23.04.2010 - 18:30 Uhr

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Freistunde für Europa: Meine klammheimliche Freude an der Aschewolke

Text: stefan-winter - Foto: Dominik Schwarz / photocase.com

Im April 1975 erschien Westwärts 1 & 2, ein Gedichtband von Rolf Dieter Brinkmann. Er beginnt mit einem Vorwort, das dem Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer 28 Jahre später als Inspiration für den Song Alles macht weiter gedient haben muss. Brinkmann schreibt: Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter. Im Blumfeld-Lied singt Jochen Distelmeyer: Alles macht weiter / die Zeit und ihr Garten / der Baum vor dem Fenster / das Hoffen und Warten / die Zwiebeln in Kühlschrank / alles macht weiter / Der Alltag macht weiter /die Probleme und Zwänge / der Verkehr in den Straßen / die Einsamkeit in der Menge / die glücklichen Stunden / Phantasien und Pläne /Planten un Blomen / Enten und Schwäne In dieser Frühlings-Woche im April 2010 musste ich an Jochen Distelmeyer und Rolf Dieter Brinkmann denken. Für ein paar klammheimliche Momente hatte ich das trügerische Gefühl: die beiden haben Unrecht. Denn die Autoindustrie, die Arbeiter, die Preise, das Papier und selbst die Zwiebeln im Kühlschrank machten eben nicht mehr weiter. Eine Aschewolke mit dem unaussprechlichen Ursprung Eyjafjallajökull sorgte dafür, dass etwas passierte, von dem ich vorher nicht mal wusste, dass es geht: Der Luftraum wurde geschlossen. Irgendjemand drückte in unserem daueraktiven „Alles geht weiter“-System die Pausetaste. Fast wie beim Kindergeburtstags-Klassiker Stoppessen, bei dem man plötzlich und unbequem in einer Situation verharren muss, stoppte das europäische Reise- und Bewegungssystem. Die Medien gingen in den (aus dem Kinderspiel bekannten) Stippstopp-Modus über und wiederholten die immer gleichen Bilder aus Island, zeigten Reporter in leeren Schalterhallen oder auf verwaisten Rollfeldern. Jeden Abend aufs Neue sendet die ARD einen Brennpunkt und verbreitete damit das Gefühl eines Ausnahmezustands light im Land. Denn von der bösen Aschewolke habe ich am Himmel über meiner Stadt bis heute nichts sehen können. Und da ich – weil bequem und ohne Reisepläne daheim sitzend – auch sonst keine Einschränkungen durch das Spektakel des Nichts hinnehmen musste, erlebte ich die vergangenen Tage wie eine große kollektive Freistunde für einen Kontinent. Statt „Alles geht weiter“ plötzlich: „Nichts geht mehr“.
Dieses unsichtbare „Fällt aus“-Schild über unserem Land wurde so zu einer kindlichen, aber klammheimlichen Freude. Denn natürlich war mir bewusst, was ich überall hörte: dass es gefährlich werden könnte, dass die Sonne sich verdunkeln und das System dauerhaft geschädigt werden könnte. Doch insgeheim fand ich es charmant, dass die Bundeskanzlerin vor dem genau gleichen Problem stand wie der Bruder meiner besten Freundin. Sie kamen nicht heim, mussten aus- und umsteigen und über absurde Wege durch Europa gurken. Alle wurden gleich behandelt, alle hatten plötzlich ein gemeinsames Problem oder zumindest Gesprächsthema. Ich empfand das als angenehm. Und jetzt, da die Brennpunkte gesendet sind, die Fluggesellschaften, die Regierungen und sogar die Enten und Schwäne aber wieder weiter machen, stelle ich fest, woran das liegt. Der Eyjafjallajökull hat mich daran erinnert, was Tocotronic mit ihrer Verweigerungshymne Sag Alles Ab schon 2007 angemahnt hatten: Man kann es auch anders machen, es geht auch, wenn es nicht weiter geht. Für mich hat diese Erkenntnis – so banal sie sein mag – etwas Beruhigendes. Gerade an diesem 23. April 2010. Heute ist es auf den Tag genau 35 Jahre her, dass Rolf Dieter Brinkmann bei einem Verkehrsunfall in London ums Leben kam.


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Ioana
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26.04.2010 - 18:40 Uhr
Ioana

eisengrau sagte:


Naja, aber so ne Aschewolke ist eben gerecht und macht keinen Unterschied zwischen Business und Economy Class.
Höchstens bei den alternativen Reisemitteln zeigen sich dann die Klassenunterschiede wieder: Eine Bekannte von mir musste mit dem Messelaster von einer Messe in Frankreich zurück mitfahren, das finanziell besser gestellte Vertriebsteam konnte sich einen Transport in einem privaten Kleinbus mit Chauffeur leisten.
Also wirklich gerecht wäre es erst, wenn alle laufen müssten.


:)) naja, ist halt schwer einen massenanspruch mit umweltschutz in vereinbarung zu bringen. das ist glaub ich nicht nur bei billigflügen so sondern auch bei der "traditionellen" fortbewegungsarten wie auto. vulkanausbrüche, so gerecht sie auch sind, werden da auf lange sicht auch keine große veränderung bringen. ich würd mir ja ein pferd kaufen, aber selbst das erzeugt methan. :)
eisengrau sagte:


Ioana sagte: nur, tschuldigung: eine frage bleibt nachwievor: wieso wird dann über nen vulkanausbruch sich kindlich gefreut und nicht etwa über massive schneefälle? und warum kann man nicht die weite emotionale spanne zwischen persönlicher katastrophe und breitem grinsen ausnutzen?


Also, ich freu mich auch über massive Schneefälle. NTürlich nur verhalten, bedeuten sie doch auch für mein Leben Einschränkungen. Aber auch einen Gewinn: Alles schaltet einen Gang zurück, die Leute sind gelassener (bis auf die üblichen Choleriker) das Leben wird richtig gemütlich. Da gibt's dann auch keine Strafzettel, keiner beschwert sich, wenn man mal nicht mit der Reifenbreite Abstand zum Bordstein steht, alles wird nicht so eng gesehen.



naja, also da müssen die autofahrer ja ein ganz anderes temperament besitzen als der durchschnittliche bahnfahrer. aus meiner zeit als pendlerin weiss ich noch, dass schnee und bahnausfälle eher nicht dazu geeignet sind die besten eigenschaften des menschen zutage zu bringen. :)

eisengrau
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26.04.2010 - 19:05 Uhr
eisengrau

Ioana sagte:

:)) naja, ist halt schwer einen massenanspruch mit umweltschutz in vereinbarung zu bringen. das ist glaub ich nicht nur bei billigflügen so sondern auch bei der "traditionellen" fortbewegungsarten wie auto. vulkanausbrüche, so gerecht sie auch sind, werden da auf lange sicht auch keine große veränderung bringen. ich würd mir ja ein pferd kaufen, aber selbst das erzeugt methan. :)
Naja, das war ja jetzt nun nur ein sanfter Klaps und hat uns in aller Freundschaft mal vor Augen geführt, was Natur zu leisten in der Lage ist.
Auf die Diskussion um furzende Pferde oder Kühe in Relation zu Düsenflugzeugen lass ich mich übrigens nicht ein. Ich glaube aber, man muss ziemlich viel furzen, um den Luftraum über Europa mit den Emissionen von einer Woche Flugverkehr zu füllen.

eisengrau sagte:
naja, also da müssen die autofahrer ja ein ganz anderes temperament besitzen als der durchschnittliche bahnfahrer. aus meiner zeit als pendlerin weiss ich noch, dass schnee und bahnausfälle eher nicht dazu geeignet sind die besten eigenschaften des menschen zutage zu bringen. :)


Na, die ersten ein, zwei Tage ist natürlich Wehklagen und schlechte Laune angesagt: Aber so ab dem dritten Tag, oh Wunder, finden sich Menschen plötzlich mit der Situation ab. Da haben sie dann verstanden, dass sich erstmal nichts ändern wird, und auch keine technik die Zustände rückgängig machen kann. und schon stellt sich so eine pragmatische Gelassenheit ein und jeder versucht sich, sich einigermaßen in der neuen Situation einzurichten.

Warst Du schon mal in London? Da kriegt man als Mitteleuropäer fast einen Koller, wenn man mitbekommt, wie gelassen der Londoner auf wegen Bombenalarm gesperrte U-Bahnhöfe reagiert. Einfach, weil wir das nicht gewohnt und entsprechend unentspannt
sind.

Ioana
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26.04.2010 - 19:32 Uhr
Ioana

eisengrau sagte:
]Naja, das war ja jetzt nun nur ein sanfter Klaps und hat uns in aller Freundschaft mal vor Augen geführt, was Natur zu leisten in der Lage ist.
Auf die Diskussion um furzende Pferde oder Kühe in Relation zu Düsenflugzeugen lass ich mich übrigens nicht ein. Ich glaube aber, man muss ziemlich viel furzen, um den Luftraum über Europa mit den Emissionen von einer Woche Flugverkehr zu füllen.



war eigentlich nur ein witz. wobei die anteile am treibhauseffekt von co2 und methan gleich sind, mag evtl daran liegen, dass methan eher treibhauseffekt fördernd ist als co2. naja, eher ein nebenschauplatz, außerdem weiss ich nicht wie seriös meine quelle ist.
naja, sanfte klapse hin oder her, auf lange sicht wirds sicher keinen vom reisen abbringen, deswegen würde ich produktivere lösungen eher bevorzugen.


"Warst Du schon mal in London? Da kriegt man als Mitteleuropäer fast einen Koller, wenn man mitbekommt, wie gelassen der Londoner auf wegen Bombenalarm gesperrte U-Bahnhöfe reagiert. Einfach, weil wir das nicht gewohnt und entsprechend unentspannt
sind.

nein, london war ich leider noch nicht. hm...wobei ich es irgendwo menschlich finde auf bombenalarm eher unentspannt zu reagieren. ;)

eisengrau
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26.04.2010 - 19:40 Uhr
eisengrau

Ioana sagte:

nein, london war ich leider noch nicht. hm...wobei ich es irgendwo menschlich finde auf bombenalarm eher unentspannt zu reagieren. ;)


Naja, die zucken mit den Schultern und sagen "Public transport ...". Deswegen sind sie auch nicht unmenschlicher als wir. Es sei denn, man setzt Coolness mit Mangel an Empathie, und Empathie mit Menschlichkeit gleich. Dann mag es vielleicht zutreffen.

Ioana
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26.04.2010 - 19:44 Uhr
Ioana

eisengrau sagte:
Ioana sagte:

nein, london war ich leider noch nicht. hm...wobei ich es irgendwo menschlich finde auf bombenalarm eher unentspannt zu reagieren. ;)


Naja, die zucken mit den Schultern und sagen "Public transport ...". Deswegen sind sie auch nicht unmenschlicher als wir. Es sei denn, man setzt Coolness mit Mangel an Empathie, und Empathie mit Menschlichkeit gleich. Dann mag es vielleicht zutreffen.


menschlich meinte ich im sinne von: "menschlich nachvollziehbar" nicht im sinne von "human". was ich meinte: ich kanns den mitteleuropäer nicht ganz übelnehmen wenn sie wegen bombenalarm überspannt reagieren. :)

eisengrau
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26.04.2010 - 19:52 Uhr
eisengrau

Ioana sagte:

menschlich meinte ich im sinne von: "menschlich nachvollziehbar" nicht im sinne von "human". was ich meinte: ich kanns den mitteleuropäer nicht ganz übelnehmen wenn sie wegen bombenalarm überspannt reagieren. :)


Ich sag ja. Weil sie es nicht gewöhnt sind. Wie so vieles nicht. Deswegen neigen sie ja auch zum permanenten Jammern. Und wenn jemand aus vergleichsweise nichtigen Gründen jammert, finden andere das eben eher amüsant. Haben wir ja alle im Kleinkindalter schon erfahren müssen. ;-)

Ioana
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26.04.2010 - 20:01 Uhr
Ioana

eisengrau sagte:
Ioana sagte:

menschlich meinte ich im sinne von: "menschlich nachvollziehbar" nicht im sinne von "human". was ich meinte: ich kanns den mitteleuropäer nicht ganz übelnehmen wenn sie wegen bombenalarm überspannt reagieren. :)


Ich sag ja. Weil sie es nicht gewöhnt sind. Wie so vieles nicht. Deswegen neigen sie ja auch zum permanenten Jammern. Und wenn jemand aus vergleichsweise nichtigen Gründen jammert, finden andere das eben eher amüsant. Haben wir ja alle im Kleinkindalter schon erfahren müssen. ;-)


:)) das ja. wobei ich zur rehabilitierung der mitteleuropäer sagen muss: zuweilen sind sie sehr nette, sehr anpassungsfähige zeitgenossen. :)

eisengrau
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26.04.2010 - 20:11 Uhr
eisengrau

Ioana sagte:
:)) das ja. wobei ich zur rehabilitierung der mitteleuropäer sagen muss: zuweilen sind sie sehr nette, sehr anpassungsfähige zeitgenossen. :)


Ja, sie passen sich nur gerne an die falschen Sachen an. Aber das ist wieder eine ganz andere Baustelle. ;-)

Ioana
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26.04.2010 - 20:13 Uhr
Ioana

eisengrau sagte:
Ioana sagte:
:)) das ja. wobei ich zur rehabilitierung der mitteleuropäer sagen muss: zuweilen sind sie sehr nette, sehr anpassungsfähige zeitgenossen. :)


Ja, sie passen sich nur gerne an die falschen Sachen an. Aber das ist wieder eine ganz andere Baustelle. ;-)


naja dann vertraue ich mal dem reiseveteranen und reise demnächst nur mit londonern. :)

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

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26.04.2010 - 20:15 Uhr
eisengrau

Ioana sagte:

naja dann vertraue ich mal dem reiseveteranen und reise demnächst nur mit londonern. :)


Kann ich nur empfehlen. Du wirst staunen, wie erholt Du ankommst. :-)

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