28.03.2010 - 18:30 Uhr

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Der Buddhist vom Domberg

Text: peter-wagner - Fotos: Gerald von Foris

Warum Philipp ein Mönch wurde und in seiner bayerischen Heimat ein buddhistisches Kloster eröffnete - eine Geschichte über Sinn und Glauben

Für gläubige Buddhisten ist es etwas Besonderes, mit ordinierten Mönchen zu meditieren. Viele thailändische Frauen sind mit ihren deutschen Männern zur Kathinafeier gekommen. Im Hintergrund trägt der Koch eines Freisinger Thai-Restaurants eine Warmhaltebox herein. Er baut ein duftendes Buffett auf. Jeden Tag sind die Mönche auf Spenden angewiesen. Das zwingt sie, Kontakt zu den Menschen zu halten. Auf der Website des Klosters veröffentlicht Philipp gelegentlich, was im Haus noch fehlt. Hausschuhe zum Beispiel. Besteck. Er wünscht sich Spenden für eine Bibliothek, die er anlegen will.
Unterwegs auf Almosengang: Bhikkhu Philipp, rechts, und Tejobhasa, ein Gastmönch aus Burma. Wenn Philipp erklärt, warum er zurück kam und die Mühe einer Klostergründung auf sich nahm, spricht er von Dankbarkeit. „Ich kam zurück, weil es meinem Vater wieder nicht gut ging. In jenen Tagen fragte ich mich, ob es möglich ist, als buddhistischer Mensch hier zu leben? Mir ist in Freising viel Gutes getan worden und ich möchte dieses Gute zurückgeben. Die Wahrheiten des Buddha, das Dhamma, sind das Kostbarste, das ich für mich gefunden habe. Ich dachte, damit könnte ich meine Heimatkultur bereichern.“ Philipps Mutter glaubt, dass es immer mehrere Gründe gibt, warum man etwas tut. „Er hatte eine schwere Kindheit“, sagt sie. Philipps Vater war Alkoholiker. Häufig kam er mit seinem gescheiten Sohn nicht zurecht. Er fühlte sich ihm unterlegen. „Das hat er Philipp spüren lassen“, sagt die Mutter. Das Verhältnis sei schwierig gewesen, habe sich nach Philipps Auszug aber geändert. Schließlich geschah während Philipps Studium etwas Seltsames. Die Eltern waren längst geschieden, Philipp besuchte seinen Vater manchmal in dessen Wohnung. Nachdem er eines Morgens bei ihm war, ging er am Nachmittag zum Einkaufen in die Stadt. Er hatte gerade sein Rad mit den Lebensmitteln bepackt, als ihn ein diffuses Gefühl beschlich, seinem Vater gehe es nicht gut. Er schaute nochmal bei ihm vorbei. Er klingelte, doch niemand öffnete. Philipp hatte als Einziger der Familie einen Schlüssel zur Wohnung und sperrte auf. Er fand ihn am Boden, gefangen in einem Krampfanfall. Obwohl ein Arzt die Überlebenschancen an jenem Tag nur sehr gering einschätzte, überlebte der Vater, wurde aber mit den Jahren immer pflegebedürftiger. „Philipp hat ihn gerettet“, sagt die Mutter. Sie glaubt noch heute an ein Wunder, das Philipp damals in die Wohnung geführt hat. Sie glaubt auch, dass Philipps Rückkehr nicht nur mit dem Wunsch zu tun hat, den Buddhismus zu lehren und etwas zurückzugeben. „Er liebt seinen Vater sehr. Trotz seiner negativen Erfahrungen.“ Viele Menschen suchen in irgendeiner Form nach einer Art außerweltlichem Halt. Vielen wird schon als Kind der Glaube an eine bestimmte Religion übergeben. Philipp wuchs katholisch auf und stellte in der Pubertät seinen Glauben in Frage. Er spricht heute von „gewöhnlicher reflektiver Selbstbeschäftigung“, von normalem philosophischem Denken, das ihn zum Buddhismus geführt habe. Es schien ihm angemessener, selbst nach dem Sinn seines Daseins zu forschen als einfach zu glauben, dass es da Etwas gibt. Christen offenbart sich ihre Religion, sagt man. Buddhisten erfahren die Welt. Philipp trat aus der Kirche aus. Der Buddhismus scheint ja auch gut in unsere Zeit zu passen. Aus den Menschen sind Individualisten geworden, Selbstverwirklicher, die sich andauernd selbst erforschen. Aus einer solchen Lebensperspektive heraus könnte man ganz gut behaupten, der Buddhismus sei um einiges zeitgemäßer als zum Beispiel das Christentum. Man könnte sagen, dass sich auf dem Freisinger Domberg nun zwei Religionen gegenüber stehen. Aber wenn man so denkt, handelt man sich einen Widerspruch von Martin Rötting ein. Rötting hat Philipps Ankunft miterlebt. Er war sieben Jahre lang der Gemeindereferent der Kirchengemeinde St. Georg in Freising und arbeitet heute für die Katholische Hochschulgemeinde der Münchner Universität. Rötting erinnert sich an aufgeregte Anrufe von Gemeindemitgliedern, die ihn vorsichtig darauf hinwiesen, dass da nun, naja, so ein Buddhist in der Stadt sei! Er erinnert sich an einen Kirchenmann, der es ganz verwerflich fand, dass Bhikkhu Philipp den Korbinianbären in das Wappen seines buddhistischen Klosters mit aufnahm. Angeblich war der Heilige Korbinian vor vielen hundert Jahren nach Rom unterwegs, als ein Bär sein Lastpferd riss. Zur Strafe lud er dem Bären sein Gepäck auf und lief mit ihm nach Rom. Der Heilige Korbinian ist heute der Schutzpatron des Erzbistums München und Freising. Der Bär ist heute das Wappentier von Papst Benedikt XVI. Aber Martin Rötting findet das mit dem Bären nicht wild. Vielleicht, weil er Occurso gegründet hat, ein Institut für interreligiösen Dialog. Rötting kann erklären, dass es da Zusammenhänge gibt; dass es im Glauben mehrere Wege gibt, die zum gleichen Ziel führen. Es geht da zum Beispiel um’s Leersein: „Im Buddhismus ist die eigene Leerheit der Ausdruck dafür, dass mich nichts mehr leiden lässt. Nun gibt es in der Theologie das Wort Kenosis. Es bedeutet die Entleerung des Menschen. Die Entäußerung. In Gott scheint es etwas zu geben, das dem Menschen die völlige Freiheit gibt. Es bringt ihn dazu, nicht mehr an Macht festzuhalten. Gott hat es vorgemacht: Er hat sich seiner Macht entleert und das Symbol dafür ist das Kreuz.“ Rötting holt aus. „Es heißt: Selig sind die, die arm sind. Wer also nichts mehr hat, kommt ins Himmelreich. In den buddhistisch-christlichen Dialoggesprächen zitieren wir immer den christlichen Mystiker Meister Eckhardt. Er sagt: Nur in dem Nicht kann Liebe sein. Gott ist ein reines Nicht. Das ist jetzt der Zugang der Christen zur buddhistischen Meditation. Beide, der Buddhist und der Christ, müssen den Eigenwillen aufgeben, um ihr Ziel zu erreichen. Sie dürfen keine Egoisten mehr sein.“ Martin Rötting nestelt an seiner Brille. Dann kommt der letzte Satz, der auf einfache und komplizierte Weise beschreibt, was Glauben für einen Buddhisten und einen Christen bedeutet, was Glauben vielleicht ganz generell bedeutet: „Sie müssen loslassen – und sich den Tod vorstellen.“
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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