08.03.2010 - 18:30 Uhr

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Ois easy!

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

Warum wir so gerne einen Dialekt sprechen, den wir eigentlich nicht können

Es ist doch so: Wir können kein Bairisch, auch wenn wir das als junge Münchner nicht gerne zugeben. Klar, wir kennen Bairisch, wir erkennen es, wir verstehen es und können auch Fetzen davon wiedergeben. Aber wenn es ans Sprechen geht, ans richtige „Wort für Wort“-Bairisch, da müssen die meisten von uns ehrlicherweise doch passen. Bei manchen ist es nur die mangelnde Übung, schließlich waren es nur Opa und Oma, die es ihnen vormachen konnten und die heute nicht mehr da sind. Anderen wurden hoffnungsvolle Ansätze im Gymnasium abtrainiert, denn zwischen Lateinextemporale und Medizinertest war einfach kein Platz für ein weiches Zwischending aus Singen und Grunzen. Wieder andere, und die sind in der Mehrheit, konnten einfach noch nie Bairisch, weil es Zuhause nicht gesprochen wurde oder weil das Zuhause irgendwo lag, wo es keinen bayerischen Dialekt gab. Soll ja auch vorkommen. Das echte Bairisch also mag irgendwo in den hintersten Winkeln des Bayernlandes noch Amts- und Alltagssprache sein, in München ist es so selten wie ein Rind am Rindermarkt. Kein Grund zu Lamentieren, denn es war schon 1958 so, als Siegfried Sommer notierte: „Altbairisch wird in München kaum mehr gesprochen.“

„Ois easy, Oida. Check di nei!“
Wir könnten die Sprache also getrost vergessen und wären nicht mal die erste Generation. Aber, und das ist das Komische, wir haben sie doch recht gerne. Wir ordnen die Überbleibsel des Dialekts als chic ein, es gehört sich geradezu, sie gut zu finden, wie es sich auch gehört, Leitmayr & Batic, Bierstüberl, Monaco Franze und die U-Bahnfahrer-Ansager gut zu finden: aus einer lokalen Loyalität heraus. Wir ahnen vielleicht, dass diese Kleinigkeiten zu den wenigen Dingen zählen, die unser Leben hier von den jungen Leben in Köln, Montreal oder Paris unterscheiden, pflegen sie deswegen mit dem Stolz der Eingeweihten und sagen statt des globalen „Merci!“ viel lieber unser langgezogenes „Merse!“

Mit Stolz praktizieren wir also das Merse!-Münchnerisch, was gar keine eigene Sprache ist, eher ein Konglomerat von Ausdrücken. Nicht anerkannt von Dialaktforschern, aber umso verbreiteter an den Clubtheken, Stadtstränden und Vernissagen Münchnes. Diese Hilfssprache (eigentlich ist es sogar nur ein besseres, temporäres Geräusch) verändert sich schnell, weil sie am liebsten von den Jungen verwendet wird und sich dabei wie von selbst mit der Jugendsprache mischt. Aus Anglizismen werden gleich Bavarismen, und je hipper und unmünchnerischer die Situation ist, desto öfter hört man die stolz eingestreuten Brocken, die überlauten „Geweida!“, die immer süffige Begrüßung „Was geht’n, Oida?“ oder das herrlich polyglotte „Ois easy, check di nei!“. Diese Ausdrücke funktionieren wie Anfeuerungsrufe, als könnte man mit ihnen den Abend oder die Gesellschaft besonders innig anschubsen. Wer sie im Mund hat, trägt sie wie ein wertvolles Accessoire, ein bisschen angeberisch und gut sichtbar. Sie sind ein lebensfrohes und immer etwas zu laut vorgetragenes Bekenntnis zum Standort, und sie können alleine stehen, brauchen keine Einbindung in einen flüssigen Dialekt. In gewisser Weise ist dieser Rumpf-Dialekt ein Abbild der Stadt und ihres Lebensgefühls, das ja schon vor langer Zeit mit „Laptop und Lederhosen“ recht treffend klassifiziert wurde. Im gleichen Verhältnis wie hier heute die Laptops den Lederhosen zahlenmäßig überlegen sind, werden in das gängige Normalo-Deutsch die gelegentlichen Münchnerismen eingestreut. München: überwiegend global, gelegentlich g’schert! Die Bavaro-Brocken sind Botschafter aus einer gemütlichen, manchmal ungehobelten und meist vergangenen Welt und wirken besonders kontrastreich auf roten Teppichen und in der Nähe von Champagner, deswegen ist die Schickeria besonders dankbarer Abnehmer.

Bairisch, wenn es mal laut und lustig sein soll
Aber auch den Normalmünchnern dient das Merse!-Müncherische bis zu einem gewissen Grad immer noch als Distinktionsmerkmal, wie es jeder Dialekt tut. Wer erst seit einem Jahr in der Stadt studiert, kann den kleinen Code noch nicht glaubhaft in sein Reden integrieren, kriegt in den Fluch „Fack!“ (sprich: Fahgg!) nicht das breit-weiche, das ihn an der Isar zu einer liebenswerten Unmut-Äußerung macht. Neulinge kämen nicht auf die Idee, an die Namen ihrer Freunde bei der Begrüßung ein -heimer oder -inger anzuhängen, wie wir Merse!-Münchner es bisweilen machen, um die derart Angesprochenen lautmalerisch zu bajuwarisieren.
„Na logen, Spezicowboy!“ rufen wir, wenn wir dann gefragt werden, ob wir wirklich aus München kommen und „Nixn!“, wenn erörtert wird, ob der Abend schon enden soll. Dazwischen reden wir Hochdeutsch, das nun mal unsere eigentliche Sprache ist. Aber immer wenn es besonders laut, lustig oder schön sein soll, dann muss es doch noch Bairisch sein. Ein bisserl, eben.


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looqpool
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Mag ich Mag ich nicht

1

08.03.2010 - 18:51 Uhr
looqpool

° bayern gibt es sei der linie ludovic womöglich nur noch in genetisch abgesicherten ländereien und dazugehörigen komunen - lassen wir uns doch einfach auch auffrischen und umdisponieren - mal schauen, ob was zustande kommt an kulturenumtausch...

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

0

08.03.2010 - 19:33 Uhr
eisengrau

München ist halt der echte und einzige melting pot auf der Welt. Nicht Fisch, nicht Fleisch, oder auf Wunsch auch beides gleichzeitig. Dafür mag ich die Stadt aber auch.

tatjana_traurig
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Mag ich Mag ich nicht

2

08.03.2010 - 19:37 Uhr
tatjana_traurig

lustig und schön.

Jollscherl
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Mag ich Mag ich nicht

1

08.03.2010 - 19:43 Uhr
Jollscherl

schade drum.

Purcell
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Mag ich Mag ich nicht

2

08.03.2010 - 19:49 Uhr
Purcell

Treffend analysiert.

Ich kann (nach fast zehn Jahren München) ja nicht einmal so Exotismen wie "Scharnigg" exakt in der Weise aussprechen wie jemand, der hier geboren ist. Distinktionsmerkmal 4-ever.

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

4

08.03.2010 - 20:12 Uhr
Digital_Data

Zvui Zuagroasste hoit !

Dischidal_Daita

MissTruthiness
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Mag ich Mag ich nicht

18

08.03.2010 - 20:21 Uhr
MissTruthiness

ein münchner u-bahnfahrer-ansager hat gestern gesagt: "wenn's nachad no d'ehre hättn ei zum steing, kannt ma eventuell weidafahrn."

madguitar
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Mag ich Mag ich nicht

2

08.03.2010 - 20:25 Uhr
madguitar

und meint ihr, das wär münchen-spezifisch? das gibts sogar in klein- und kleinststädten im hintersten oberfranken.
und ja, ich finds schade, dass dialekte aussterben. umso mehr bin ich froh, dass ich noch dialekt sprechen kann.

Jollscherl
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Mag ich Mag ich nicht

5

08.03.2010 - 20:28 Uhr
Jollscherl

ich find bloß dieses seltsame münchner gemisch im stile von "und dann war ich im englischen garten g'wesen und hatt' a bier 'trunken g'habt" ganz grauenvoll. entweder gscheid oder gar ned.

Renard
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Mag ich Mag ich nicht

14

08.03.2010 - 20:32 Uhr
Renard

"Wer a bissal kuscheln mecht, der steigt no ei. Wer's ned so kuschlig mog, der wart no a weng, da näxte Zug steht scho hintn o."

Können wir mal einen U-Bahn-Sprüche-Tagesticker machen? ;)

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max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Das Problem ist der Konsens.