12.04.2010 - 16:39 Uhr

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Bachelorette

Text: cosmashiva in Tagebuchschreiber (1134)

Es ist ein Junggesellinnenabschied, also kaufe ich eine Flasche Bombay Sapphire Gin und ziehe einen kurzen Rock an. Dreizehn Uhr, Hamburg-Eimsbüttel. Ich finde das Haus beinah ohne den Stadtplan zu Rate zu ziehen, beinahe ohne auf die Hausnummern achten zu müssen. Es ist Frühling, der Himmel über den schönen Altbaufassaden ist blau, hellgrün sprießt es aus der warmen Erde, rosa Blütenblätter regnen von Kirschbäumen. Es ist still.

Ako öffnet mir, die Wohnung ist voller Frauen Ende Zwanzig, Anfang Dreißig. Jemand hat Sushi gemacht und es gibt Sekt. Ich bin gerade erst aufgestanden und halte mich an Kaffee und Nutellabrot. Ich schüttle Hände, höre Namen, die ich sofort wieder vergesse. Eine Frau glaubt mich zu kennen, und mir scheint es, als hätte ich sie schon einmal gesehen.
Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich kenne dieses Wohnung. Diesmal fragt mich niemand, ob ich schon einmal hier war. Ich war schon einmal hier, fast fünf Jahre ist das jetzt her, da gehörte die Wohnung noch Sonja und dem Mann, den sie geheiratet hat. Und ich gehörte zu dem Mann, den Ako in zwei Wochen heiraten wird.

Ako trägt keinen Minirock. Niemand trägt einen Minirock hier bis auf mich, alle tragen Jeans und trinken Sekt und essen Sushi. Niemand ist aufgebrezelt, von einer Frau abgesehen, die immer aufgebrezelt zu sein scheint. Ako trägt Brille und Jeans und sieht nicht aus, als wollte sie den Rest ihres Junggesellinnendaseins voll ausreizen.

Dann kommt Sonja mit dem zweijährigen Kind von dem Mann, mit dem sie hier gewohnt hat. Und wir alle werden zu Junggesellinnen im Gegensatz zu ihr, denn sie ist eine Mutter, die Mutter der schönsten Tochter der Welt. Sonja ist noch weniger aufgebrezelt als wir alle, blass, ungeschminkt, unfrisiert. Keine von uns hält dem Blick ihrer braunen Augen lange stand, ich am allerwenigsten. Und dieses Kind, die Stimme dieses Kindes, wenn es freundlich, ohne zu quengeln, Mama ruft, sobald Sonja einmal für einen Moment nicht im Raum ist. Mama ist in der Küche, sagen wir.

Niemand ist hier eine echte Junggesellin bis auf mich, alle sagen Sätze, in denen „mein Freund“ vorkommt, oder gar „wir“.
„Wir haben eine Wohnung gefunden.“
Wir.
Aber Ich.
Ich sitze hier in meinem Minirock, unpassend, merke mir die Namen nicht und trinke Kaffee. Zum Rauchen gehe ich auf den Balkon mit einer Frau, die heißt wie ich und deren Augen tränen. Niemand raucht hier bis auf uns. Rauchen ist jetzt verboten in dieser Wohnung. Diese Zwei Zimmer Altbau.
Wir stehen auf dem Balkon.
Wir rauchen.

Wir gehen durch die stillen Straßen und rosa Blütenblätter regnen auf uns. Acht Frauen Ende Zwanzig, Anfang Dreißig eskortieren einen Kinderwagen. Wenn wir die Straße überqueren, achten wir darauf, dass immer eine jeweils links und rechts von dem Kinderwagen geht. Denn falls ein Auto kommt, wollen wir, dass es uns trifft und nicht Sonjas Tocher.
Ako erzählt, dass sie einmal auf einer Piraten-Kostümparty war. Alle waren als Piraten verkleidet, aber sie ging als Schatz. Ein versunkener Schatz auf dem Meeresgrund, umgeben von Piraten. Ein Kinderwagen, umgeben von acht Frauen.

Wir betreten den Park, wo schöne, hochgewachsene Menschen Ende Zwanzig, Anfang Dreißig joggen gehen und ihre Kinder und Hunde spazieren führen. Bis auf die Jogger ist keiner allein. Bis auf mich tragen alle Jack-Wolfskin-Regenjacken, nur ich trage einen langen schwarzen Mantel, damit man meinen Minirock nicht sieht. Die Frau, die heißt wie ich und auch raucht und deren Augen immer tränen, hat auch in Berlin gelebt, bevor sie hierher kam. Und wir sprechen von Berlin und von Hamburg und von Prostitution in der Oranienburger Straße und Prostitution in der Herbertstraße. Ob wir Angst haben vor den Prostituierten, oder sie bemitleiden oder sie bewundern. Oder ob wir solidarisch sind mit ihnen. Aber wer ist schon solidarisch mit Prostituierten, wenn er in Jack-Wolfskin-Regenjacken durch einen sonnendurchfluteten Park geht, hochgewachsen und mit Abitur und mit Zwei-Zimmer-Altbau.
Wir sehen Männer Kinderwagen schieben und wundern uns darüber, dass wir uns darüber wundern.

Sonjas Tochter will auf den Spielplatz und Sonja verbietet es ihr, aber acht Frauen betteln darum, dass sie doch auf den Spielplatz darf. Ako sagt, Sonjas Tochter hätte uns ja auch stundenlang bei unserer langweiligen Kaffeetrinkerei zusehen müssen, jetzt könnten wir ihr fairerweise ja auch beim Spielen zusehen. Ich sage: Ako, es ist doch dein Junggesellinnenabschied, aber sie hört es nicht. Vielleicht habe ich es auch zu leise gesagt.
Sonja gibt nach und alle freuen sich, und wir setzen uns auf die Bänke am Rande des Spielplatzes, und ich schlage im Scherz vor, jetzt könnten wir ja auch unser Strickzeug auspacken und anfangen, Kochrezepte auszutauschen, aber niemand lacht bis auf mich.

Die Flasche Bombay Sapphire steht unberührt in Akos Küche, und mein Minirock ist sorgfältig unter dem langen Mantel verborgen. Ich drehe eine Zigarette nach der anderen. Auf dem Spielplatz darf man nicht rauchen.

Als ich vor vier Jahren mit meinem Fußballjungen in Hamburg war, rauchten wir Joints in der Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung, die jetzt Ako gehört. Wir kifften drei Tage lang und spielten Computerspiele, der Fußballjunge, sein bester Freund und ich, nur Sonja spielte nicht und kiffte nicht. Ich sah sie nur selten in diesen Tagen. Es regnete viel, obwohl es Sommer war, und der Fußballjunge zeigte mir die Landungsbrücken. An einem anderen Tag ging ich allein ins Museum, während die anderen kifften und Computer spielten. Es war ein schöner Besuch gewesen, und einige Wochen später schenkte mir der Fußballjunge ein T-Shirt, auf dem stand: „Sommer 2006 – Verliebt in Hamburg“.
Ich habe es selten getragen.

Wir sitzen lange auf dem Spielplatz in der Sonne, und eine der Frauen führt Sonjas Tochter herum und spielt mit ihr, und Sonja und Ako und ich und die anderen sitzen in der Sonne, und in zwei Wochen wird Ako den Mann heiraten, der einmal mein Fußballjunge war, und das hier wird ihr Leben sein. Das hier ist ihr Leben. Die Frau, die heißt wie ich und deren Augen tränen, ist nicht sehr solidarisch mit Prostituierten. Die Frau, die mich zu kennen glaubte, erzählt von ihrer Arbeit und alle hören zu, weil es eine interessante Arbeit ist und die Frau eine sehr schöne Stimme hat. Hochgewachsene Akademiker in Regenjacken ziehen ihre Kinder in Bollerwagen durch die Gegend, in Kinderwägen, wippen mit ihnen auf der Wippe. Zwei Männer spielen ein Rennen auf Wipptieren mit drei Dreijährigen, es ist ein Lachen und ein Leuchten in der Luft und aus der Erde sprießt es grün. Hunde und Raucher bleiben draußen vor dem Tor, nicht eine Glasscherbe, es gibt nichts zu befürchten. Es gibt nichts zu befürchten. Es ist alles in Ordnung.

Erst als die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, ziehen wir weiter, acht Frauen um einen Kinderwagen und eine Mutter mit ernsten braunen Augen. Die Bäume sind hochgewachsen und stolz wie die Menschen, sie haben es geschafft. Sie sind auf der sicheren Seite. Es gibt keine Hunde, keine Glasscherben, keine Prostituierten. Die Frau, die heißt wie ich und deren Augen tränen, sehnt sich nach Berlin. Sie sagt, es liegt am Wetter.
Dann geh doch nach Berlin, sage ich, aber ihr Freund hat einen guten Job in Hamburg.
Wir gehen nicht nach Berlin.
Wir bleiben hier.

Aber ich.
Ich.
Ich trage einen Minirock unter meinem langen Mantel, und ich bin kein halbes Wir.
Und in Akos Wohnung, die einmal Sonjas Wohnung war, in der ich einmal Sex hatte mit dem Mann, den Ako in zwei Wochen heiraten wird, in dieser Wohnung wartet eine Flasche Bombay Sapphire auf mich. Und es wird allerhöchste Zeit für einen Drink.

Die Frau, die immer aufgebrezelt ist, spricht mit mir. Gottseidank ist sie Russin, das macht es unmöglich, sie zu hassen, obwohl sie Glitzerzeug im Gesicht hat und einen winzigen Knackarsch und auf eine private Universität geht, um Jura zu studieren.
Ich verachte sie nicht. Nicht eine von ihnen.

Von da an wurde es besser, wir tranken Gin und aßen das restliche Sushi und waren erleichtert, als Sonja ihre unfassbare Tochter ins Bett brachte, so dass wir endlich aufhören konnten, diesen Schatz anzustarren und uns anderen Dingen widmen, zum Beispiel dem Freund der schönen Russin, der dazustieß, sich auf einen Sessel in die Ecke hockte, sich von Ako Bier bringen ließ und mindestens zwei Stunden lang in höchster Lautstärke und im Brustton der Überzeugung Schwachsinn redete. Wir warfen uns bedeutungsvolle Blicke zu, zogen ihn auf, schämten uns fremd und bemitleideten die schöne Russin, die einen derartigen Vollhonk zum Freund hatte. Auf einmal waren wir eins, und der Vollhonk war draußen, so wie vorher die Glasscherben und die Hunde und die Zigaretten. Wir waren eins und drinnen und konnten rausgucken, und ich war erleichtert.

Der Bombay Sapphire ging runter wie Wasser und irgendwann tat es nicht mehr weh. Seit Sonja nicht mehr da war, war niemand mehr da, der wusste, dass ich vor ein paar Jahren im Nebenzimmer mit Akos zukünftigem Ehemann schlief, nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, wo ich jetzt saß und Akos Schokokekse futterte. Ich ging auf die Toilette und sah Fußballzeitschriften dort liegen, und es tat nicht weh.

Und dann schlug meine Stunde und wir zogen hinaus in die Frühlingsnacht, und die Pärchen ging nach und nach nach Hause. Mein ehemaliger Fußballjunge war jetzt irgendwo im Harz und verabschiedete sich von seinem Junggesellendasein. Wir dachten an ihn, Ako und ich. Wir tauschten Geschichten aus aus der Zeit, als wir beide in Bamberg studierten und nichts voneinander wussten. Ich weiß nicht, ob Akos zukünftiger Ehemann sie schon gekannt hat, als er noch mein Fußballjunge war. Nicht einmal das weiß ich. Es ist alles so rätselhaft und geht so schnell, wie eine plötzliche Flut.

Die Bar, in die wir gehen wollten, war voller giftiger Frauen, die sagten, dies sei eine private Geburtstagsparty und wir dürften hier nicht sein. Die Männer vor der Tür hatten uns hineingebeten, als sie hörten, dass dies ein Junggesellinnenabschied sei, aber die Frauen hinter der Tür warfen uns wieder hinaus. Einer wollte auf eine Party in ein Studentenwohnheim gehen und Ako frage, ob wir lieber auf diese Studentenparty wollten oder in eine andere Bar, und ich rief: Ako! Es ist doch dein Junggesellinnenabschied! Und diesmal rief ich laut genug.
Aber in der Bar war nichts los.

Wir landeten im Studentenwohnheim, wo der Gin Tonic zwei Euro kostete, und wir tranken und tanzten und ich flirtete zum Schein ein paar Jungs an, um Ako zu unterhalten. Watch and learn, sagte ich, und sie lachte. Die Musik kam von einer Winamp-Playlist und über der Tanzfläche hing eine Discokugel, die die Hälfte ihrer Spiegelscherben verloren hat. Und wir tanzten zu „Summer of 69“ und „Bonnie und Clyde“.

Als mir schlecht wurde, beschloß ich nach Hause zu gehen.
Umarmte Ako.
Irrte durch Hamburg und das chaotische HVV-Schienennetz entlang, die gelbe Linie, die rote Linie, die violette Linie, die grüne Linie. Ging zu Fuß durch den Park am dunklen Turm, den Warnungen der Sicherheitsleute zum Trotz.
Ging durch den dunklen Park in meinem Minirock unter meinem langen Mantel, betrunken, aber immer genau wissend, wo ich war und wohin ich wollte.


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12 Kommentare

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fatou
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Mag ich Mag ich nicht

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12.04.2010 - 17:08 Uhr
fatou

oh, das ist gut, unaufgeregt erzählt und ein wenig wie ein gedicht.

DasFoehn
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Mag ich Mag ich nicht

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12.04.2010 - 18:16 Uhr
DasFoehn

uff...junggesellenabschied im harz.
einmal gemeinsam wandern gehen?

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

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12.04.2010 - 18:37 Uhr
nordzucker

selbst gevatter tod traegt heutzutage wolfskin bicolor

bauchgeburt
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12.04.2010 - 20:49 Uhr
bauchgeburt

Geil!

clausen
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Mag ich Mag ich nicht

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12.04.2010 - 22:28 Uhr
clausen

genauso ist der park, genauso sind die leute.nur auf die latte macchiato-becher hab ich vergeblich gewartet

cosmashiva
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Mag ich Mag ich nicht

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13.04.2010 - 14:06 Uhr
cosmashiva

Latte Macchiato gab es nicht, aber dafür Sushi.
Da fällt mir ein:

herrderkringel
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Mag ich Mag ich nicht

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13.04.2010 - 19:30 Uhr
herrderkringel

sehr schön

poormisguidedfool
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Mag ich Mag ich nicht

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18.04.2010 - 14:40 Uhr
poormisguidedfool

so wahnsinnig bekannt.
nur aus männersicht. punkt!

gerade vom junggesellenabschied zurückgekehrt, vom circa fünfzehnten,
d.

cosmashiva
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Mag ich Mag ich nicht

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18.04.2010 - 15:17 Uhr
cosmashiva

@fool:
deine junggesellen setzen sich zum abschied nüchtern tagsüber auf kinderspielplätze? ist das allgemein üblich?

moe_
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Mag ich Mag ich nicht

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10.05.2010 - 21:48 Uhr
moe_

toll geschrieben.
ich hab grad wirklich angst, dass es bei mir auch so wird.
(ich weiß, ist noch 'n bisschen hin..)
aber hey, das wird. so kannst du noch ein bisschn deine "freiheit" genießen, die anderen werden dich in ein paar jährchen darum beneiden, wenn sie mit ihrem ekeligen popelnden furzenden mann aufm sofa fernseh gucken :P

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