09.04.2010 - 18:30 Uhr

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Auf dem Banana-Pancake-Pfad 11: Sextourismus

Text: philipp-mattheis

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den Banana-Pancake-Pfad. Jede Woche lernen wir ein Stück davon kennen.

Pattaya ist ein Puff. Kein durchgehendes Etablissement natürlich, sondern eine 100.000-Einwohner Stadt am Golf von Thailand. Aber die Dichte an Gogo-Bars, gewöhnlichen Bordellen und „Pussy Pingpong“-Shows ist dermaßen hoch, dass der Ruf „Hey, sexy man!“ zu einem Hintergrundrauschen wird. Sextourismus findet in Thailand an drei Orten statt: Bangkok, Phuket und Pattaya. In Pattaya ist es am schlimmsten. Ich traf einen frustrierten Deutschen, den seine thailändische Frau verlassen hatte. Er betrieb dort eine Hähnchenbraterei. „Asiaten lieben Huhn“, sagte er. Auf dem Tisch lag die BILD-Zeitung. Belgier trifft man übrigens auch viele. Am ersten Tag lachte ich noch darüber, wenn auf dem Weg zum Strand permanent Mädchen auf mich zu stürmten, „Hey, sexy man!“ riefen und dann handgreiflich wurden. Sie packten mich an Händen, Unter- und Oberarmen und versuchten mich, in eine rosa-rote, glitzernde Bar zu zerren, aus der irrer Thaipop schallte. Ich grinste, weil ich gelernt hatte, dass man in Thailand ohne Grinsen gar nichts erreicht, und sagte höflich: „No, thanks!“ Am zweiten Tag fiel mir das Grinsen schwer. Ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ich mag es nicht, wenn man an mir herumzerrt und mich mit „Come in!“ anschreit. Am Nachmittag des zweiten Tages wollte ich gar nicht mehr an diesem Ort sein, der so oversexed und overfucked war. Ich ging in ein nuttenfreies Internet-Cafe und spielte bis spät in die Nacht ein Computerspiel namens „Age of Empires“. Dann verlief ich mich.
Backpacker hassen Sextouristen. Sie hassen Sextouristen, wie Globalisierungsgegner George W. Bush hassen oder Greenpeaceaktivisten japanische Walfänger. Sextouristen symbolisieren für Backpacker das Böse: Bierbäuche, die BILD-Zeitung, Tennissocken in Sandalen, Ausländerfeindlichkeit. Sie meiden Sextouristen wie die Pest und sollte es einer aus ihrer Mitte wagen, mit einem einheimischen Mädchen am Strand spazieren zu gehen, hat dieser Kerl sich für alle Zeiten diskreditiert. Er hat sich als brutalstmögliches Schwein geoutet. Er könnte auch sagen: „Krieg? Finde ich geil!“ oder „Ich stehe echt auf Umweltverschmutzung“ – es würde die Runde nicht weiter verwundern. Das Opfer des Schweins wird von Backpackern ignoriert. Mit einem solchen Paar nämlich bricht das ganze Elend, die Niederträchtigkeit und der Materialismus der Dritten Welt in den romantischen Globetrottertraum herein. Die meisten entscheiden sich deshalb für das Ausblenden solcher Abhängigkeitsverhältnisse. Kaum ein Backpacker hat Pattaya je gesehen. Ich schon. Aber ich fahre dort nie wieder hin. Ich lief bis ein Uhr nachts durch die Straßen dieses furchtbaren Orts und konnte mein Hotel nicht finden. Es blinkte rosa hier und lila dort, von da kam ein schrilles „Sexyyy Man!“ und von dort „You! Come in!“, überall Tennissocken in Sandalen, Grillhendl, dicke Deutsche, blöde Belgier. Alles bumste. Ich wollte heim ins Bett und am nächsten Tag raus aus diesem Scheißloch. Aber ich fand mein Hotel nicht. Stattdessen traf ich sie. Wie sie hieß, habe ich vergessen, aber sie schrie nicht „Sexyyy Man“, sondern fragte mich ganz ruhig, wo ich hin wolle. Ich sagte zu meinem Hotel und sie zeigte mir den Weg. Sie fragte mich, ob ich mit ihrer Freundin noch etwas an einem Straßenstand essen wolle und weil ich den ganzen Tag nur „Age of Empires“ gespielt hatte, sagte ich ja. Ihre Freundin war ein Ladyboy und ziemlich aus dem Häuschen. Ihr französischer Freund hatte sich überraschend angekündigt, der sie für eine „echte“ Frau hielt. Der Ladyboy aber hatte sich gerade einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und bei einer solchen Operation muss man die Hormone für einige Wochen absetzen. Jetzt war der Ladyboy zwar kein Ladyboy mehr, sondern eine richtige Frau, sah aber aus wie Spok. Das war alles irgendwie traurig, aber auch lustig. Wir lachten viel und das Mädchen, das echte, sagte irgendwann: „500 Baht“, und sie würde die Nacht bei mir bleiben. Ich sagte: „No way“. Und sie sagte: „Please“ Zehn Euro, sagte sie, sei der Betrag, dem sie dem Barbesitzer als Ablöse geben müsse. Billiger gehe es nicht. Ich sagte nein, und dachte an die bierbäuchigen Belgier und BILD-Zeitungsleser. Sie sagte: „Please“, denn sonst müsse sie die Nacht mit ebensolchen Leuten verbringen. Sie wollte nicht mit dicken, hässlichen Männern schlafen und ich hatte Angst, einer von ihnen zu werden, würde ich es tun. Ich sagte nein und dann ging sie. Ich weiß bis heute nicht, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich weiß nur, dass man sich Orte wie Pattaya sparen kann.


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OOMONO
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Mag ich Mag ich nicht

12

09.04.2010 - 20:01 Uhr
OOMONO

krasse geschichte, aber was hat dich davon abgehalten, ihr die zehn euro einfach so zu geben?
du bist europäer, du hast auf jeden fall mehr geld. zehn euro tun nicht weh, ersparen ihr aber bestenfalls eine nacht mit nem alten mann mit mundgeruch.

oder geht es womöglich nur darum, seinen backpackertraum am leben zu erhalten und die berührung mit der lebensrealität der menschen vor ort zu vermeiden, zugunsten der eigenen romantischen vorstellungen? das wäre extrem egoistisch.

Winterzauber
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Mag ich Mag ich nicht

1

09.04.2010 - 20:06 Uhr
Winterzauber

Pattaya ist super. Bin fast jedes Wochenende hingefahren. Rockt.

chocolatecat
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Mag ich Mag ich nicht

3

09.04.2010 - 20:08 Uhr
chocolatecat

und was wolltest du überhaupt in pattaya?

(schöne illu, mal wieder. die bild-schlagzeile ist besonders gelungen.)

trachtenjankerl
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Mag ich Mag ich nicht

1

09.04.2010 - 20:23 Uhr
trachtenjankerl

Ich glaub die Story bis zum drittletzten Satz. Sorry.
Auf den Pancake-Weg gibts keinen Sex, und ich soll glauben, daß einer keinen Sex will, bei dem er sich nachher auch noch ohne größere Anstrengungen einreden kann, daß es eine gute Tat war?

Naja, ich war ja auch noch nie weiter wie Italien. ;-)

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

0

09.04.2010 - 20:24 Uhr
nordzucker

du fragst dich, ob du die richtige entscheidung getroffen hast, weil du dich letztlich doch fragst was du verpasst hast!

ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

5

09.04.2010 - 20:53 Uhr
ThomasCrown

was genau sollte man bei sex mit einer prostituierten verpassen? sex, der der fau keinen spaß macht, sie vielleicht anwidert, für den sie kein anderes motiv als geld und überleben hat? danke, nein.

Overminded
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Mag ich Mag ich nicht

0

09.04.2010 - 23:08 Uhr
Overminded

Ihr hätte es auf jeden Fall mehr Spaß gemacht als mit einem ekelhaften, betrunkenen Rentner. Anscheinend haben sie sich ja auch gut verstanden, also wäre es für die Frau sicher eine "willkommene Abwechslung", um es mal zynisch auszudrücken.

Achja, die 10 Euro einfach so zu geben, hätte mMn keiner Ethik der Backpacker widersprochen...

2_b
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Mag ich Mag ich nicht

0

10.04.2010 - 01:25 Uhr
2_b

sie zeigte mir den Weg
Sie fragte mich, ob ich ... noch ... essen wolle
*Ihre* Freundin ... eine richtige Frau ...
Wir lachten viel und das Mädchen, das echte, sagte irgendwann: „500 Baht“, und sie würde die Nacht bei mir bleiben.
Ich sagte nein, ... denn sonst müsse sie (ich?) die Nacht mit ebensolchen Leuten verbringen
und ich hatte Angst, einer von ihnen zu werden

ich meine, der Autor hat eine andere Seite von Pattaya gesucht und vielleicht gefunden - allerdings hat der den Beruf seiner Begleitung verwechselt - war wohl eher Hostess (lateinisch hospes - Gastgeber&in - zumindest hätte er es so sehen können?). Und Nächte sind für "vieles" gut?

UMUK - Live long and prosper

p.s. ja, ich lese selektiv, lasse aus und interpretiere ;)

meuchelpuffe
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Mag ich Mag ich nicht

7

10.04.2010 - 03:43 Uhr
meuchelpuffe

hmmm - eine spur von bigotterie lässt sich nur schwer übersehen.

und die zehn euro hättest du schon abdrücken sollen. einfach nur so. um ein etwas angemottetes wort zu benutzen: aus grossherzigkeit.

2_b
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Mag ich Mag ich nicht

0

10.04.2010 - 04:53 Uhr
2_b

im Nachhinein ist man leicht klüger,
konstruktiver sind alternative Sichtweisen und nicht Vorwürfe?

Maybe "The wrong person, in the wrong place, at the right time?"
Zu hier passt die kurze Stelle 1:57 bis 1:58 und 1:05? und an die Verharmlosung der Konsequenzen und der Abrede von KriegsAlternativen in Afghanistan (0:57 - 1:04?) erinnert mich der ganze Vorspann (Trailer):
Good Morning ...

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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.