Sie nennen ihn Brother Sharp
Wie ein Obdachloser in China ohne sein Wissen zu einer Stilikone wurde - eine Geschichte über das Web, über Zynismus und unsere Sehnsucht nach Geheimnissen
Seit einigen Wochen kursieren im Internet Fotos von einem jungen Obdachlosen. Ein Fotograf hat sie gemacht. Er wollte nur mal seine Kamera testen, machte dazu unter anderen ein paar Bilder von einem Obdachlosen und stellte das Ergebnis online. Die Fotos brachten es erst in China und nun auf der ganzen Welt zur Bekanntheit. Sie zeigen einen Mann, der in zerwetztem Lagenlook, abgetragenen Frauenkleidern und stets rauchend durch die Straßen der chinesischen Stadt Ningbo läuft - und dabei ziemlich gut aussieht. Zahlreiche asiatische Modeblogger tauften ihn „Beggar Prince“, „Handsome Vagabond“ und wegen seines „scharfen und eindringlichen“ Blickes auch „Brother Sharp“. Sie feierten seine Ähnlichkeit zu attraktiven asiatischen Jungschauspielern und seinen gekonnt lässig wirkenden „Homeless-Chic“-Stil so ausschweifend, dass es nach kurzer Zeit im Netz hieß, Brother Sharp sei der „coolste Mann Chinas“. User montierten sein Foto unter anderem neben das eines Catwalk-Models des Modelabels Dolce&Gabbana. Die Montage soll vielleicht ein Beweis sein. Sie soll deutlich machen, dass der Mann eigentlich einer anderen Welt zuzurechnen ist. Dass er vielleicht in einem falschen Leben gefangen ist. „Schau nur, wie er seine Stirn runzelt, dazu braucht man nichts mehr sagen... sexy...“, schreibt eine Kommentatorin in einer chinesischen Online-Community. Ein anderer schreibt: „Er sieht gar nicht aus wie ein Bettler, vielmehr wie ein Vagabund. Die Qualität seiner Klamotten scheint außerdem gar nicht so übel zu sein, sogar eine Lederjacke trägt er drunter. Sie sind zwar etwas dreckig, aber allesamt in guter Verfassung. Er sieht aus wie ein Schauspieler aus Hong Kong“. Nun heißt es in einigen asiatischen Modeblogs, Brother Sharp sei „der neue Bryan Boy“. Bryan Boy ist ein philippinischer Modeblogger, der seine Berühmtheit innerhalb der Modeszene ebenfalls dem Internet zu verdanken hat. Der Unterschied zwischen Bryan Boy und Brother Sharp ist aber, dass Bryan Boy ein Selbstdarsteller ist. Er hat es darauf angelegt, bekannt zu werden. Bei Brother Sharp ist das, nach allem, was man weiß, anders.
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15.03.2010 - 18:57 Uhr
majia
gehts noch herablassender und arroganter?
aber ein sehr guter und lesenwerter artikel. dafür danke.
Und falls doch mal wieder ein größerer Konzern hiermit eine gute Marketingstrategie entdeckt hat, finde ich das einfach nur zum kotzen! Als würde die Welt nur noch bekloppter von Tag zu Tag und so abgestumpft, dass immer krasseres passieren muss, aber trotzdem wacht niemand mehr auf???
falls es doch nur eine blöde pr-aktion ist, gehören die leute auf den stuhl...
verdammt, das ist vermutlich die ultimative virale kampagne für zoolander 2. ich ziehe meinen löchrigen hut vor herrn stiller.
night_fever sagte:
falls es doch nur eine blöde pr-aktion ist, gehören die leute auf den stuhl...
Na das nenn ich doch mal adäquat, stilvoll und voller Humanismus.
verwirrend.
wollmops sagte:
kennmer doch schon.
hihihi - ich freu mich :)
Wenn nicht - kann ich's nicht nachvollziehen. was in den Fashionblogs so los ist, ist mir unverständlich. Was ist einer 13jährigen mit schlecht lila-weiß gefärbten Haaren oder an einem obdachlosen Chinesen stylisch?
nelo sagte:
wenn's eine PR Aktion sein sollte (was zu hoffen ist) - dann ist sie gelungen!
Wenn nicht - kann ich's nicht nachvollziehen. was in den Fashionblogs so los ist, ist mir unverständlich. Was ist einer 13jährigen mit schlecht lila-weiß gefärbten Haaren oder an einem obdachlosen Chinesen stylisch?
es geht nicht um stylisch. es geht um neu, anders - der novelty-faktor. wenn man als moderedakteur/in bzw. -blogger/in sich jedes jahr vier bis fünf modewochen plus die üblichen lokalen modenschauen plus die 300 magazine anschaut, ist man irgendwann so gesättigt, daß man auf sowas komplett "neues" leicht reinfällt.
das problem daran ist, daß sich die grenzen immer weiter verschieben - irgendwann muß man halt zu echten, harten tabus greifen, um noch was neues zu finden.
und was fällt dummen modebonzen ein: das zum stilideal zu erheben.
unfassbar unter jeglichem niveau.
(und ich frage mich gerade: haben all die ganzen modefans, die nun den obdachlosen feiern, zoolander etwa nicht gesehen? oder gerade deswegen?
das wissen wir ja schon lange!
sonst is nur noch zu sagen:
GEHTS NOCH??
ich wünsche mir schon lange, dass jetzt.de beim modethema mode nicht mehr mitmacht. oder eben so, wie es sich für ein ernsthaftes nichtmodehisptermedium gehört. kritisch begleitende konsumberichterstattung.
manchmal frag ich mich, ob sich überhaupt noch jemand ab und an dazu herablässt mal sein hirn zu nutzen, oder wenigstens etwas soziale kompetenz erkennen zu lassen....
Steckbrief: Brother Sharp, 25 studiert Internationale BlaBla Wissenschaften und macht gerade Praktikum in irgendeiner BlaBla Agentur. Jacke von Wellenstyn, Gürtel von Oma, Friseur Walz oder so
Hose aus dem ArmeeShop
Steckbrief: Brother Sharp, 25 studiert Internationale BlaBla Wissenschaften und macht gerade Praktikum in irgendeiner BlaBla Agentur. Jacke von Wellenstyn, Gürtel von Oma, Friseur Walz oder so
Hose aus dem ArmeeShop
synthie_und_roma sagte:
solange jetzt.de bei diesem unsäglichen modescheiß in form des klamottenpaares fröhlich mitmacht, sollte sich die radaktion jede kritik verkneifen. denn verursacher solcher ausschweifungen sind doch die, die modeblogs betreiben oder eben klamottenpaare featuren. dadurch bekommt der ganze modehype auch in ernsthaften medien ein aufmerksamkeit nebst aufwertung, die es schon lange nicht mehr verdient.
ich wünsche mir schon lange, dass jetzt.de beim modethema mode nicht mehr mitmacht. oder eben so, wie es sich für ein ernsthaftes nichtmodehisptermedium gehört. kritisch begleitende konsumberichterstattung.
Was zur Hölle. Was für ein "Modehype". Mode gehört dazu seit es Menschen gibt. Es steht Magazinen also durchaus frei darüber zu berichten, ohne dass sie gleich auf das Niveau irgendwelcher Springermedien sinken.
Klar haben die Modeblogs und Hipster Menschen n Rad ab, aber was soll an der Rubrik, wie sie von jetzt.de betrieben wird, denn bitte schädlich sein?
So wahnsinnig umwerfend sieht das doch eigentlich auch garnicht aus?
Freilich, feine und sehr schöne Züge im Gesicht hat er, aber was ist denn an seiner Kleidung alles in allem so besonders?!
Mir macht vielmehr Sorge, dass der Mensch (und nicht nur unser neuer Held, der "Handsome Vagabond") seit geraumer Zeit hin zum Wegwerfprodukt vegetiert.
Außerdem kann man nur hoffen, dass die chinesische Bevölkerung durch diese Bilder sensibler gegenüber denjenigen wird, die von dem hohen Wirtschaftswachstum nicht profitieren können bzw. im Wettbewerb untergehen.








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15.03.2010 - 18:57 Uhr
majia
gehts noch herablassender und arroganter?