10.05.2010 - 18:30 Uhr

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Die Vergangenheit lässt ihn nicht los

Text: andreas-glas - Fotos: dpa, Autor

Vor gut zwölf Jahren verwiesen Münchner Behörden den Straftäter „Mehmet“ des Landes. Heute lebt Muhlis als Unternehmer in der Türkei. Ein Besuch

Über die Moschee-Lautsprecher bittet ein Mullah zum Gebet, der Mittagsverkehr schiebt sich lärmend durch die Stadt. Ein junger Mann löst sich aus der Menschenmenge, hastet vom sonnigen Gehsteig in den Schatten der Café-Terrasse. „Servus. Ich bin Muhlis“, sagt er etwas schüchtern. Im islamischen Sufismus darf sich Muhlis nennen, wer sich vom Unheil der Vergangenheit gelöst hat. Auch der junge Mann will das Vergangene hinter sich lassen. Doch es lässt ihn nicht los. Muhlis hieß nie Mehmet. Und doch kennt ihn ganz Deutschland unter diesem Namen. Das Pseudonym sollte ihn schützen. Doch was als Schutz gedacht war, wird für den heute 25-Jährigen zum Fluch. Der Name Mehmet wird auf Jahre hinaus verbunden bleiben mit dem Prototyp des kriminellen Jugendlichen. Als Muhlis 13 Jahre alt ist, stehen 61 Einträge in seiner Münchner Polizeiakte. Er klaut Geld, knackt Cabrios, erpresst Mitschüler. Manchmal schlägt er zu. „Wir geben Mehmet nicht auf. Kinder, und Mehmet ist ein Kind, haben Recht auf Hilfe“, sagt Hubertus Schröer, damals Leiter des Münchner Jugendamtes. „Dem traue ich einen Mord zu“, sagt hingegen CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. Und beantragt im Mai 1998 seine Abschiebung in die Türkei.
Muhlis, damals Muhlis ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Türkei ist das Heimatland seiner Eltern. Ein Land, das Muhlis damals nur aus dem Urlaub kennt. Dessen Sprache er kaum spricht, dessen Kultur ihm fern ist. Muhlis steckt in der Pubertät, ist ein Junge auf der Suche nach sich selbst. Er trägt die Baseball-Mütze verkehrt herum, der Hosenbund hängt in der Kniekehle. Muhlis will sein wie die Stars aus der New Yorker Gangster-Rap-Szene. „Am meisten vermisse ich München“ An diesem Samstagmittag in Istanbul trägt Muhlis weiße Krawatte zu schwarzem Hemd. Die Hitze hat Schweißperlen auf seine Stirn gezeichnet, sein Job als Unternehmer kostet ihn Anstrengung. In wenigen Tagen wird Muhlis einen Sportpark eröffnen. Manager und Anwälte sind bereits angemeldet, wollen die ersten auf seiner neuen Paintball-Anlage sein. Wollen sich mit Farbe bespritzen, um spielerisch den Burn-out zu bekämpfen. Die Paintball-Anlage ist ein Zukunftsprojekt, das beinahe an der Vergangenheit gescheitert wäre. Sponsoren wurden misstrauisch, als Muhlis von den früheren Straftaten erzählte: „Ich kann das ja nicht verheimlichen. Wer meinen Namen im Internet eintippt, kriegt das sowieso raus.“ Als Geschäftsmann macht ihn die Vergangenheit angreifbar, doch sei Offenheit der einzige Weg, um Vertrauen bei Sponsoren zu gewinnen, sagt Muhlis mit breitem Münchner Akzent. Das Wort Vertrauen fällt oft. Auch als Muhlis von seinen Neuperlacher Jugendfreunden erzählt: „Ich war der Jüngste und als Einziger nicht straffähig. Also habe ich den Ärger der Anderen auf mich genommen. Ich wollte meine Freunde beschützen und meine Polizeiakte ist so immer dicker geworden.“ Als der Fall Mehmet öffentlich wird, wenden sich die Freunde von Muhlis ab, wollen nicht hineingezogen werden in die Debatten um Jugendgewalt und kriminelle Ausländer. Sehr einsam sei er plötzlich gewesen, sagt Muhlis. Sein Blick versinkt jetzt im Teeglas, das vor ihm auf dem Tisch steht. „Meinen Freunden war es egal, dass Muhlis nicht mehr da war. Es gab ja immer noch die Anderen. Den Hassan, den Christian und den Josef.“ Wenn Muhlis von seiner Zeit in München erzählt, spricht er von sich in der dritten Person. Als sei der Straftäter Mehmet ein Medienphänomen, mit dem er nichts zu tun hat. Er sucht jetzt nach den richtigen Worten, die ihm auf Deutsch nicht mehr einfallen wollen. Er spricht von einer Wahlkampagne der CSU, dass Ex-Innenminister Günther Beckstein einen Sündenbock gebraucht habe. „Ich war ja nicht der einzige kriminelle Jugendliche in Bayern. Aber ich hatte einen türkischen Pass“, sagt Muhlis und erinnert sich: 16. November 1998. Knapp vier Monate war Muhlis wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft, nun steht die Abschiebung bevor. Mittags hebt am Münchner Flughafen die Maschine Richtung Istanbul ab. Mit an Bord: Drei Beamte des Bundesgrenzschutz und Muhlis damalige Freundin Jasmin. Am Flughafen von Istanbul warten viele Menschen auf Muhlis: die Flughafenpolizei, Vertreter des deutschen Generalkonsulats, Scharen von Reportern und Fotografen. Doch es warten keine Verwandten, keine Freunde. Muhlis und Jasmin verbringen die ersten Nächte in einem Kinderheim für Waisen, Obdachlose und Kriminelle. Zur gleichen Zeit beherrscht sein Fall die türkische Presse, Muhlis wird zum Medienstar. Und zum Vermarktungsopfer: Ein Musiksender bietet ihm sofort einen Job als Moderator, lockt ihn mit Versprechen von Geld und Ruhm. „Ich kam gerade aus dem Knast und die sind mir zu Füßen gelegen. Ich hatte keine Ahnung, was die mit mir vorhaben, aber als 14-Jähriger hat mich das natürlich fasziniert.“ Heute sagt er, das sei ein großer Fehler gewesen. Der Sender habe nie die Absicht gehabt, ihn zu fördern. Ausgenutzt hätten sie ihn. Muhlis verhilft dem Musiksender zum Quotenanstieg. Er bekommt eine Limousine mit Chauffeur, feiert mit Fotomodellen und trennt sich von Freundin Jasmin. Wenige Monate später sinkt seine Popularität, der Sender entlässt Muhlis fristlos, weil er einen Computer geklaut haben soll. „Ich konnte das nicht glauben. Die haben das alles nur erfunden, um mich loszuwerden“, sagt Muhlis und lässt die Hände wild durch die Luft fahren, als müsse er sich noch einmal vor Gericht rechtfertigen. Dann erzählt er von weiteren drei Tagen hinter Gittern, diesmal auf einem türkischen Polizeirevier. Am vierten Tag ist Muhlis frei, der Richter kann die Vorwürfe des Musiksenders nicht bestätigen. In den folgenden Wochen wird er von Kinderheim zu Kinderheim geschoben. Dann kommt er bei einer türkischen Journalistin unter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wenn Muhlis heute an seinem Schreibtisch sitzt, blickt er direkt auf einen großen Flachbild-Fernseher, der an der Wand gegenüber hängt. Bunte Musikvideos flimmern über den Bildschirm. Es läuft MTV, nicht etwa der Musiksender, für den Muhlis einst arbeitete. Sein Büro liegt in einer Kleinstadt nahe der griechischen Grenze. Mit einem Partner betreibt er von hier aus ein Transportunternehmen, das auch Busse und Autos vermietet. Draußen weht die türkische Flagge, über dem Schreibtisch prangt in Gold die Silhouette Atatürks, des Begründers der Türkei.
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