14.05.2010 - 18:30 Uhr

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Auf dem Banana Pancake Pfad 16: Zusammen einsam

Text: philipp-mattheis

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den Banana-Pancake-Pfad. Jede Woche lernen wir ein Stück davon kennen. Dieses Mal: Fluch und Segen des Lonely Planet

James war frei. Er lief über den Strand, sprang hin und wieder wie ein Kaninchen, Haken schlagend in die Höhe, während er mit den Händen das blaue Buch zerriss. „Ich brauch es nicht, ich bin frei, ihr braucht es alle nicht!“ Er lief und riss und riss und lief, bis das Rauschen der Wellen seine grelle Stimme verschluckte und die dünnen Seiten des Lonely Planets „Central America on a shoestring“ vom Wind auf den Pazifik hinausgetrieben worden waren. Jurek und ich baumelten weiter in unserer Hängematte. „Er übertreibt“, sagte Jurek mit osteuropäischen Akzent. „He is a bit krrazy.“ James Ausraster war eine Diskussion vorangegangen: Seitdem er Neuseeland vor neun Monaten verlassen hatte, war kein Tag vergangen, in dem er nicht in dem blauen Buch geblättert hatte. Es war ihm zur Bibel geworden, es sagte ihm, welches Hotel er aufsuchen solle und wie viel der Bus zum nächsten Hotel in der nächsten Stadt kosten würde. Es informierte ihn über Geographie, Geschichte und Gebräuche des Landes, das er gerade bereiste. In ihm stand, welche Gegenden von Mexico City, Managua und Tegucigalpa er besser mied und wo man den billigsten Tauchkurs machen konnte. In diesem Buch stand schlicht alles, was man bei einer Reise auf dem Banana-Pancake-Pfad wissen muss. Mehr noch: Dieses Buch war der Banana-Pancake-Pfad selbst. Nach neun Monaten Reisen, vier Bier und zwei Tacos war James das am Strand von Mazunte klar geworden. Plötzlich leuchtete ihm ein, weshalb er ständig an jedem Ort Schweizer, Deutsche, Tschechen, Israelis und Engländer traf, weshalb sie immer in denselben Hotels wohnten wie er und just immer genau dieselbe Maya-Pyramide besichtigen wollten. Ihm wurde auch klar, weshalb neben ihm in der Hängematte Jurek und ich lagen. Ein Strandköter jagte bellend einer im Wind flatternden Seite hinterher, James war zu einem kleinen wütenden Bündel am Ende des Strandes geworden.
1972 reisten Tony und Maureen Wheeler überland von Europa nach Australien. So ging damals die Hippie-Route: Amsterdam, Istanbul, Kathmandu, Goa, Bangkok. Nach etlichen holprigen Busfahrten, Kamelritten und Übernachtungen bei afghanischen Bauern kommen sie schließlich in ihrer Heimat in Australien an. Die nächsten Monate verbringen sie damit, ihre Erfahrungen in Form eines Reiseführers zu veröffentlichen. 1973 kommt der erste Lonely Planet „Southeast Asia on a Shoestring“ in die Buchläden. Er richtet sich ausschließlich an Individualtouristen, Backpacker, Hippies, die reisen, aber dabei so wenig wie möglich Geld ausgeben wollen. Heute, 37 Jahre später liegt die Auflage des Lonely Planets bei 55 Millionen. Es gibt 650 Titel in 14 verschiedenen Sprachen. Es gibt das „Kisuaheli-Phrasebook“ und eine Ausgabe für das Sultanat Brunei. Es gibt Internet-Foren, Lonely-Planet-Schlafsäcke und DVDs. In der Deutschland-Ausgabe werden Deutschlands einzige ethnische Minderheit, die Sorben, genauso vorgestellt wie die Nacktbader am Münchner Eisbach. Es gibt Tipps für Schwule, Schwangere und Behinderte. Lonely Planet ist ein Imperium. Noch immer aber ist er die blaue Bibel für Individualtouristen. Allein: Der Individualtourist fühlt sich nicht mehr so individuell, wenn er seine Zeit mit anderen Individualtouristen verbringen muss. An jedem, im Buch der Individualtouristen erwähnten Ort, warten bereits dutzende (oder wie auf Bangkoks Khaosan- Road tausende) andere Individualtouristen mit dem blauen Buch in der Hand. Der Lonely Planet übernimmt dabei gerne die Funktion des Handys, welches dieses für Wartende daheim hat: Jede freie Minute wird dafür genutzt, nochmals etwas nachzulesen, zu checken und zu planen. In jedem Cafe egal ob Panama, Bangkok oder Marrakesch sitzen junge Menschen in dieses eine Buch vertieft. Es ist ihr Erkennungszeichen, ihr sicherer Felsen auf einer unsicheren Reise, ihr unverzichtbares Vademecum. Backpacker, die ihren Lonely Planet verlieren, erleiden denselben Panikschub, der Daheimgebliebenen widerfährt, wenn sie gerade feststellen, ihr Handy verloren zu haben. Jurek und ich hatten uns gerade noch ein Bier bestellt, wortlos glotzten wir auf die gewaltige Wellen, in denen angeblich mindestens einmal im Monat ein betrunkener Backpacker ertrank (stand im Lonely Planet Mexico). Es war etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, als James zurückkam. Sein nackter Oberkörper glänzte vor Schweiß, seine Zunge hing wie bei einem Hund ein Stück weit aus seinem Mund heraus, doch ansonsten strahlte James. „Die letzten neun Monate waren Mist“, sagte er. „Es war nicht meine Reise: Ich habe gesehen, was andere gesehen haben und habe dort übernachtet, wo andere geschlafen haben, ich bin auf den Pfaden anderer gereist. Ab heute wird das alles anders werden!“ James verkündete uns, dass er Mazunte morgen verlassen werde. Er wolle Richtung Chiapas und dann Guatemala oder Belize, ach eigentlich sei es ihm egal wohin. Hauptsache weg und ohne dieses elende Buch unterwegs sein. Gleich morgen werde er den ersten Bus nehmen. „Wisst ihr, um wieviel ihr Uhr der erste Bus Mazunte verlässt?“, fragte er. „Moment“, sagte Jurek. Er griff unter seine Hängematte, blätterte in einem blauen Buch und sagte dann: „Hier steht um 6.30 Uhr.“


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10 Kommentare

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matstef
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2010 - 18:55 Uhr
matstef

der artikel deutet es an:

lonely planet ist keineswegs mehr so individuell wie er suggerieren mag...aber immer noch was wie eine bibel für leute, die sich das etikett "backpacker" an den hals hängen, um sich von den angeblich ach so ordinären "touris" zu unterscheiden...

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.05.2010 - 19:12 Uhr
nordzucker

der lonely planet ist mehr ein handbuch als ein reisefuehrer.
deshalb hasst man es, aber man braucht es.
irgendwie.

tamuna
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2010 - 19:20 Uhr
tamuna

und nimmt man einen anderen Reiseführer, dann wandelt man eben auf den ausgetrampelten Pfaden derer Zielgruppe...
Ich mag diese Serie!!!

alsti
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2010 - 20:04 Uhr
alsti

Dass er neun Monate für diese Erkenntnis gebraucht hat, spricht gegen seinen Intellekt.
Wer individuell sein will, Abenteuer erleben will, muss was riskieren. Aber wir wollen Abenteuer ohne Gefahr. Das widerspricht aber der Definition von Abenteuer.
Wir kaufen uns das Buch und hoffen trotzdem individuell sein zu können.

Ich habs mir auch gekauft. Aber ich hab auch kein Problem damit, nicht der erste Tour an einem Ort der Welt zu sein.

matstef
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.05.2010 - 21:48 Uhr
matstef

ein paar lonely planets hab ich. die attitüde der reihe und der üblichen nutzer gefällt mir trotzdem nicht. und individuell ist es nun wirklich nicht mehr. kennt jemand was besseres, gerne auch "abenteuerlicheres"?

Parvati
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2010 - 11:41 Uhr
Parvati

haha, so wahr. hab mich auch schon drüber aufgeregt, wenn dann mitreisende nur in restaurants wollten, die im LP drin waren....

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

15.05.2010 - 11:50 Uhr
soylentyellow

Ohne lp (oder Reiseführer an sich) ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei weil man dann einfach zehn Meter an DER Attraktion vorbeiläuft und diese komplett ignoriert. So mehrmals in Istanbul geschehen, weil ich war ja "nur" auf der Durchreise nach Syrien (weil Flug D => IST und dann Bus ist viel billiger als Flug D => Syrien direkt)

Habe in Istanbul den Topkapi Serai komplett ignoriert. Klar, habe schon gesehen dass da was ist und da Touris hingekarrt werden, aber für so 'ne Burg war mir das dann doch zu teuer. Irgendwann habe ich dann doch einen Türkei-Reiseführer gefunden und oha, das lohnt sich ja doch, das ist ja wie Kairo ohne ägyptisches Musuem oder Paris ohne den Louvre.

Oder auch die Hotelwahl: Die ersten paar Mal in Istanbul habe ich halt knallhart im Rotlichtviertel gewohnt wo alles entweder türkisch oder russisch war (weil da ganz viele russische Lederwarenhändler einkaufen?). Nicht schlecht, war auch sehr interessant (Ja, ich hätte dieses Zimmer gerne für die *ganze* Nacht) (am Ende bin ich dann ins Hotel Koran weil da gabs *sowas* nicht), aber im Backpackerviertel ein paar Stationen mit der Straßenbahn gab es ehrlich gesagt mehr fürs gleiche Geld und da wäre auch mal jemand gewesen mit dem ich mich hätte unterhalten können.

Oder Bus fahren: Bis ich herausbekommen habe dass man da dieses Ding braucht das sich Akbil nennt und wo man das herbekommt war ich ziemlich aufgeschmissen weil ohne Akbil läuft da nix (wie Bargeld im Bus?! zack raus Tür zu Bus weg) aber mit Akbil ist alles easy. (Akbil ist sowas ähnliches wie die Oyster Card in London oder die Navigo Karte in Paris: ohne geht garnix)

Andererseits ist es schon gut ohne oder mit einem veralteten Reiseführer (habe ich letztens in Ägypten gemacht und einfach den zehn Jahre alten Reiseführer genommen unter der Annahme dass sich die Pyramiden und andere Tempel in der Zwischenzeit keinen Zentimeter bewegt haben) weil man an Orte kommt (das Hotel Koran inmitten des Rotlichtviertels von Istanbul) an die man sonst nicht so leicht käme...

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Mag ich Mag ich nicht

0

15.05.2010 - 12:00 Uhr
soylentyellow

matstef sagte:
ein paar lonely planets hab ich. die attitüde der reihe und der üblichen nutzer gefällt mir trotzdem nicht. und individuell ist es nun wirklich nicht mehr. kennt jemand was besseres, gerne auch "abenteuerlicheres"?



Rough Guide, hat mM mehr Details und mehr Dinge die auch weniger Touristen sehen (sprich: relativ mehr Infos zu den Dingen die eher selten besucht werden [weil da sind sie nötig, bei den Top Attraktionen reicht in der Regel das Wissen dass Petra in Jordanien toll ist und man es unbedingt sehen sollte weil es sich lohnt, der Rest ist dann aber egal weil es mehr als genug Infos gibt, ganz im Gegensatz zu irgendeinem obskuren Desert Castle wo vielleicht alle drei Tage mal ein Tourist vorbeikommt]und relativ weniger Infos über die Top Attraktionen des Landes.

Der Rough Guide hat auch mehr Optionen, sprich beschreibt auch abenteuerlichere Wege etwas zu machen als nur die zwei, drei Mainstream Optionen des lp. Außerdem hat er mehr Infos über die C Destinationen, und überhaupt Infos über die D und F Sehenswürdigkeiten die im lp nicht vorkommen weil die ja ganz nett sind aber eben niemanden umhauen.

Parvati sagte:
haha, so wahr. hab mich auch schon drüber aufgeregt, wenn dann mitreisende nur in restaurants wollten, die im LP drin waren....


Oh ja, habe in Kairo mal einen netten Typen kennen gelernt und dann sind wir essen gegangen und er hat das Restaurant ausgesucht, weil er kenne da "ganz was tolles". Na ja, teuer wars, wir waren die einzigen Gäste, toll oder gar lecker wars auch nicht, jedenfalls habe ich gesagt das nächste Mal dürfe aber ich aussuchen, ja?

Gesagt getan, alles super. Ich fragte ihn wer ihm denn das Ding vom letzten Mal empfohlen habe, sein Reiseführer sagte er, meinte ich, ach so, ich geb Dir mal ein paar Tipps: Augen auf, da wo viel los ist ist meist auch gut, da wo viel los ist geht das Essen schnell weg und hat keine Zeit schlecht zu werden, da wo viel los ist lohnt es sich nicht Dich übers Ohr zu hauen weil das dauert viel zu lange, usw.

ZimtZucker
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Mag ich Mag ich nicht

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15.05.2010 - 21:25 Uhr
ZimtZucker

Busfahren funktioniert in Istanbul auch ohne Akbil ganz gut. Einfach an den netten Herrn der an dem Tisch mit dem Geld hinterm Busfahrer sitzt wenden, dem anvertrauen wo man hin will und den entsprechenden Betrag zahlen. Sollte der gute Mann am Zahltisch fehlen (oder grad eine rauchen / Cay trinken sein) sagt man dem Busfahrer, dass man kein Akbil hat, drückt ihm 1,50 YTL in die Hand und dard dafür dann mit dem Akbil an seinem Schlüsselbund stempeln.
Sollte vielleicht mal jemand in den LonelyPlanet schreiben...

Crispetti
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Mag ich Mag ich nicht

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18.05.2010 - 12:20 Uhr
Crispetti

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Die absolut ehrlichen und völlig schamlosen Bekenntnisse eines professionellen Reiseführer-Autors von Thomas Kohnstamm

Seitdem weiß ich, wieviel ich dem LP glauben darf!


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