Durch die Linsen der anderen
Eigentlich steht unser Fotograf hinter der Kamera, doch für diese Geschichte hat er sich von professionellen Fotografen ablichten lassen. Mit verstörenden Ergebnissen
Eine der gängigsten Geschichten über Fotografen ist die, dass sie, obwohl ständig mit Kamera unterwegs, nie ein ordentliches Bild von sich selbst haben. Abgesehen von ein paar Passfotos, die ich mit Selbstauslöser vor der weißen Wand in meinem Schlafzimmer gemacht habe, trifft das auch zu. Mit den Ergebnissen war ich nie so recht zufrieden, denn obwohl ich schon unzählige Menschen porträtiert habe, fiel es mir immer schwer, die Kamera auf mich selbst zu richten.Als ich die ersten Fotos von mir machen lassen möchte, finde ich mich in einem großen Supermarkt in Sendling wieder. Zwischen piepsenden Kassen und der Theke einer Bäckerei werde ich am Tresen des „Photoparadieses“ freundlich von einem weißhaarigen Herrn begrüßt, der sich mir als Fotografenmeister vorstellt. Ein Porträt soll es werden, eventuell als Geschenk für meine Freunde oder Eltern. Sogleich werde ich durch einen braunen Plüschvorhang geführt. Im gedämpften Licht des Studios wirkt alles irgendwie vergilbt und als ich mich auf den Hocker inmitten des kleinen Raums setze, fällt mein Blick auf die von Fotos übersäten Wände. Ich sehe glückliche Paare, die verliebt durch eine weich gezeichnete Wolke blicken und lachende Kinder vor glitzernden Vorhängen. Dazwischen Haustiere, Hochzeitspaare und Geschäftsleute. Der ältere Herr hat sie fotografiert, in seiner inzwischen 58-jährigen Laufbahn als Fotograf und ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Fotos genauso alt sind wie er selbst. „So wie ich Sie sehe, passt ein blauer Hintergrund am besten zu Ihnen“, sagt er zielstrebig, nachdem er mich gemustert hat.
„Richtig schöne Porträtaufnahmen“
Mal soll ich schmunzeln, mal etwas ernster gucken. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich Monaco Franze fühlte, als er „richtig schöne Porträtaufnahmen“ zum Abschied für seine 150 Liebschaften machen ließ.
Hinter dem Vorhang erledigen Großfamilien ihre Einkäufe, während ich an einem kleinen Monitor entscheiden darf, welches der zwölf Fotos nun mein Favorit sein soll. Obwohl ich mir auf keinem so richtig gut gefalle und sich die Bilder ohnehin sehr ähneln, entscheide ich mich schnell. Nun wird das Bild noch beschnitten und bearbeitet (etwas „soft“ gemacht, was meine Haut schöner erscheinen lassen soll - tatsächlich ist es einfach nur unscharf) und kurz darauf bekomme ich das Ergebnis in einem Rähmchen aus Pappe mit Goldrand präsentiert. Für 50 Euro habe ich eine Zeitreise gemacht, denn ich sehe aus wie ein Serienheld aus den Achtzigerjahren.
Meine einzige Erfahrung mit Porträtfotografen liegt lange zurück. Im Alter von zwölf Jahren wollte mich meine Mutter porträtieren lassen. Wahrscheinlich tun das viele Mütter, um sich später an die Schönheit ihres kleinen Kindes zu erinnern. Damals verbrachten wir etliche Stunden in einem kleinen Hinterhofstudio in der Nähe des Hauptbahnhofs. Ich saß im Matrosenanzug etwas unmotivert auf einem Plastikball, spielte mit komischen Gegenständen und eine Fotografin dokumentierte das Geschehen in Schwarzweiß. Die Fotos wurden noch ein oder zweimal angeschaut und verschwanden dann für immer in der Versenkung der Erinnerung.
Der nächste Versuch auf der Jagd nach meinem perfekten Bild soll zeitgemäßer sein. Also suche ich ein „modernes Fotostudio für künstlerische Aufnahmen“ auf. Vielleicht kann man hier meinen Geschmack eher treffen. Wieder werde ich nach dem Betreten zunächst fachmännisch gemustert. Die Fotografin, die sich in ihrem Studio im Münchner Norden besonders auf Porträts von BMW-Mitarbeitern spezialisiert hat, schlägt mir spontan einen schwarzen Hintergrund vor. Das wirke interessant und passe zu meinem Typ. Außerdem sagt sie noch etwas von „mystisch“ und dem „Spiel mit Licht und Schatten“.

Kurz darauf zupft sie mir mit spitzen Fingern mein T-Shirt und Jackett zurecht und spricht mich von nun an nur noch mit „mein Schatz“ und „Süßer“ an, während im Hintergrund gedämpfte Musik läuft. Mir wird erklärt, welche Bedeutung besonders die Hände und die Augen (als „Spiegel der Seele“) auf einem Foto haben und als ich nach ungefähr 20 Minuten zum ersten Mal die Mundwinkel hängen lasse, höre ich Sätze wie „Denk’ an Jamaica und Pina Colada, Süßer“. Nach einer halben Stunde darf ich mir alle entstandenen Fotos ansehen und auch hier einen Favoriten aussuchen. Ich entscheide mich für ein eher ernstes Bild in klassischer Pose. Das gefällt mir und für knappe 40 Euro wirke ich seriöser als je zuvor.
Als ich mich vor Jahren für den Beruf des Fotojournalisten entschieden habe, tat ich das aus verschiedenen Gründen. Der wichtigste war es, die Realität abbilden zu können. Ich wollte Geschichten erzählen und andere daran teilhaben lassen - meinen Blick auf die Welt öffentlich machen und den Blick anderer auf die interessanten Dinge lenken. Die Arbeit im Fotostudio ist etwas völlig anderes. Hier geht es darum, Menschen gut aussehen zu lassen. Egal, wie sie in Wirklichkeit wirken. Und auch egal was genau nun „gut“ überhaupt bedeutet.
An einem verregneten Nachmittag stehe ich vor einem Fotogeschäft in der Dachauer Straße. Im Schaufenster hängen Hochzeitsfotos und Aktaufnahmen. Ich sehe auch einen übergroßen nackten Hintern (in Schwarzweiß), der eine rote Rose (in Farbe) umschließt. Darunter steht: „auch von Mann zu Mann“.
Doch als mich eben dieser Mann, der wohl der Schöpfer dieser erotischen Halbwelten sein muss, beim Betreten des Ladens etwas teilnahmslos begrüßt, verwerfe ich meinen Gedanken an Aktfotos vorerst wieder und bitte um ein natürliches Porträt als Geschenk für meine Freundin. Ehe ich mich versehe, stehe ich vor einem silbrig glänzenden Hintergrund, der, so wird mir gesagt, auf dem fertigen Foto sehr „dramatisch“ erscheinen soll. Ich bitte noch darum, mein etwas lichtes Haar ein bisschen zu kaschieren, als der Fotograf schon die ersten Bilder schießt. Nach wenigen Minuten stehe ich ernüchtert wieder auf der Straße und halte ein ziemlich unscharfes Foto in Händen, das „auch als Bewerbungsfoto“ dienen kann. Außerdem muss ich zu den vereinbarten 30 Euro noch einen Aufpreis zahlen um das Foto überhaupt gleich mitnehmen zu können. Ausziehen werde ich mich heute nicht.
Am nächsten Tag rufe ich schüchtern ein Fotostudio an, das mit seiner 30-jährigen Erfahrung auch im Bereich „Akt/Dessous“ wirbt. Unsicher erkundige ich mich nach einem Termin. Die Frage, was mir denn vorschwebe, beantworte ich mit „oben ohne“ und komme mir dabei schäbig vor. Als Grund muss wieder meine Freundin herhalten. Ohne es zu wissen, liege ich damit voll im Trend, denn, wie mir später erzählt wird, sind Aktfotos als Geschenk in Partnerschaften in den letzten Jahren sehr populär geworden.
Als ich mich am Nachmittag auf den Weg zu meinem Termin mache, bin ich aufgeregt wie vor einem ersten Date. Zunächst schleiche ich dreimal an dem kleinen Laden in Laim vorbei, bis ich beim Betreten von einer jungen, sympathischen Fotografin empfangen werde.
„Alles sieht sehr gut aus!“
Als wir, vorbei an obligatorischen Babybauch- und Hochzeitsfotos, in das Studio in den Keller gehen, werden wir von einer Assistentin erwartet. Auf Anweisung ziehe ich mein T-Shirt aus und frage mich nicht einmal, ob ich gut aussehe. Dann beginnt die Fotografin mir Posen zu zeigen, die ich nachahmen soll. Einmal liege ich auf dem Boden und sehe verträumt an ihr vorbei ins Leere, dann soll ich meine Muskeln anspannen und den harten Mann markieren. Ich bleibe ernst. Auch die Assistentin verzieht keine Miene. Immer wieder werde ich gelobt, alles sähe sehr gut aus und ich würde ja richtig strahlen. Die Fotos bekomme ich noch nicht zu Gesicht.
Nach einer guten Dreiviertelstunde und einigen sportlichen Verrenkungen sind wir fertig. Die Ergebnisse kann ich mir am nächsten Tag – passwortgeschützt – auf der Homepage des Studios ansehen und mich dann für meine Lieblingsbilder entscheiden. Ich bezahle 70 Euro und verlasse den Laden verwirrt und voller Spannung auf meine Fotos.
Auf dem Nachhauseweg denke ich über meine fotografischen Erlebnisse der vergangenen Tage nach. Angesichts all der bunten Effekthascherei, den „optimierten Hauttönen“ und „Lichtspielen“, den verführerischen Posen und „professionellen Gestaltungen“ steht mir der Sinn nach Schlichtheit. Als ich an einem Passbild-Laden vorbeikomme, lasse ich ein biometrisches Foto von mir machen. Hier geht es weder um künstlerische Freiheit noch um kreative Ideen – Schatten und Retusche sind sogar gesetzlich verboten. Die einzigen Bedingungen für das Aussehen gibt der Computer vor, der das Foto später auswerten können muss. Das ist unkompliziert und tut gut. Nach weniger als fünf Minuten bekomme ich eine Art Fahndungsfoto ausgehändigt. Es war das günstigste Bild der letzten Tage. Und es kommt meiner Vorstellung vom ehrlichen Foto am nächsten.
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Wer träumt nicht davon, sich von einem kompetenten Fotografen vor einem samtweichen, hellblauen Hintergrund/Vorhang abknipsen zu lassen?
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12.11.2010 - 15:29 Uhr
Regenbogenfarben