18.03.2010 - 18:30 Uhr

0 28 Über Twitter weiterempfehlen

Tellerwaschen gegen die Bildungsbenachteiligung

Text: johanna-kempter

Die Zeitschrift The Dishwasher und das zugehörige Weblog richten sich an studierende Arbeiterkinder

Der Name ist Programm: Der Titel der Zeitschrift The Dishwasher – Magazin für studierende Arbeiterkinder spielt auf den Mythos an, wonach jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Die Betonung liegt auf „kann“: Im Dishwasher geht es um Bildungsbenachteiligung, soziale Selektion und Klassismus in der Bildung. Herausgegeben und finanziert wird die Zeitschrift vom Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende an der Uni Münster. Das sogenannte Fikus-Referat ist deutschlandweit das einzige seiner Art. Es berät zum Beispiel Studierende, deren Eltern Arbeiter oder Angestellte sind oder in deren Familien Studieren keine Tradition hat. Andreas Kemper ist Fikus-Referent und Redakteur des Dishwasher. Wir haben mit ihm über Arbeiterkinder und die Zeitschrift gesprochen. jetzt.de: Andreas, im Januar hast du gemeinsam mit den anderen beiden Fikus-Referenten die erste Ausgabe des Dishwasher herausgebracht. Was wollt ihr erreichen? Andreas: Wir wollen, dass das Thema Bildungsbenachteiligung auf der Tagesordnung bleibt. Dass es angepackt wird von den Politikern und nicht nur geredet wird. Außerdem wollen wir uns als studierende Arbeiterkinder organisieren. Es wird immer über Arbeiterkinder geredet, aber es gibt ja auch Arbeiterkinder, die selber reden und das Thema Bildungsbenachteiligung mit mehr Power und authentisch nach außen tragen können. Der Austausch von Erfahrungen und gemeinsame Projekte sind uns auch sehr wichtig.
Das Cover der ersten Dishwasher-Ausgabe jetzt.de: Eure Zielgruppe sind studieninteressierte und studierende Arbeiterkinder. Wie definiert ihr denn „Arbeiterkinder“? Andreas: Das sind Leute die eine niedrige soziale Herkunft haben, also benachteiligt sind aufgrund von Schicht- oder Klassenzugehörigkeit. Wir können aber keine Kriterien aufstellen und sagen, das und das ist ein Arbeiterkind. Das muss jeder selbst einschätzen. Die Leute können das auch durch ihre Erfahrungen. Viele waren zum Beispiel erst auf der Hauptschule und haben das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. jetzt.de: Du gehörst ja auch selbst zur Zielgruppe. Andreas: Ich bin da ein Musterbeispiel, deswegen hatte ich ja auch die Idee. Meine Familienmitglieder sind alle Fabrikarbeiter. Ich bin 46 Jahre alt - das ist ein bisschen abschreckend, hat aber auch mit dem Thema zu tun. Ich war erst auf der Hauptschule, dann auf der Realschule, dann auf dem Gymnasium und dann habe ich ein Studium angefangen. Irgendwann bekam ich kein BAfög mehr und musste das Studium abbrechen. jetzt.de: Wieso hast du kein BAfög mehr bekommen? Andreas: Während meiner letzten beiden Semester, das war Ende der Achtziger, wurde die Uni bestreikt und ich konnte gar nicht mehr studieren. Das wurde beim BAfög aber nicht berücksichtigt. Es hieß dann nach zehn Semestern, dass ich jetzt nichts mehr bekomme. Obwohl ich ja nur acht davon studieren konnte. Ich habe dann mehrere Jahre gejobbt, irgendwann mein Studium wieder aufgenommen und abgeschlossen und jetzt schreibe ich an meiner Doktorarbeit. jetzt.de: Welche Themen behandelt ihr im Dishwasher? Andreas: Es geht in erster Linie um Bildungsbenachteiligung. Verwandte Bereiche beackern wir natürlich auch. Der Schwerpunkt des zweiten Hefts, das im Juni herauskommen soll, ist „Race – Class – Gender“. Da wollen wir die Intersektionalität behandeln. Das kommt vom englischen Wort intersection, zu Deutsch Überschneidung. Wir wollen Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, von Behinderung und so weiter in einen Kontext stellen und fragen, wie sich die Bereiche überschneiden. Wie geht es zum Beispiel türkischen Arbeiterkindern, die studieren wollen? jetzt.de: Wo hast du Bildungsbenachteiligung erlebt? Andreas: Ich habe während meines Studiums immer Jobs gehabt, die sehr weit weg waren von der Uni. Ich habe geputzt, gekellnert und auf dem Bau gearbeitet – klassische Arbeiterjobs also. Einen Job an der Uni habe ich nie bekommen. Es ist nicht nachweisbar, dass das darauf zurückzuführen ist, dass ich ein Arbeiterkind bin. Aber es gibt Studien, zum Beispiel der AG Hochschulforschung an der Uni Konstanz, die statistisch belegen, dass Arbeiterkinder seltener Hiwi- oder Tutoren-Stellen haben. jetzt.de: Wer schreibt für den Dishwasher? Andreas: Beim Magazin ist uns wichtig, dass es qualifizierte Artikel sind mit dem Bezug zum Thema Arbeiterkinder im Bildungssystem. Wir sind nur kleines Magazin mit 40 Seiten und DinA5-Format – wir müssen eine Auswahl treffen und können nicht jeden Artikel drucken! Das Magazin ist unser Vorzeigeobjekt. Beim Blog ist das anders, da ist Platz genug. Wir wollen, dass viele Leute mitschreiben und mitdiskutieren. Wir haben jetzt auch mit Erfahrungsberichten begonnen. Ich kenne das von Studivz, da gibt es verschiedene Gruppen, die sich „Arbeiterkinder“ oder „ehemalige Hauptschüler“ nennen. Da ist ein großes Interesse da, sich auszutauschen und die eigenen Erfahrungen zu berichten. Nicht nur über Diskriminierungserfahrungen, sondern auch über Unterschiede. Zum Beispiel über die zwischen Arbeiterkindern und Kinder von Akademikern. jetzt.de: Welche Reaktionen erhaltet ihr auf euer Projekt? Andreas: Wir haben sehr gute Resonanz. Am Anfang hatten wir beim Blog sehr hohe Zugriffszahlen, etwa 3000 Klicks am Tag. Dafür, dass das Blog neu war, war das schon sehr erfolgreich. Außerdem haben wir Resonanz von der Presse und auch von Betroffenen und Leuten die Funktionen haben. Wir treffen uns nächste Woche mit dem Regionsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds, der ist total interessiert an einer Zusammenarbeit. jetzt.de: Wie geht’s weiter mit dir und dem Dishwasher? Andreas: Ich bin noch bis Juni Fikus-Referent. In dieser Zeit möchte ich die zweite Dishwasher-Papierausgabe machen und das Blog weiter betreiben. Danach werde ich den Dishwasher weiterhin unterstützen, aber eher von außen, damit jüngere Studierende das Projekt weiterführen können. Längerfristig planen wir, die Redaktion unabhängig zu machen vom Fikus-Referat und sie bundesweit auszubauen. Es gibt in ganz Deutschland Leute, die Interesse hätten und die zum Beispiel schon Blog-Beiträge schreiben. Eine Studentin hat das erste Heft gesehen, sich gemeldet und gesagt: „Super Projekt, ich will das nächste Heft layouten!“


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
johanna-kempter
Mehr Texte zum Label
Interview
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
28 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

blubb123
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.03.2010 - 09:45 Uhr
blubb123

Bei uns gibts noch genug Diplomstudenten, da die jetzigen Erstsemester die ersten Bachelor bei uns im Studiengang sind und wer ne Hiwi-stelle will kriegt auch eine. Für manche Tutorien haben sie so wenige Leute, dass sie sogar welche nehmen, die z.B die Klausur auf die vorbereitet werden soll, nicht mal bestanden haben. Also es ist wirklich eher das Problem, dass es zu wenig Hiwis gibt

soylentyellow
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.03.2010 - 09:49 Uhr
soylentyellow

Und natürlich auch weil man als Akademikerkind keine Ahnung von den Möglichkeiten eines nichtakademischen Lebens hat.

Kleine Anekdote am Rande: Einmal haben uns unsere Nachbarn als "Akademiker" beschimpft - und ich habe mir als Kind gedacht: Hmm, Tonfall=Beleidung, aber Inhalt der "Beleidigung" ist doch eigentlich ein Lob, irgendwas stimmt hier nicht (musste aber erst nachdenken was wohl ein Akademiker sei)

auchdasnoch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

19.03.2010 - 10:29 Uhr
auchdasnoch

Nein, es ist nicht einfach für "Arbeiterkinder", an die Uni zu gelangen und mit Selbstbewusstsein zu studieren. Das Selbstbild "ja klar geh ich an die Uni, Studieren ist fein" bekommt nicht jede und jeder zu Hause vermittelt. Meiner Meinung nach wiegt dieses Selbstvertrauen in Bezug auf die eigenen Bildungsmöglichkeiten schwerer als die tatsächlichen finanziellen Mittel, die einer Familie zur Verfügung stehen.

Ich komme aus einer Familie, die mir von klein auf vermittelt hat, dass ich natürlich studieren werde, dass ein Studium zum Leben ganz normal dazugehört, wenn man es möchte. Da meine Familie viele Kinder und wenig Mittel hat, habe ich mit Bafög studiert und mich dann später selbst finanziert, ein Problem war das im Großen und Ganzen nicht.

Mein Freund hingegen kommt aus einer Familie, in der Akademiker als eine Mischung aus Göttern und Schmarotzern ("die arbeiten ja nichts") angesehen werden und Studenten sowieso das Letzte sind, weil sie ja nur Urlaub und Party machen. Ein ordentliches Handwerk gehört erlernt, dann kann man davon leben. Man möchte es nicht glauben! Es gibt solche Denkwelten! Mit 28 hat mein Freund dann trotzdem seinen erlernten Beruf aufgegeben, die Studienberechtigung erworben und ein Geschichtsstudium begonnen. Zu so etwas gehört eine große Portion Mut: man muss an die eigenen Fähigkeiten glauben, man begibt sich in eine finanzielle Unsicherheit, vor allem was die Zeit nach dem Studium betrifft (bei geisteswissenschaftlichen Studien), und man muss gegen jede Menge familiäre Widerstände ankämpfen. Die sind wirksamer, als die meisten von uns Bildungs-Selbstbewussten glauben würden.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

19.03.2010 - 10:36 Uhr
auchdasnoch

Hinzufügen möchte ich, dass ich ein Handwerk oder eine Ausbildung an sich sehr gut finde und dass ich durchaus zustimmen würde, dass die Verdienstchancen in einem technischen Handwerksberuf besser sind als nach einem geisteswissenschaftlichen Studium.

Es geht mir lediglich darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, seinen beruflichen Weg selbstbestimmt zu wählen. Für "Arbeiterkinder" besteht diese Möglichkeit viel weniger als für "Akademikerkinder".

jurette_
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.03.2010 - 11:41 Uhr
jurette_

auchdasnoch sagte:


Es geht mir lediglich darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, seinen beruflichen Weg selbstbestimmt zu wählen. Für "Arbeiterkinder" besteht diese Möglichkeit viel weniger als für "Akademikerkinder".


Auch "Arbeiterkinder" müssen häufig gegen viele Widerstände in der Familie kämpfen, wenn sie sich für ein Studium entscheiden. Gerade bei den Frauen ist es doch häufig so, dass es nicht für notwendig erachtet wird, dass Frauen studieren.

Ich glaube nicht, dass Arbeiterkinder weniger Durck bei ihrer Entscheidung ausgesetzt sind.

DagnyTaggart
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

19.03.2010 - 13:35 Uhr
DagnyTaggart

Ist es nicht ein wenig ironisch, wenn die zahlreichen Millionaerskinder uber Studienbeitraege, Semesterbeitrag etc. pp. diese Brochuere finanzieren?

Und mal so unter uns Pfarrerstoechtern: Das klassische Arbeiterkind gibts doch garnicht mehr. - Die malochenden Industriearbeiter, Kohlekumpel, etc. pp. sind doch obsolet.

YSub
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.03.2010 - 22:36 Uhr
YSub

Die Kommentare hier sind ja echt unterirdisch. Aber an der Uni hat man es ständig mit solchen Sprüchen zu tun. Das kann einen ganz schön runter ziehen. Und da schreibt einer noch, ob man sich etwa nicht anpassen wolle an die Akademiker - warum sollte man sich auf so ein Niveau runter begeben?
Lies erstmal die Texte und die zugehörige Literatur, dann können wir weiterreden...

gittakohl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

23.03.2010 - 21:27 Uhr
gittakohl

Teilweise wirklich total von der Wirklichkeit abgehobene Kommentare. Ein Arbeiterkind - was man nach "Dagny Taggart" auch darunter verstehen mag - hat manchmal vedammt viele Hürden zu nehmen, bis es in der Uni ankommt. Schon die Empfehlung für den weiterbildenden Schultyp ist ein Abstrampeln gegen Sohn/Tochter vom Dr.phil.nat.rer.pol., der für gleiche oder schlechtere Leistung die bessere oder gleiche Note bekommt. Dann u.U. der Kampf am Küchentisch zu Hause gegen den Vater, der Handwerk/Büro schon für einen Aufstieg hält - mich haben wenigstens meine älteren Geschwister und meine Mutter unterstützt. Danke! Dann bist du endlich an der Uni und paukst durch, Trödelsemester, Atempause, Spaß? Kannst du dir nicht leisten, du musst das so schnell wie möglich durchziehen, weil Bafög und der wachsende Schuldenberg dir im Nacken hängen. Wenn du` den Magister, Bachelor etc. dann in der Tasche hast, kommst du in die höheren Etagen auch nur mit ner Eintrittskarte. Und die heißt: Papi Akademiker....

Zurück Seite 1 2 3

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

johanna-kempter offline

johanna-kempter

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.