09.02.2010 - 18:30 Uhr

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Die Verteidigung des Remix gegen den Betrug

Text: dirk-vongehlen

In der Debatte um die Abschreiberin Helene Hegemann verrutschen selbst renommierten Autoren die Begriffe. Zeit für eine Klarstellung

Man muss Helene Hegemann dankbar sein. Nicht wegen ihrer Feuilleton-Frisur oder gar wegen ihres Romans. Nein, Dank verdient die Berliner Autorin einzig, weil sie (vermutlich unfreiwillig) ein Thema auf die Tagungsordnung der Aufregung gehoben hat, das dringend mehr Aufmerksamkeit verdient: den Unterschied zwischen kreativem Remix auf der einen Seite und betrügerischem Plagiat auf der anderen. Um es vorweg zu sagen: Nach allem, was wir bisher wissen, hat Helene Hegemann betrogen. Sie hat für ihren Roman „Axolotl Roadkill“ weite Teile aus dem Buch und dem Blog des Berliner Autoren Airen abgeschrieben - und dies verschwiegen. Betrügerisch daran ist der zweite Teil des Satzes: Sie hat behauptet, das Buch stamme von ihr. In Wahrheit stammen aber – zumindest einige Teile – von (mindestens) einem anderen Autoren. Der Münchner Blogger Deef Pirmasens hat dies am Wochenende sehr eindrücklich dargelegt – und damit eine Aufregungsmaschine in Gang gesetzt, die seit dem munter die Begriffe durcheinander wirft. Um den Unterschied zwischen betrügerischem Plagiat und kreativem Remix zu verstehen, muss man sich neben Helene Hegemann den amerikanischen DJ Gregg Gillis vorstellen. Wo Hegemann ans Ende ihres Buches eine kurze Dankesliste mit Namen von Freunden und Verlagsmitarbeitern stellt, hat Gregg Gillis ins Booklet seiner letzten CD - quasi als Quellenangabe - eine Liste von über 200 Künstlern geschrieben, bei denen er sich kopierend bedient hat. Die Musik, die Gillis unter seinem Künstlernamen Girl Talk macht, besteht aus nichts anderem als aus Kopien. Er vermischt Schnipsel, Akkorde und Zitate aus anderen Liedern zu neuen Songs. Aber – und hier ist der bedeutsame Unterschied zu Helene Hegemann – Gregg Gillis verschweigt dies nicht. Im Gegenteil: Girl Talk ist genau für diese Form des Mashups bekannt, er bedient sich (ebenfalls anders als Hegemann) bei sehr bekannten Künstlern, nennt diese und stellt sie in neue Zusammenhänge. Der 29-Jährige aus Pittsburgh ist keineswegs der erste, der diese Form der kreativen Kopie nutzt. Die Liste der samplenden, remixenden und kopierenden Künstler ist vermutlich weit länger als die in den Booklets der Girl Talk-CDs. Urvater dieser musikalischen Form des Mischens und Kopierens ist vermutlich Grandmaster Flash, der für seine Single The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel vor fast 30 Jahren mittels dreier Plattenspieler aus fremden Material Neues entstehen ließ. In keiner Sekunde vermittelt dieses über sieben Minuten lange Lied den Eindruck, den Helene Hegemann in den vergangenen Wochen in jedem deutschen Feuilleton vermittelt hat. Man findet viele Bezüge in dem Song, aber die Aussage „Das ist alles von mir“ sucht man in den "Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel" vergeblich. Und darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen kreativem Remix und betrügerischem Plagiat.
Cover aus dem Jahr 1981: The Adventures of Grandmaster Flash on the Wheels of Steel Es lohnt sich, dies in Zeit der allgemeinen Aufgeregtheit zu betonen, denn selbst renommierten Autorinnen wie Felicitas von Lovenberg verrutschen dabei die Begriffe. Sie behauptet in der FAZ, der Plagiatsvorwurf gegen Helene Hegemann würde „heute nicht mehr Plagiat oder Abschreiben, sondern vorgangsgetreu „Copy-Paste-Verfahren“ oder auch Remix genannt“. Das verwechselt nicht nur die Begriffe, es ist auch falsch: Helene Hegemann hat keinen Remix angefertigt (was im übrigen auch etwas Grundsätzlich anderes als Copy-Paste ist), Helene Hegemann hat betrogen – und sie hat damit die lobenswerte Kultur des Remix in ein schlechtes Licht gerückt. Deshalb sollte man sich über Helene Hegemann aufregen, nicht weil sie es besonders jung zu besonderem Ruhm bei nicht mehr ganz jungen Feuilletonisten gebracht hat. Mehr zum Skandal um Axolotl Roadkill auf jetzt.de


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alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

8

09.02.2010 - 18:47 Uhr
alcofribas

für einen satz wie "ich geh jetzt den querzahnmolch durchgoogeln" wäre man vor nicht allzu langer zeit noch abgeholt worden.

rabatz
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Mag ich Mag ich nicht

2

09.02.2010 - 18:50 Uhr
rabatz

bei so etwas entsteht bei mir ein gewisser Ärger im Angesicht der Hilfslosigkeit des Autors Airen; Er hat bei einem kleinen Verlag veröffentlicht, ist nicht berühmt geworden, und dann kommt so eine kleines Mädchen mit Verbindung zu gewissen Leuten und schreibt einfach (fast) alles ab.
Denn auch obwohl es jetzt herausgekommen ist, wird Airen wohl kaum einen derartigen Ruhm erlangen.

Sonst kann ich zu Purcells Aussage nichts hinzufügen.

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

2

09.02.2010 - 18:51 Uhr
Ioana

jetzt lasst doch den armen blogger erstmal für sich sprechen bevor ihr euch zu seinem anwalt macht. ;)

kleeschnitzel
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Mag ich Mag ich nicht

0

09.02.2010 - 18:53 Uhr
kleeschnitzel

afrirali sagte:
ganz abgesehen davon ist ein literarischer text keine wissenschaftliche abhandlung, bei der man quellen genau zitieren muss. wie peinlich.

ach ja, aber ein song, den ich ja auch nicht einfach nachspielen und dann veröffentlichen darf, ist schon eine wissenschaftliche arbeit. wie peinlich.
100% für Artikel

synthie_und_roma
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15

09.02.2010 - 18:55 Uhr
synthie_und_roma

ich möchte den aufschrei sehen des users von jetzt.de der plötzlich seine besten sätze und absätze in dem buch einer total gehypten jungautorin findet, die zumindest mithilfe seines geistigen eigentums bücher ohne ende verkauft. total schäbig.

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

9

09.02.2010 - 18:58 Uhr
alcofribas

synthie_und_roma sagte:
ich möchte den aufschrei sehen des users von jetzt.de der plötzlich seine besten sätze und absätze in dem buch einer total gehypten jungautorin findet, die zumindest mithilfe seines geistigen eigentums bücher ohne ende verkauft. total schäbig.


für mich wäre es ein innerer reichsparteitag, helenchen bzw. ihren verlag abmahnen zu lassen, bis weißer rauch aufsteigt.

wollmops
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1

09.02.2010 - 19:01 Uhr
wollmops

alcofribas sagte:
innerer reichsparteitag


alco, Du bist wenigstens ehrlich :-D

synthie_und_roma
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Mag ich Mag ich nicht

0

09.02.2010 - 19:03 Uhr
synthie_und_roma

ich haps imma noch nicht verstanden: schreibt die in dem roman über nächte im berghain. aber die kommt da doch nie im leben rein. an diesem piercing-tattoo-monster, dass das eherne tor nach verpeilistan bewacht. wie will die das selbst erlebt haben?

JoergAuch
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Mag ich Mag ich nicht

1

09.02.2010 - 19:07 Uhr
JoergAuch

alcofribas sagte:
..., bis weißer rauch aufsteigt.

Hey, das ist irgendwo geklaut!
Copy & Paste?

DearMrSupercomputer
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Mag ich Mag ich nicht

3

09.02.2010 - 19:26 Uhr
DearMrSupercomputer

Ich freue mich auf eine junge deutsche Trivialliteratur, die von den Tücken und Freuden eines langweiligen, schönen und einfach ganz normalen Lebens einer Auszubildenden zur Zahnarzthelferin in Oldenburg erzählt (kommt sicher bald, nachdem jetzt auch der Letzte ob der Berghain-Drogen-Sex mit 1.000.000 Leuten-Skandal-Geschichten nur noch totmüde wird).

Zum Plagiat ist alles gesagt. Schon verwunderlich, wie dumm man als Deutschlands führende Intellektuellentochter sein kann.

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dirk-vongehlen

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