26.03.2010 - 18:30 Uhr

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Auf dem Banana-Pancake-Pfad 9: Lange Reisen

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den Banana-Pancake-Pfad. Jede Woche lernen wir ein Stück davon kennen.

Am Bahnhof von Goa erschien uns Tobi. Seine Augen strahlten und der Schweißfilm auf seinem Gesicht reflektierte die Morgensonne, was ihm einen besonderen Glanz verlieh. Wir hatten uns alle drei im Nachtzug von Mumbai kennengelernt und hatten 14 ruckelige, lärmende, schlecht riechende Stunden hinter uns. Der Geschmack in unseren Mündern war fahl von Zigaretten, Chai und Kaugummi als Zähneputzenersatz. Wir waren müde, die Rucksäcke auf unseren Schultern wogen schwer, die Sehnsucht nach einem Bett war groß. Und Tobi strahlte, als hätte er Uran verschluckt. Er gab uns allen die Hand und sagte dann einen Satz, den er die nächsten Tage immer wieder wiederholen sollte. Er sagte auf Englisch mit holländischem Akzent: „Ich komme aus Varanasi. Ich bin 48 Stunden mit dem Zug gefahren – dritte Klasse.“ Echte Backpacker fliegen nicht, sie legen Strecken über Land zurück. Zumindest sind sie der Meinung, dies tun zu müssen. Wer fliegt, ist ein Weichei, ein reiches noch dazu. Was zählt, ist die Bewältigung der Distanz in einem möglichst unbequemen Gefährt. Ab zwölf Stunden wird die Fahrt für erzählenswert gehalten. Ab 24 Stunden wird sie zu einem abstrakten Orden, einer Auszeichnung, die im richtigen Kreis erwähnt, zahlreiche „Oh my God“-‚s seitens der Zuhörer hervorruft und diese dazu einlädt, ebensolche Anekdoten zu erzählen. Es folgen Geschichten aus dem „Chicken Bus“, in dem jemand für 14 Stunden seinen Platz mit einer Guatemaltekin und vier Hühnern teilen musste, beschallt von lateinamerikanischen Liedern, in denen verdammt oft das Wort „corazon“ vorkommt. Oder von kambodschanischen Pickup-Trucks, auf deren Ladefläche 20 Schweden, Engländer, Israelis und zwei Ziegen gepfercht wurden. Von chinesischen Zügen, in denen Bauern vom Land 16 Stunden lang auf den Boden spuckten, bis man sich Gummistiefel wünscht. Solche Sachen eben.
Echte Backpacker nehmen natürlich die billigste Variante, in seltenen Fällen, weil sie tatsächlich sparen müssen, viel öfter aber, weil sie „reisen möchten, wie die Einheimischen reisen“ und weil sie sich selbst beweisen wollen, wie hart sie sind. 36 Stunden auf einem ungepolsterten Sitz rechtfertigen in dieser Rechnung zwei Wochen Rumhängen und Kiffen in einer Hängematte am Strand und führen zu einem „Ich habe es mir verdient“-Gefühl. In Thailand, dem Modellland des Backpackings, hat man diesen Gratifikationseffekt mittlerweile institutionalisiert: Auf der Khaosan-Road in Bangkok gibt es All-Inclusive-Tickets auf eine der Inseln im thailändischen Golf: 12 Stunden Nachtbus- oder –zugfahrt, anschließendes Verladen des schlecht gelaunten, verschlafenen Packs auf eine Fähre, auf der bei schlechtem Seegang dann alle zusammen kotzen. Nach dieser 16-stündigen Tortur ist jeder Strand ein verdientes Paradies. Ich traf Tobi zwei Tage später am Strand wieder. Er baumelte wie ein Faultier in einer Hängematte und grinste entrückt. Die Sonne versank im Arabischen Meer, es roch nach „Chicken Masala“ und nach nepalesischem Haschisch. Ich fragte ihn, wie Varanasi gewesen sei und ob es sich lohne, dorthin zu fahren. Er sagte: „48 Stunden“. Nachtrag: Inder sind im allgemeinen lustige, freundliche Menschen. Sie lachen oft, wackeln mit dem Kopf, wenn sie ja sagen wollen und sprechen ein Englisch, das nach Kindergarten klingt. Sie neigen aber zu einer gewissen Distanzlosigkeit. Der Zug von Delhi nach Mumbai ruckelte und als ich nach einer Stunde Halbschlaf die Augen öffnete, standen vor meinem Bett vier Inder und – glotzten. Sie sagten nichts, lachten nicht, berührten mich nicht, sie glotzten mich einfach an. Einer von ihnen ging kurz weg, um noch mehr Inder zu holen, die dann ebenfalls vor meinem Bett standen und glotzten. Eine Zeitlang glotzte ich zurück, dann entschied mich dafür, sie zu ignorieren, drehte mich auf die andere Seite und versuchte zu schlafen. Irgendwann verschwanden die Inder und irgendwann kam der schwitzende, stinkende und dampfende Zug in Mumbai an. Nach 20 Stunden. Ich musste das noch schnell loswerden...


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komber
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Mag ich Mag ich nicht

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26.03.2010 - 19:02 Uhr
komber

wer ist "wir" und "drei"???

transworld
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Mag ich Mag ich nicht

1

26.03.2010 - 19:04 Uhr
transworld

genau so isses tatsächlich!!!

junemond
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Mag ich Mag ich nicht

4

26.03.2010 - 20:04 Uhr
junemond

Ich bin verblüfft, wie Philipp Mattheis den Backpacker Nerv so genau trifft. Ich bin erschrocken, dass er auch mich trifft, obwohl ich mich doch immer von dem uniformierten Backpackerpack abgrenzen wollte.
Aber mich hat das "Stahbad Indien" zu einem von Ihnen gemacht. 48 Stunden habe ich nicht geschafft, aber wie wär es mit 42 Stunden von Bangalore nach Kalkutta, mit dem Seelenverkäufer von Singapore in das Herz Sumatras ( 46 h und nicht zu vergessen, das war in den achtzigern) und Thailand natürlich auf der Ladefläche eines Kieslasters ( auch in den 80igern, als die Banken alle zu hatten und wir unsere TC- Schecks nicht tauschen konnten und dann waren wir noch mit 32 Mönchen auf einem Toyota Pick- up .........)
Aber das ist auch eine Art von Heimat und ich reise noch immer gerne Backpack. Philipp wir werden uns sicher mal treffen.

Shorebilly
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2010 - 21:23 Uhr
Shorebilly

" Es folgen Geschichten aus dem „Chicken Bus“, in dem jemand für 14 Stunden seinen Platz mit einer Guatemaltekin und vier Hühnern teilen musste, beschallt von lateinamerikanischen Liedern, in denen verdammt oft das Wort „corazon“ vorkommt."

been there, done that. business class fliegen und fuer die kurzstrecke eine privatlimo mit chauffeur sind trotzdem geiler, weshalb das auch jeder "einheimische" sofort vorzieht, sobald er sich das leisten kann.

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

1

26.03.2010 - 21:32 Uhr
soylentyellow

Bin einmal dritte Klasse von Luxor nach Kairo. Dritte Klasse dürfen Touristen nicht, weil, weiß auch niemand. wann der Zug fährt wollte uns auch niemand sagen bis auf den Teeverkäufer (Halb eins morgens). Dritte Klasse Züge halten auch nicht, sie fahren im Bahnhof nur langsamer.

Wir (vier Jungs) also: Rucksäcke auf, rein in den Waggon und gleich wieder rausgeflogen. Zug wird wieder schneller. Also rein in den nächsten Waggon, und oh Wunder, vier freie Plätze. Hingesetzt, umgeschaut, Frauen. Ganz viele Frauen. Nur Frauen, kein einziger Mann. Kann das sein? Keiner sagt was, also schlafen gestellt. Später doch noch zwei Männer entdeckt. Am nächsten Morgen festgestellt dass sich ein Schulausflug zwei Waggons gemietet hat, aus dem Jungswaggon sind wir rausgeflogen und die Lehrer im Mädchenwaggon müssen entschieden haben dass wir als Ausländer nicht wirkliche Männer sind und deshalb bleiben dürfen. Haben dann zusammen mit einem Waggon voller sechszehn, siebszehnjähriger bekopftuchter Mädchen zusammen gefrühstückt und alle (ALLE!) haben ihr erstaunlich gutes Englisch an uns ausprobiert.

Kein Schaffner weit und breit, der restliche Zug war heillos überfüllt, man sieht alte Männer (mit riesigem Sack auf dem Rücken) Anlauf nehmen und dann wieder zurückfallen weil der Zug so voll ist dass keiner mehr reinpasst. Irgendwann kam dann auch der Schaffner, der alles (ALLES!) wusste (wer woher wohin etc) und problemlos unsere Schülerausweise für den Studentenrabatt akzeptiert hat. ZweiMarkfuffzig für 600 (800?) km. Als wir dann nachmittags in Kairo ankamen waren alle Taxifahrer erstaunt wo wir denn herkämen und als wir meinten aus dem Dritte Klasse Zug war auch klar dass wir dann wohl die Metro nehmen werden. Richtig! Super wars, aber danach trotzdem nie wieder.

der_ingenieur
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.03.2010 - 23:10 Uhr
der_ingenieur

Ans angestarrt werden muss man sich echt gewoehnen. in der 2. class a/c kann man wenigstens die Tuer des Abteils verrammeln

ein_oxymoron
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Mag ich Mag ich nicht

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27.03.2010 - 00:14 Uhr
ein_oxymoron

das klingt alles ganz, ganz fuerchterlich fuer mich. und zwar nicht so, dass ich den mut und die gelassenheit dieser backpacker bewundern wuerde, sondern so, dass ich mich frage, wie man so bekloppt sein kann, sich sowas freiwillig anzutun. aber macht ihr nur alle, dann hab ich hier wenigstens meine ruhe ;)

lottachen
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Mag ich Mag ich nicht

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29.03.2010 - 03:27 Uhr
lottachen

in drei wochen werde ich einen zug von mumbai nach goa nehmen, aber gewiss nicht in der dritten klasse. been there, done that gilt auch für mich. pflicht erfüllt in thailand und indonesien.busfahrt von jakarta nach bali, 28h, aber ein raucherkabäuschen(mit fenster) im bus und 2 äußerste scharfe raststättenmahlzeiten. im nachhinein natürlich total super, aber diesmal wirds trotzdem eine erste klasse bahnfahrt!

Bofski
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Mag ich Mag ich nicht

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29.03.2010 - 16:30 Uhr
Bofski

Naja, es liegt wohl eher daran, dass es im Flugzeug schlicht und einfach langweilig ist. Es geht ja nicht darum möglichst viele Touristenattraktionen abzuklappern und von Strand zu Strand zu jetten. Dafür kann man viel bequemer und informativer Studienreisen oder Pauschaltourismus buchen. Es geht ja vielmehr darum zwischenmenschliche Erlebnisse zu haben, das ganze Land kennen zu lernen, Eindrücke zu sammeln. Das geht mit dem Zug, im Minibus, im Taxi, auf dem Motorrad Taxi leichter als in der Economy Class. Wenn man das Geld hat und die Möglichkeit überhaupt besteht, wird man sich kaum freiwillig auf ein Dach eines Wagons setzen. Ich bin von Bandung nach Jakarta im Argo Gede gefahren. Es war sehr bequem, es gab sogar eine Klimaanlage und die Eindrücke von der Landschaft und der Umgebung waren einmalig. Auch in Japan bin ich sehr viel mit dem Zug gefahren, obwohl vielleicht das Flugzeug genauso teuer gewesen wäre, aber man gewinnt einfach eine neue Perspektive vom Land, wenn man durch alle Facetten reist (Metropolmoloche, Kleinstädte, Dörfer, das Land, Wälder, Gebirge).

erbschen
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Mag ich Mag ich nicht

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05.04.2010 - 00:47 Uhr
erbschen

den kontrast zu indien in bezug auf distanzlosigkeit bietet übrigens japan. dort scheut man jeden augenkontakt oder berührungen. und es verursacht eine ähnliches unwohlsein.
haha - ein japaner in indien, - der würd schreiend wegrennen. =)


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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.