Geld bekäme, würd ich das sicher auch besser können)
Klasse Begriff - ansonsten sind Nerds coole Typen, die man z.B. bei "Big Bang Theory" bewundern kann. Als Vorbilder eignen sich die vier skurilen Persönlichkeiten auf alle Fälle!
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18.05.2010 - 08:34 Uhr
herzfein
der typ aus dem video macht mir ein bisschen angst - vor allem, wenn er zu schreien beginnt - auch wenn das wohl zur vorstellung gehört. brrrrrrr!!!!