02.04.2010 - 18:30 Uhr

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Die beste Brille der Welt

Text: anna-kistner - Illustration: katharina-bitzl

Schon klar: Hornbrillen machen niemanden schöner. Unsere Autorin erklärt, warum die Hornbrille trotzdem die beste Brillenfassung der Welt ist.

Es gibt da diesen Werbeclip aus dem Jahr 2000: Eine Osterglocke kämpft sich durch das Erdreich nach oben, öffnet ihre gelben Blütenblätter, erblickt auf der Parkbank neben sich ein Mädchen mit einer überdimensional großen Hornbrille. Und muss kotzen. Das Lustige ist: der Slogan „Hässliche Brille? Die Frühjahrskollektion ist da!“ offenbart ihre wahre Ironie erst heute. Schließlich sieht die Frühjahrskollektion im Jahre 2010 ziemlich exakt so aus wie das hässliche Brillengestell aus dem Clip. Und das damals so unmodischen Mauer-blümchen auf der Parkbank würde heute problemlos die Cover sämtlicher Style-Magazine zieren können. Alle tragen sie große Hornbrillen: Ghetto-Rapper, Hollywood-Stars, Jugendwelle-Moderatoren, Friseusen, Barkeeper, H&M-Kunden. Es sind so viele, dass es langsam wieder weniger werden. Das ist gut so. Denn die Nerdbrille als Anbetungsobjekt der Hipster verdeckt in ihrer hemmungslosen Geltungssucht den wahren Star der Bewegung: die schlichte Hornbrille. Die beste Brille der Welt.
Ich habe mich zugegebenermaßen ziemlich geärgert, als der Brillen-Experte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Hauptstadt exakt mein „August“ genanntes Horngestell als „Brille des Jahres“ in die Kamera hielt. Ich will kein Trendsetter sein, der die These von der Hornbrille als weltbeste aller möglichen Brillenfassungen mit der Tatsache begründet, dass er sie selber trägt. Die Hornbrille ist das logische Resultat der Erkenntnis, dass Brillen einfach nie gut aussehen. Wer kurzsichtig ist, bekommt mit einer Brille Maulwurfsaugen oder kleine schwarze Löcher ins Gesicht gestanzt. Wer weitsichtig ist, hat plötzlich schweinwerfergroße Glubscher hinter dem vergrößernden Brillenglas. Wer an dieser Tatsache nicht verzweifeln möchte, kann entweder Kontaktlinsen tragen. Oder die Flucht nach vorne antreten. Und eine Hornbrille tragen. Nach zwanzig Jahren Brillenträgertum, nach der rosa-lila Kinderbrille in Tropfenform, dem Metallgestell mit Sportbügeln, der unauffällig runden Esprit-Fassung und der viereckigen Plastik-Brille in Dunkelrot weiß ich, dass es keine Brille gibt, die mir steht. Und Achtung, es liegt nicht an mir. Brillen - egal welcher Form, Farbe oder Preisklasse - sind nie schön. Jeder Mensch sieht ohne Brille besser aus. Wer zu randlosen Modellen, Titan-Fassungen oder Brillen mit Metallbügeln greift, löst dieses Problem nicht, sondern kapituliert davor. Wahre Kämpfer tragen Horn. Helmut Kohl in seiner Zeit als junger Wilder aus der Pfalz, Buddy Holly als Krawallmacher mit Gitarre, Christian Bale als „American Psycho“, Woody Allen als Prototyp des modischen Außenseitertums. Sogar John Lennon trug Hornbrille bevor er sich in den 70ern für das ovale Modell „Weltfrieden“ entschied. Das Schöne an der Hornbrille ist nicht ihr Aussehen, sondern ihre Botschaft. Hornbrillen sind ehrliche Produkte. Sie versuchen gar nicht erst, den Sehfehler, den sie korrigieren sollen, zu verheimlichen. Hornbrillen stehen aufrichtig und gerade im Gesicht ihres Besitzers und sagen laut und deutlich: „Ich sehe schlecht. Und ja, es ist zum Kotzen.“ Hornbrillen bejahen den Makel, sie erheben die Fehlerhaftigkeit zum Prinzip. Und selbst wenn sie tonnenschwer auf dem Nasenbein lasten, sind sie vor allem eines: wahnsinnig befreiend. Wer Hornbrille trägt, tut sich vor allem selbst einen Gefallen. Möge der Betrachter davon halten, was er will. Natürlich gibt es auch unehrliche Hornbrillen. Wahnsinnig nervig sind sie zum Beispiel in Highschool-Filmen oder Sat1-Telenovelas als Kennzeichen des hässlichen Entleins. Als eine Art Gesichtskäfig, hinter dessen Gitter die spätere Promnight-Königin die Hälfte des Films traurig zu Boden guckt. Die Regisseure solcher Erzeugnisse vergessen gerne, dass heutzutage niemand rein zufällig eine Hornbrille trägt. Gut möglich, dass das vor fünfzig Jahren so gewesen ist. In den Gesichtern auf den Fotos unserer jungen Eltern wirken die schwarzen Hornfassungen oft deshalb so deplaziert, weil die Träger den Eindruck vermitteln, keine Wahl gehabt zu haben. In Deutschland gab es bis Anfang der 1980er Jahre tatsächlich nur sechs Kunststoff-Fassungen für Erwachsene und zwei für Kinder, deren Kosten von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen wurden. Aus Mangel an Alternativen muss heute aber niemand mehr Horn tragen. Im Gegenteil: Hornbrillen sind die anpassungsfähigste Brillenform der Welt. Es gibt große, kleine, bunte und schwarze, runde, eckige und neuerdings auch welche mit Doppelsteg. Kaum eine andere Brillenfassung lässt so viele Charaktereigenschaften zu wie die Hornbrille. Je nach Modell, macht sie den Träger kreativ, sexy, intelligent, konservativ, jung, alt - oder sie lässt ihn eben total dämlich wirken. Aber wie im Falle der Nerdbrille steht auch dahinter eine Absicht. Auch wenn es nur das banalste aller Bad-Taste-Party Mottos ist: Alles kann, nichts muss. In spätestens einem Jahr wird die Nerdbrille als amoklaufender Abkömmling der Hornbrille aus den Gesichtern der Hipster verschwunden sein. Menschen, die den Werbeclip mit der kotzenden Blume betrachten, werden sich dann nicht mehr wundern, sondern laut lachen. Der Trend wird gehen. Die Hornbrille aber bleibt. Auch auf meiner Nase. Und sei es nur als Kampfansage gegen diese verdammt dominante Sehschwäche.


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soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

02.04.2010 - 19:51 Uhr
soylentyellow

Setzt man eine Brille auf bzw ab? Oder zieht man sie an bzw aus?

Bei mir ist es eindeutig letzteres weil ohne Brille sehe ich - nichts. Also gehört das Brille anziehen morgens genauso dazu wie das T-Shirt und die Hose - ohne diese tut man ja auch keinen Schritt aus dem Haus.

---

Was ich immer sehr irritierend finde ist Brillenwerbung von Optikern deren Gläser keine Stärke haben. Besonders Kettenoptiker werben gerne mit Bildern von Models die Brillen tragen die keine Verzerrung nach sich ziehen. Sehr irritierend, weil wieso würde ich mir eine Brille kaufen wenn diese die Lichtstrahlen NICHT ablenkt? Das wäre ja wie Computer ohne Chip...tolles Design, aber ohne Rechenleistung...

JoergAuch
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Mag ich Mag ich nicht

1

02.04.2010 - 19:55 Uhr
JoergAuch

diedrossel sagte:
cellulosenitratlacke gibt es auch heute noch. zumindest in mischungen. aber total off-topic. scusi.

Für Spezialanwendungen ist das Zeug wohl noch im Umlauf, auch Billardkugeln und Tischtennisbälle und natürlich Filme wurden früher daraus gefertigt, aber es ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich aus der Mode gekommen. Es gibt ja fast überall bessere Alternativen.

Woraus Brillengestelle aktuell sind, weiß ich übrigens auch nicht so genau, da gibt es sicher verschiedene Werkstoffe.

vitilevu
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2

02.04.2010 - 19:59 Uhr
vitilevu

Ich setze meine Brille auf und ab. Die Bezeichnung "anziehen" finde ich in diesem Zusammenhang schrecklich.

Kunststoff zerkratzt schneller als Glas, ist dafür aber wesentlich robuster und leichter.
Glasgläser sind bei hoher Weitsichtigkeit zu empfehlen, da diese einfach dünner sind als Kunststoffgläser, dafür aber auch schwerer. Und Glas ist gefährlicher, wenn das mal zerspringt vor dem Auge...

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

0

02.04.2010 - 20:00 Uhr
soylentyellow

Aporia sagte:
soylentyellow sagte: Jetzt aber zur wirklich wichtigen Frage: Die Gläser aus Kunststoff oder Glas?

Kommt drauf an, wie sehr sich die Sehstärke noch ändert


Ist Plastik etwa billiger?


vitilevu sagte:
Ich mag mich inzwischen ohne Brille gar nicht mehr sehen.


Ich *kann* mich ohne Brille nicht sehen.

Interessant dazu: Als es an der Zeit für eine neue Brille war konnte ich mich nicht entscheiden welches Modell denn am Besten aussähe. Also habe ich Fotos von mir den diversen Brillenmodellen gemacht und dann Freunde um Hilfe gefragt. Jeder hatte einen anderen Favorit, bis auf eine die keiner mochte (die sah aber auch wirklich schrecklich aus). Da war ich also nachher genauso schlau wie vorher.

Dann ging die (brandneue) Brille (nur das Gestell) kaputt und ich brauchte kurzfristig eine Ersatzbrille. Die Gläser waren noch heile und der Optiker fand zum Glück ein Gestell in das die Gläser passten. Eine Frauenbrille in türkis. Grauenhaft - aber was will man machen wenn man nicht blind das Wochenende verbringen möchte...hat aber keiner gemerkt - niemand hat mich darauf angesprochen (vielleicht waren sie auch nur zu höflich?).

Vielleicht wird eine Brille doch überschätzt?

vitilevu sagte:

"5. Man kann Metallbrillen löten falls der Rahmen durch Gewalteinwirkung (draufsetzen) gebrochen ist."

Das stimmt so nicht, man kann Brillen aus Celluloseacetat kitten sofern das Material noch nicht zu bröselig ist, und Metallfassungen kann man auch nur begrenzt löten, ebenfalls eine Frage des Alters.


Da bin ich ja beruhigt, denn meine alte Metallbrille musste einmal gelötet werden und da war ich echt froh drum. Dass das mit meiner neuen Hornbrille aus Acetat auch geht wusste ich nicht.

lenitas
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Mag ich Mag ich nicht

6

02.04.2010 - 20:02 Uhr
lenitas

schlimmer als hornbrillenträger sind nur hornbrillenträger mit fenstergläsern.

Cate81
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Mag ich Mag ich nicht

8

02.04.2010 - 20:09 Uhr
Cate81

Hab den Text nur überflogen.
Meine Meinung dazu: nein. Hornbrillen sind nicht die besten Brillen der Welt. Sie sind vielleicht die besten Brillen der Welt für denjenigen, dem sie richtig gut stehen.
anna-kistner gehört definitiv nicht zu dieser Gruppe von Menschen. Nein, ich bin kein Modeopfer - oder was sollte der Text ausdrücken? Ähm...ich fürchte, ich seh's anders. Sorry.

Karamelleis
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Mag ich Mag ich nicht

4

02.04.2010 - 20:11 Uhr
Karamelleis

Ich will kein Trendsetter sein, der die These von der Hornbrille als weltbeste aller möglichen Brillenfassungen mit der Tatsache begründet, dass er sie selber trägt.

ah ja,und deshalb liest man hier öfters texte von dir die nur über diese brille handeln.
zwetens: friseuse sagt man seit 1989 nicht mehr.
drittens: gibt es sehr wohl menschen die mit brille sehr gut aussehen. (allerdings kenne ich keinen der das mit dieser hornbrille tut..ok)
ich trage meine brille sehr gerne und ohne fühle ich mich nackt.

neuerdings tragen ja auch herren ab 40+ gerne hornbrillen,zumindestens hier in Wi. ob das auch zu midlife crisis gehört?

littlejohn
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Mag ich Mag ich nicht

3

02.04.2010 - 20:15 Uhr
littlejohn

ich bin auf brille angewiesen (immer schon) und wünschte ich wärs nicht, kann daher auch leute nicht wirklich ernst nehmen die sich wünschen eine brille zu brauchen...-
leute, die mit brille gut aussehen, sehen ohne brille meist noch besser aus...

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

0

02.04.2010 - 20:16 Uhr
soylentyellow

Wo bekommt man den Schraubenzieher her der *exakt* zu den Schrauben des Bügels passt? Ich habe weit und breit gesucht aber keinen gefunden der *exakt* passt.

Warum ist das eigentlich eine simple Schlitzschraube und keine Kreuzschlitzschraube?

Warum gibt es für viele Sonnenbrillenmodelle (man denke an sowas wie Oakley) eigentlich keine bzw. kaum ordentliche Brillenschachteln?

Weil so eine Sonnenbrille trägt man ja nur in der Sonne und nachts oder wenn die Sonne nicht mehr brennt muss die Brille ja irgendwo hin ohne zerquetscht zu werden oder zu zerkratzen - aber für meine Sonnenbrille habe ich auch sehr sehr lange suchen müssen bis ich irgendwann eine Ersatzschachtel gefunden habe weil die Originalschachtel ("ich kaufe sie nur wenn es auch eine Schachtel gibt" - woraufhin der Laden auf den Kopf gestellt wurde um eine zu finden) dem Druck im Rucksack irgendwann nicht mehr stand gehalten hat...

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Mag ich Mag ich nicht

5

02.04.2010 - 20:19 Uhr
soylentyellow

littlejohn sagte:
ich bin auf brille angewiesen (immer schon) und wünschte ich wärs nicht, kann daher auch leute nicht wirklich ernst nehmen die sich wünschen eine brille zu brauchen...-
leute, die mit brille gut aussehen, sehen ohne brille meist noch besser aus...


Keine Brille beschlägt auch nicht. Keine Brille wird im Regen nicht nass. Keine Brille kann nicht verkratzen. Mit keiner Brille sieht man auch seine Freunde im Schwimmbad wieder.

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