21.03.2010 - 20:22 Uhr

24 8 Über Twitter weiterempfehlen

Tag 27: Die perfekte Party

Text: ein_oxymoron in Tagebuchschreiber (1132)

Nach dieser grausamen Arbeitswoche also auch noch samstags ran. Die liebe Vorgesetzte hatte versprochen, es wuerden hoechstens 6 Stunden werden. Der Plan, den ich dann in die Hand gedrueckt bekam, sagte 7,5. Die Haelfte der Zimmer waren mit Ausrufezeichen fuer Ankuenfte von neuen Gaesten markiert, die Ankunftszeit viel zu frueh, um rechtzeitig fertigzuwerden. Versuchen musste ich es natuerlich trotzdem, und so putzte ich, als sei jemand hinter mir her, was ja auch nicht ganz falsch war. Und dachte, verdammt, so kann das nicht weitergehen. Arbeit ohne Ende, und zwei der Kolleginnen mussten meistens in einem anderen Hotel arbeiten. Die Firma hatte offensichtlich woanders Leute entlassen, und wir sollten das jetzt ausbaden. Wenn das so weiterging, wuerde ich mich allerdings selbst entlassen muessen. Ich hatte dieses Jahr bisher sehr viel laengere Arbeitstage als letztes, und netto weniger uebrig. Ich wurde immer erschoepfter und fand kaum noch Zeit, mich um irgendetwas zu kuemmern. Der stechende Schmerz im unteren Rueckenbereich meldete sich zurueck, trotz taeglicher Uebungen. Meine Fingerspitzen waren rauh wie Schmirgelpapier vom vielen Hantieren mit trockener Waesche. Im Laufe dieses Tages und der Hetzerei, die Zimmer einigermassen rechtzeitig fuer die Ankuenfte fertigzubekommen, machte sich ein drueckender Schmerz in meinem Hinterkopf breit. Ich bekomme nur selten Kopfweh, und normalerweise laesst es sich durch trinken, dehnen und massieren leicht in den Griff bekommen, aber dieses mal war es hartnaeckig. Es schien von meinem ganzen strapazierten Koerper auszugehen. Das hier war echt kein Zustand mehr, das grenzte an Selbstzerstoerung. Ich beschloss, es mal mit Bewerbungen als Nacht-Rezeptionist zu versuchen. Kein beliebter Job, aber fuer mich gut zu schaffen, wuerde meinem Schlafrhythmus viel besser entgegenkommen, und waere wesentlich besser bezahlt. Damit troestete ich mich ein bisschen, und mit der Aussicht darauf, abends in der Sauna zu entspannen. Das war genau das, was ich jetzt brauchte. Die Sauna wuerde mich wieder ganz machen.

Zu Hause angekommen wollte ich eigentlich nur noch etwas essen und dann schlafen. Befahl mir aber, zu duschen und fuer die Party fertigzuwerden. Ich wusste nur, dass es Essen, Musik und Sauna geben wuerde - wie das zusammenpasste und wie ich mich da benehmen oder auch nur anziehen (oder auch nicht anziehen?) sollte, war mir etwas unklar. Diese Sauna war auch etwas ausserhalb des Stadtzentrums und ich war nicht sicher, ob ich sie ueberhaupt finden wuerde. Das war eine dieser Situationen, in denen man sich normalerweise straeuben wuerde, aber man wuerde von jemandem mitgeschleift werden und dann doch froh darueber sein. Da ich niemanden hatte, der mich mitschleifen koennte, aber wusste, dass ich froh darueber sein wuerde, schleifte ich mich selbst mit. Ausserdem hatte ich den Unkostenbeitrag schon bezahlt, Hunger und kein sauberes Geschirr mehr, und vor allem dringenden Bedarf fuer eine Runde Sauna oder drei. Das Klamottenproblem klaerte sich dadurch von selbst, dass ich fast nichts mehr Frisches hatte. War alles liegengeblieben waehrend dieser zermuerbenden Arbeitswoche.

Nachdem ich es geschafft hatte, an der richtigen Haltestelle aus dem Bus zu steigen, fuehlte ich mich wie in einem meiner alten Grafik-Adventures. Auf der Karte im Internet hatte das irgendwie anders ausgesehen. Zu meiner Linken: ein unbeschilderter verschneiter Pfad, der ins Nichts zu fuehren schien. Zu meiner Rechten: ein unbeschilderter verschneiter Pfad, der ins Nichts zu fuehren schien. Geradeaus: ein unbeschilderter verschneiter... Hey, da standen Leute rum. Ich eilte auf sie zu und fragte sie nach dem Weg. Auf Finnisch. Sie wechselten nicht zu Englisch, und ich verstand die Antwort. Ha!

Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Restaurant mit angeschlossener Sauna, und wir hatten die Sauna sowie einen Partyraum fuer uns alleine. Schon waehrend ich meinen Mantel auszog, hoerte ich Live-Musik. Das musste die Judaistikstudentin sein - ich wusste, dass sie sang und eigene Lieder schrieb, hatte aber noch nichts von ihr gehoert. Es klang, als stuende sie auf einer Buehne. Als ich den Raum betrat, fand ich aber nur einen besseren Partykeller vor, mit Bar, Tisch und ein paar Sofas. Die Judaistikstudentin war kaum zu sehen, sie stand einfach mit ihrer Gitarre zwischen den Leuten herum, aber ihre Stimme erfuellte muehelos den ganzen Raum. Was fuer eine Stimme.
Die Polykatze begruesste mich erfreut und bot mir Essen an. Glutenfrei, vegan und ausgesprochen gut. Waehrend die Polykatze weiterwirbelte, als Quasi-Gastgeberin, liess ich mich aufs Sofa fallen und unterhielt mich mit ihrer Freundin. Genoss das gute Essen. Lauschte gebannt dieser Wahnsinnsstimme. Entspannte mich. Nicht arbeiten muessen, nicht schlafen gehen muessen, nichts erledigen muessen. Nur gemuetlich rumhaengen mit vielen, aber nicht zu vielen angenehmen Menschen.
Normalerweise finde ich Parties ja tendenziell anstrengend und fuehle mich oft fehl am Platz. Es ist entweder so laut, voll und eng, dass ich mich staendig am Rande der Reizueberflutung bewege, oder lahm und verkrampft. Diese Party dagegen war wie Urlaub. Ich raekelte mich auf dem Sofa und fuehlte mich einfach nur wohl. Ob ich danach noch mit in den Club kommen wuerde, fragte Polykatze II. Ich lachte, ich wuerde sicher nach der ersten Saunarunde einschlafen. Sie schlug vor, ich koennte mich ja hier auf dem Sofa eine Weile hinlegen und dann weitermachen. Irgendwann doeste ich mit dem Kopf an ihrer Schulter und ihrer Hand auf meiner.

"Sauna! Sauna!", rief jemand in der Tuer mit einer einladenden Handbewegung. Ich war davon ausgegangen, dass wir in eine oeffentliche Sauna gehen wuerden, wo ich in Finnland noch nie war, und hatte mir schon Sorgen gemacht. Ich wusste nur, dass Sauna in Finnland anders funktionierte als die deutsche "finnische" Sauna, aber nicht, wie man sich dabei genau anstellte. In der oeffentlichen Sauna gibt es strikte Geschlechtertrennung, und offenbar ist man auch nicht so nackt wie in Deutschland. Und es wird gesoffen, natuerlich.
Meine queren Studenten hielten das zum Glueck ganz unkompliziert. Niemand hatte nach getrennten Saunazeiten verlangt, was wohl auch noch weniger Sinn gehabt haette als "normal", da sowieso fast jeder am eigenen Lager interessiert war. Niemand nahm auch nur ein Handtuch mit rein. Offenbar haben Finnen eher ein Problem damit, vor wildfremden Menschen nackt zu sein als vor Familie und Freunden. Bei mir ist das umgekehrt. Aber das ist kein Problem, das man hat, sondern eins von der Sorte, die man sich selbst macht, also beschloss ich, lieber keins zu haben. Spaetestens nach einer Runde schwitzen und einmal Abkuehlen im Schwimmbecken fuehlte ich mich sowieso wie neugeboren und alles war egal. Ich hielt den löyly, den Saunadampf, so lange aus wie die Finnen, und war stolz auf mich.

Neugeborenwerden machte erst recht muede. Ich konnte kaum noch stehen und war latent verwirrt, aber wunderbar entspannt. Liess mich ueberall dafuer, dass ich die ganze Woche bis kurz vor der Party hart gearbeitet hatte, bestaunen und bemitleiden und als working-class hero feiern. Doeste auf Polykatzes Bauch, waehrend sie mit ihrem Polykater kuschelte. Als sie wegmusste, bot sich der Kater als Ersatz an. Ich versuchte, etwas beim Geschirrwegraeumen zu helfen, wusste aber kaum, was ich gerade tat und ob das sinnvoll war. Lehnte mich an liebe Schultern. Belauschte finnische Unterhaltungen, und manchmal verstand ich etwas. "Nukkua!", wiederholte ich entzueckt. Schlafen. Das verstand ich. Schlief mit der feuerrothaarigen Paedagogin, im woertlichen Sinne, auf dem Sofa. Der Polykater deckte uns mit seinem Mantel zu. Ich amuesierte damit, dass ich mich vor einem lila Teletubbie gruselte. Draengte die Judaistikstudentin dazu, ihre Songs aufzunehmen und aufzutreten. Wurde zum Knuddeln herumgereicht. War wieder einmal fasziniert davon, wie jeder Orts- und Umfeldwechsel mit einer Neudefinition der eigenen Person verbunden ist. Mit jedem Umzug hatte ich ein Stueck dessen abgestreift, zu dem ich und andere mich gemacht hatten. Hier weiss niemand, wie ich war, also kann ich so werden, wie ich bin. Oder herausfinden, wie ich jetzt bin. Offenbar recht ertraeglich.

Gegen eins kam ich laechelnd nach Hause und fuehlte mich immer noch so wohl wie schon lange nicht mehr. Genau so sollte eine Party sein. Was fuer eine Wiedergutmachung fuer diese miese Woche.


Neue Texte zum Label 'Tschakka':
Textoptionen
Mehr Texte von
ein_oxymoron
Mehr Texte zum Label
Tschakka
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
8 Kommentare

speichern
serenademe
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.03.2010 - 22:38 Uhr
serenademe

ich will auch!

ThomasCrown
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

22.03.2010 - 00:43 Uhr
ThomasCrown

aber wer kommt auf die idee, vor einem clubabend saunen zu gehen?
(rhetorische frage - finnen, klar)

glitzerkugel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

22.03.2010 - 08:37 Uhr
glitzerkugel

"Neugeboren werden" - schick.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

22.03.2010 - 08:38 Uhr
glitzerkugel

(und Mist, ich muss so viele Tage nachlesen...)

2differ
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

22.03.2010 - 08:58 Uhr
2differ

Was für ein Text.***
Leicht, komponiert, zeitgenössisch, mit jener Reflexion, die zum nachdenklichen Verweilen einlädt: Dasein als da sein und dasein.

tomatensosse
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

22.03.2010 - 17:28 Uhr
tomatensosse

wunderbar!!!

TheJoker
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

23.03.2010 - 19:51 Uhr
TheJoker

Feelgoodtext *

seleukos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.04.2010 - 22:34 Uhr
seleukos

*

Deine Geschichte erzählen