15.03.2010 - 00:43 Uhr

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Familiengeschichten

Text: ally1983

als ich fünf Jahre alt war, verließen wir die Heimat. Vier Personen auf den vergilbten Fotos in meiner Blechdose, drei in einem rostigen Mazda. Er bewegt sich nach vorne, schnell, auf einer staubigen Straße an dem Tag, an dem meine Mutter mit ihren beiden Kindern aus dem Land flüchtet. Ich sehe gelbe Blumen an uns vorüberfliegen, Felder, die Berge Kretas. Mein Bruder sitzt neben mir und ich höre ihre Stimme, angespannt und leise, aber bestimmt: "Halt ihn gut fest. Nicht loslassen." 1945: Kaliningrad, das damals noch Königsberg hieß, ist nahezu vollständig zerstört. Ein kalter Winter und viele Menschen wissen, dass es keine andere Überlebenschance für sie gibt als die Flucht. Meine Oma und ihre Geschwister sind unter ihnen, sie verlieren sich in der allgemeinen Panik, über ganz Deutschland werden sie sich verstreuen. "Ich habe nie aufgehört, zu hoffen", sagte meine Oma oft. Das war so ziemlich das Einzige, was sie sagte. Ihren Schmerz legte sie ordentlich in die Schmuckschatulle zu den Ketten und Ringen, die sie aus der Heimat hatte retten können. Die Familie: Blätter, die man von einem Baum reißt, in die Luft wirft und dem Wind vertraut. als ich 8 Jahre alt bin, habe ich fast vergessen, wie er aussah. Der Mann, der mein Vater sein soll und doch nie mehr für mich war als ein seltsam vertrauter Fremder, ein Jemand der in meinem Leben immer nur ein Phantom war, ein Rätsel ohne Lösung. Ab und zu sehe ich ihn, meist in der alten und sehr selten in der neuen Heimat. Diese erscheint mir anfangs zwar auch eher suspekt - alles ist immer so sauber und ordentlich, die Autos blitzeblank, sie haben keine Lautsprecher auf dem Dach, durch die irgendwelche Parolen blechern schallen. Die Menschen gestikulieren eher selten und der Himmel ist meistens grau. Trotzdem spüre ich: Er gehört hier nicht her, wirkte immer wie ein Fremdkörper. Wusste nie so recht, was er uns erzählen sollte und kam daher nur in der Begleitung von Teddybärarmeen. Ich vergrabe mein Gesicht in Synthetik und Verzweiflung ausströmendem Fell und fühle nichts. Geräusche und Bilder ziehen an mir vorbei: ein Scharren von Metall auf Stein - der marode Aufzug in dem Haus, in dem wir lebten. Einen blauen Luftballon, der mir einmal am Hafen davonflog und vom Wind, dem Zerstörer, weit über das Meer hinausgeweht wurde. Die erste Dose Coca Cola, die ich alleine kaufen durfte, im Laden nebenan. Eigenartigerweise sehe ich sie heute noch vor mir. Ich fühle sie. Kühl und fest liegt sie in meinen Händen, während die Luft flimmert vor Hitze und meine Augen geblendet werden vom grellen Licht der Sonne an diesem monumentalen Tag. als ich 13 Jahre alt bin, fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich in der Vergangenheit lebe. Ich denke jeden Tag an verschiedene Erinnerungen, vermutlich nicht so wie ich sie damals erlebt habe sondern überzogen mit dem verklärenden Schimmer der Nostalgie. Ich kann mit meiner Mutter nicht reden, sie spricht eine andere Sprache. Ich verstehe ihre Worte, sonst nichts. "Das ist längst vorbei, was hast du nur immer mit diesen alten Geschichten. Sei froh, dass wir gegangen sind. Man darf nicht zurückschauen." Meine Fragen bleiben unbeantwortet. Es ist auch meine alte Geschichte, denke ich. Das Gesicht meines Bruders wirkt teilnahmslos, als wir in seinem Zimmer sitzen und ich mich beschwere. Wir halten fast immer zusammen, wir bauen uns Burgen aus Federbetten und Verstecke im Garten und nachts schleiche ich mich zu ihm und wir machen geheime Pläne. Obwohl wir sehr verschieden sind, haben wir ein unsichtbares Band, das unendlich stark ist. Und elastisch. Auch divergierende Platten erschaffen ganze Kontinente. Aber in dieser Sache ähnelt er meiner Mutter zu sehr. Ich rede, er schweigt. Zuckt mit den Schultern. "Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat". Und so schweige auch ich. Ich lerne, zu verdrängen. Die Sprache verlässt mich zuerst, dann der salzige Geschmack des Meeres, auf meinen Lippen, die ich nicht mehr öffne, die Olivenbäume, der würzige Geruch auf dem Land. Ich füge mich ein in die Welt um mich herum, zumindest mache ich das alle glauben. Doch nachts wenn sie schlafen, gehe ich leise durch die Räume eines Museums, das keinen Namen hat. Ich verweile mal hier und mal dort und schaue auf all die Dinge hinter dem Glas. Muscheln und Bernstein glänzen im Mondlicht, Pelz und Plastik liegen in derselben Vitrine. Ich rede mit den Bildern der Verstorbenen und sie altern rückwärts. Und manchmal, manchmal trifft die Hitze Kretas in meinem Blut, die alles wieder zum Leben erweckt auf das Eis Kaliningrads und meine Familiengeschichte rinnt mir aus den Augen und hinterlässt Spuren auf dem Marmorboden. Ich spiegle mich darin.


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