07.05.2010 - 18:30 Uhr

3 21 Über Twitter weiterempfehlen

Ein Dankeschön ans Internet

Text: christian-berg - Illustration: Katharina Bitzl

Warum die ständige Verfügbarkeit des Netzes nicht lästig, sondern sogar ziemlich gut ist.

Frank freute sich. Er saß in Boxershorts auf seinem zerwühlten Bett und lachte. "Seit Tagen niemanden gesehen“, sagte er, "keine Leute, die mir ihren Quatsch erzählen wollen, keine Anrufe. Ich weiß nicht mal, wie es meinen Freunden geht. Super.“ Ich reichte Frank ein T-Shirt. "Ich bin jetzt seit über 14 Tagen hier“, fuhr er fort. "Ich, ganz alleine. Niemand sonst. Du glaubst gar nicht ...“ Dann wachte ich auf. Frank war ein Traum – und kein besonders guter, wie ich finde. Doch damit stehe ich derzeit offenbar eher alleine da: Die Vorstellung von jemandem, der isoliert in einem Kämmerlein sitzt, keinen Kontakt zu seinen Freunden oder zu Nachrichten von außen hat, wird immer häufiger als ungreifbarer aber wunderbarer Idealzustand stilisiert. In meinem Freundeskreis, auf Partys, in den Medien. Und zwar immer dann, wenn es um das Internet geht. Das ist dann entweder zeitfressend, nervig oder verwirrend. All das würde ich vielleicht sogar noch verstehen, was ich jedoch nicht verstehe, ist, warum sich so viele Leute davon wegwünschen: Warum sie es für ungut halten, wenn man nach dem Kino das Handy einschaltet und Mails checkt oder was daran falsch sein soll, vor dem ersten Kaffee in der Früh die Statusmeldungen von Freunden zu lesen. Beides ist für mich zu einer Selbstverständlichkeit geworden und ich finde daran nichts bedrohlich, gefährlich oder gar verwirrend. Und keine Sorge, das ist nicht einfach so daher gesagt. Spätestens seit Frank Schirrmacher sein Internet-Untergangs-Buch "Payback“ veröffentlicht hat, denke ich intensiv darüber nach, warum ich für seine Szenarien soviel Interesse aufbringe wie für das Schicksal eines Millionärs, der erzählt, dass er gar nicht weiß, wohin mit seinem Geld. Ganz klar: Das ist nicht mein Problem!
Sich vom Internet abkapseln? Nö! Ich fühle mich nicht überfordert von Kurznachrichten oder Eilmeldungen. Mir ist es nicht zuviel, Statuszeilen zu scannen und für unwichtig zu befinden. Und ich komme damit klar, mehrere Fenster gleichzeitig am Bildschirm zu öffnen. Was die Belanglosigkeiten angeht: Die stören mich in der S-Bahn genau wie auf Twitter. Dennoch käme ich nicht auf die Idee, auf den öffentlichen Personen-Nahverkehr zu schimpfen – und erst recht nicht auf Twitter. Denn all die technischen Hilfsmittel, die das Internet zur Verfügung stellt, machen mir das Leben doch in erster Linie leichter. Natürlich gilt das nicht immer und nicht ohne Einschränkungen, trotzdem erscheint mir die Debatte über das anstrengende Netz wie das Schimpfen auf den bösen Hammer, weil man sich damit ja auch auf den Finger hauen kann. Dass der Nagel so aber viel schneller in die Wand geht, sagt niemand. Deshalb hier mein offizielles Dankeschön ans Internet. Du bist super! Es ist an der Zeit, dass das mal jemand sagt. Denn vor lauter sehnsuchtsvollem Jammern über die angebliche Hektik, die das Internet angeblich verbreitet, geht völlig unter, dass unsere so genannte Welt doch auch ohne Online immer schneller und unübersichtlicher wird. Das verlangen die Lehrer, Arbeitgeber und Ämter doch auch ganz ohne WWW von uns. Wir müssen in allem schneller sein als die Generation unserer Eltern. Das ist anstrengend, aber das Internet ist daran nicht Schuld. Es hilft uns dabei, dem Tempo Stand zu halten. Und wer daran was ändern will, sollte bei seinem nächsten Arbeitsvertrag (sofern es so etwas überhaupt gibt) vielleicht mal darauf achten, dass die Arbeitszeiten auch wirklich eingehalten werden. Das hilft viel mehr als aufs Internet zu schimpfen.


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hirntod
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Mag ich Mag ich nicht

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09.05.2010 - 18:28 Uhr
hirntod

thp_ sagte:
Dass die Flut an Informationen viel und evtl. zu viel wird und wir mehr und mehr "Schirrmachermaschinen" brauchen, die uns wichtige und unwichtige Meldungen heraussuchen, ist nicht zu leugnen.


Und genau an der Stelle setzt der Automatismus bestimmter Algorithmen an, die unseren Informationszufluss im Internet verwalten, vergleichbar mit einem geistigem Türsteher(als bestes Beispiel Google). Die ohne Frage notwendige Selektierung von Inhalten durch 3te führt dazu, dass man sich ab einem bestimmten Punkt fragen muss, ob wir die Inhalte die wir konsumieren auswählen, oder die Inhalte, bzw. die Vermittler der Inhalte uns als Konsumenten schaffen.
Es geht immer weniger darum die Interessen des Individuums im Internet zu befriedigen sondern das Interesse auf schon vorhandene Inhalte zu lenken.
Vergleichbares ist auch schon in der Vergangenheit in der Realwirtschaft passiert. Erst seitdem wir in einer Überflussgesellschaft leben ist es nötig geworden, selbst für Produkte des alltäglichen Gebrauchs im großen Umfang zu werben.
Nun will aber meiner Meinung nach niemand(oder kaum jemand), nicht mal die "Netzkritiker", das Internet abschaffen oder das Angebot verknappen, noch ist es möglich ohne diese "Schirrmachermaschinen" das Internet effizient zu nutzen, also ist alles was uns übrigbleibt dieses Angebot kritisch zu nutzen und die automatischen Prozesse die dort stattfinden nicht genauso automatisch auf unseren Verstand überhand nehmen zu lassen.

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