01.03.2010 - 23:00 Uhr

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Inge

Text: fyra in Schreiben_und_Kapitalismus (29)

Ich würde jetzt gern auch meine Oberarme betrachten. Wenn man sie ins richtige Licht dreht, kann man die Cellulite-Hügel sehen. Dazu muss ich mein T-Shirt aber erst mal ausziehen, was nicht leicht ist. Größe XL, damit ich mich selbst nicht sehen muss.

Mit einem schmatzenden Geräusch verlässt die stumpfe Klinge meines IKEA-Obstmessers das gelbliche Fruchtfleisch, senkt sich brennend in meinen Daumen, der anschmiegsam über der Apfelkluft liegt, und zerschneidet mir von schräg unten nach schräg oben den Fingerabdruck. Gleich bildet sich ein roter Graben aus Leukozyten und roten Blutkörpern.
„Scheiße“, murmele ich und greife nach einem Küchentuch. Es saugt die nagellackrote Flüssigkeit auf, ich kann Blut nicht sehen, schaue angeekelt weg und versuche, die aufkommende Übelkeit zu ignorieren. Als ich weiterschneide, saugt sich auch der Rest Apfel mit braunrotem Blut voll.
„Ach, Scheiße“, fluche ich noch lauter, wer soll denn das jetzt noch essen. Ich wollte den Scheißapfel vorher nicht und jetzt schon überhaupt nicht mehr. Ich bin den Tränen nahe, so eine dreckige Diät, Kalorienzählen, wie armselig. Äpfelschneiden, wenn man bloß Zucker will.
Seit vier Tagen habe ich meine Hängearme endgültig satt, fühle mich hässlich, rund wie eine Marzipankartoffel. Habe mich über, meine Schweinsbäckchen, die mich morgens glänzend im Spiegel begrüßen, die Kurzatmigkeitkeit, die dicken Füße abends und die Horrorrechnungen für Schokolade, Kartonpizza und Tortilla-Chips an der Supermarktkasse. Jetzt spare ich eine Menge Geld, dafür versagt mir aber fast der Verstand.
Wutentbrannt werfe ich den Apfel auf das Holzbrett, alles kullert auseinander, das blutdurchtränkte Tuch landet auf dem Küchenboden. Kurz betrachte ich das so entstandene Stillleben. Das passiert mir jetzt öfter, einfach so innehalten, wenn einen die Müdigkeit wie eine Ozeanwelle erschlägt, mitten in einer Bewegung - die totale Erschöpfung. Ich bin jetzt arbeitslos, „der Wal“, wie sie mich in der Firma nannten, ist arbeitslos. Warum, ist egal. Ich bin jetzt hier, das zählt. Bin da weg- und hierhergezogen, zurück in die Heimat. Das war wie ein innerer Zwang. Bloß weg.

Ich stelle den Blick wieder scharf, sage noch einmal „Kacke“ zum Apfel, nehme mir ein Pflaster aus dem Schuhkarton auf dem Fensterbrett und schlurfe aus der Küche, in den Flur, in die Nähe des hohen Spiegels. Wie ein Tier tigere ich seit Tagen durch meine leere Wohnung, immer um den Spiegel herum. Bis auf die zehn Minuten am Tag, in denen ich Musik bis zur Schmerzgrenze aufdrehe, wenn ich im Bett liege, ist es mucksmäuschenstill. Das gehört dazu, habe ich beschlossen. Mich aushalten. Mich endlich mal wahrnehmen, den Berg realisieren.

Heute fange ich an, nicht mehr wegzulaufen vor der Wahrheit, will alles genau begutachten, mich begutachten: nach ein paar Minuten Schwanken hebe ich vorm Spiegel mein T-Shirt. Selbstschocktherapie nenne ich das, atme tief ein und halte die Luft an. Weiße Fläche mit großem Loch. Als ob mein Leib ein Gesicht wär' und mein Nabel sagt erstaunt „Oh“. Der Bauch quillt in zwei übereinanderliegenden Wülsten über den Hosenbund. Ich klemme mir den Saum des T-Shirts unters Kinn und packe das Fleisch mit beiden Händen. Wie ein Bauer, der das Gewicht seiner fettesten Henne schätzt, wiege ich die Wülste in den Händen. Ich knurre. Zerre und knurre. Er geht nicht weg, ich kann so lange reißen, wie ich will.
Es klingelt an der Tür. Ich stoße die angehaltene Luft aus, blicke zur Tür, als könnte ich durch das Holz gucken. Draußen im Flur scharrt jemand mit den Füßen raschelt mit etwas. Ich mache nicht auf, niemandem. Nicht, bevor es nicht vollbracht ist. Cold-Turkey, keine Gnade. Ich will niemanden sehen.

Ich schleiche so leise ich kann in mein Schlafzimmer und hocke mich knarrend auf das Bett. Mein Bauch quillt. Es klingelt wieder, klopft dann auch irgendwann laut. Scheiß-GEZ. Nach zwanzig Minuten verkrampften Lauschens stehe ich auf und gehe in die Küche zurück: ein Raum mit Tellern am Boden, einer wackeligen Standard-Spüle und einem schmutzigen Herd darin Der Apfel ist braunfleckig, das Küchenpapier getrocknet. Suchend blicke ich mich um. Aber hier ist nichts, was meinen brennenden Magen beruhigen könnte, ich habe vorsorglich keine schlimmen Sachen eingekauft, die mein Selbsterfahrungsexperiment gefährden könnten.
Mein Blick wandert über die Puddingpulvertütchen auf dem einzigen Regal an der Wand – Vanille und Schoko in einem „Umzugs-Survival-Paket“ wie meine Mutter mit Edding auf die Toppits-Gefriertüte drumherum geschrieben hat. „Für Inge! Willkommen zurück!“ Ich nehme eins der staubigen Päckchen in die Hand und lasse das Pulver knarren. Gott sei Dank habe ich keine Milch. Mein Willen ist so brüchig, ich würde mir sogar heißen Pudding den Hals hinunterlaufen lassen, nur um die Leere im Bauch und im Kopf zu füllen.



Der Spiegel hängt noch immer im Flur, er und ich, wir wurden nur unterbrochen. Er wartet, damit ich meine Abscheu bis ins Unendliche steigern kann. Meine Waage malträtiere ich nicht mal halb so oft. Mit Kilogramm-Angaben kann ich nicht umgehen, weil deren Bedeutung mein geistiges Fassungsvermögen übersteigen würden. Nein, nicht das geistige. Das seelische. 100,5. Kilo. Lebendgewicht. Schallgrenze durchbrochen.
Ich würde jetzt gern auch meine Oberarme betrachten. Wenn man sie ins richtige Licht dreht, kann man die Cellulite-Hügel sehen. Dazu muss ich mein T-Shirt aber erst mal ausziehen, was nicht leicht ist. Größe XL, damit ich mich selbst nicht sehen muss, beim Bücken oder beim Sitzen oder beim auf der Toilette hocken. Mit einem lauten Ausatmen ziehe ich das T-Shirt über den Kopf, Moment der Wahrheit, sieh hin, Inge.

Meistens weiß ich morgens schon beim Anblick meiner Füße auf dem Boden vor dem Bett, dass dieser Tag besonders anstrengend sein wird. Das sind Tage, an denen ich aufwache und das Gewicht auf meinen Knochen sich anfühlt wie eine Tonne, der Rücken schmerzt. Dann hätte ich am liebsten Abführmittel, um meine Innereien loszuwerden, damit ich nach weniger aussehe. Das sind Tage, an denen ich realisiere, das mein Oberkörper im Profil die Form einer geviertelten Birne hat. Den Anblick vergesse ich den ganzen Tag nicht mehr. Wohingegen mein Versprechen, für den Rest meines Lebens die fettigen Bedürfnisse zu bekämpfen, schnell vergessen ist: vergessen beim Anblick von einer aufgerissenen Tafel Vollmilch-Noisette, die Silberfolie zerknittert, beiseitegefegt. Hunger macht böse und Appetit ein armseliges Würstchen aus mir. Wenn ich wirklich Dopamin ausschütte, während ich Schokolade esse, dann bin ich ein Junkie.
Fast ist mir egal, ob ich meinem Körper schade oder nicht. Sport kommt nicht in Frage. Dann müsste ich raus, mich zeigen, frei zum Abschuss. Kinder, Jugendliche, Betrunkene. Die anderen gucken nur, das ist nicht besser. Hast du die gesehen? Fette Sau, faules Schwein. Schöne Beine, aber Gurken gehören ins Glas! So ein Trampel. Selbst schuld, was frisst die auch so viel! He, du fette Qualle, schmeckt der Eisbecher? Zählen mir jeden Bissen in den Mund, nur öffentlich essen ist noch schlimmer als öffentlich Sport machen. Die Sprüche, die kenn ich alle zu Genüge, hab ich erst vor vier Tagen wieder gehört. „Du bist eine ganz Nette, aber ich möchte im Moment keine Beziehung.“ Also stell dich dir endlich und sieh hin, Inge. Du willst einen Neuanfang, dann kriegst du ihn.

Der Busen hängt wenig verlockend auf dem oberen Bauchpolster ab, die ideale Zielgruppe meiner schwarzen Spitzenunterwäsche bin ich nicht. Ich verstehe die Dessous-Industrie nicht, die ab Größe 40 eigentlich nicht mehr produzieren dürfte. Ich packe meine Oberarme, meine Wangen, mein Doppelkinn. Immer habe ich eine gute Handvoll von mir selbst in den Fäusten. Ich greife an mir herum, wutentbrannt, als ich nun das ganze Übel in vollem Ausmaß vor mir sehe. Ich kann gar nichts mehr sagen, da ist kein bisschen Selbstironie mehr, ich packe nur zu, immer härter, der Ärger schmerzt in der Kehle. Ich kratze mir über die rosafarbene Haut und hinterlasse rote Striemen auf Bauch, Oberschenkel und Hüften, auf dem Hals und im Gesicht, mein Daumen brennt, ein dunkler Fleck sickert durch das Pflaster. Ich starre mich an, verzerre das Gesicht, Wuttränen laufen mir wenig befreiend über die Plusterbäckchen, meine roten Augen starren fassungslos auf die bleiche Haut, die sich vor dem Spiegel türmt. Ich stoße einen Heuler aus.
Bin fast blind vor Empörung, ich kriege keine Luft mehr. Als ich beginne, zu hyperventilieren, kriege ich Angst. Taumele ein paar Schritt zurück auf mein Schlafzimmer zu, stolpere über einen meiner Hausschuhe, mache einen Satz nach hinten und lande mit einem lauten Krachen stöhnend auf meiner Matratze. Wie ein umgeworfener Maikäfer liege ich melodramatisch schluchzend auf dem Bett, alle Viere von mir. Auf dem Rücken kriege ich noch schwerer Luft, ich stemme mich auf die Seite, verharre so wie ein gestrandeter Wal. Zehn, zwanzig, dreißig Minuten atme ich nur mit geschlossenen Augen. Lausche auf mich, auf meine verebbende Abscheu.
Ich werde das lassen. Keine Spiegelschockereien mehr. Ich habe genug, ich bin fertig, das ist keine erhellende Selbsttherapie, das ist scheiße.

100,5. Ich ziehe mich wieder an und die Nase hoch, rufe meine Mutter an. Endlich, sagt sie, hör ich was von dir. War vorhin bei deiner Wohnung, hat niemand aufgemacht, ich mach mir Sorgen, Inge. Ich stammele was. Und dann sagt sie: jetzt bist du soweit. Ich beobachte das schon eine Weile. Das ist der Punkt, zu dem dich niemand drängen kann. Ich komme vorbei, ich bin gleich da. Wir machen einen Plan. Wir schaffen das doch.


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17 Kommentare

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fyra
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2010 - 22:53 Uhr
fyra

mus sagte:
ok. Hätte man dann auch Apfelfuge sagen können? Apfelfuge klingt der Dramatik der Geschichte angemessen.

ich finde kluft dramatischer.

mus
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2010 - 23:00 Uhr
mus

gut, bei kluft ist die assoziation mit den speckrollen drin, die in ihrer gewaltigkeit natürlich auch etwas dramatisches haben.
dafür hat "fuge" die todesassoziation, also todesfuge halt, daran denkt der leser im derridaschen sinn sofort (oder im luhmannschen, mir egal). Jedenfalls bin ich weiterhin für Fuge.

fyra
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2010 - 23:02 Uhr
fyra

mus sagte:
dafür hat "fuge" die todesassoziation, also todesfuge halt, daran denkt der leser im derridaschen sinn sofort (oder im luhmannschen, mir egal). Jedenfalls bin ich weiterhin für Fuge.

aber wozu denn gleich tod? inge ist dick, aber nicht selbstmordgefährdet.

mus
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2010 - 23:07 Uhr
mus

fyra sagte:
mus sagte:
dafür hat "fuge" die todesassoziation, also todesfuge halt, daran denkt der leser im derridaschen sinn sofort (oder im luhmannschen, mir egal). Jedenfalls bin ich weiterhin für Fuge.

aber wozu denn gleich tod? inge ist dick, aber nicht selbstmordgefährdet.

na. da hat der autor das wesentliche wohl vergessen.

Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2010 - 23:40 Uhr
Aporia

Boah, fett! (Entschuldigt bitte die Jugendsprache.)

apollyon
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Mag ich Mag ich nicht

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29.12.2010 - 14:39 Uhr
apollyon

Dein Kommentar

aCauseDesGarcons
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2011 - 16:20 Uhr
aCauseDesGarcons

richtig schlimm und richtig gut.

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